Der Familienbetrieb "Bürsten Ernst" in der Regensburger Altstadt bietet in der fünften Generation einzeln gefertigte Bürsten für jeden Bedarf. In 130 Jahren hat sich dabei vieles verändert, aber eines bleibt.

In den engen Gassen der Regensburger Altstadt verbirgt sich ein besonderer Ort, an dem Handwerkskunst noch immer großgeschrieben wird. Schauplatz Glockengasse, hier ist "Bürsten Ernst" zu finden. Bürsten über Bürsten und einiges mehr sind bereits in der Auslage zu erkennen. Waltraut Ernst ist gerade noch dabei, die letzten Dekorationen nach draußen zu tragen – ein paar Fußmatten.
Innen taucht man ein in eine Schatzkammer für Bürsten & Co.: Die 100 Jahre alten Regale reichen bis zur Decke und sind prall gefüllt mit Besen, Pinsel, Schrubbern und Naturprodukten. Jeder Winkel des kleinen Raumes ist gefüllt, Holzduft strömt durch die Luft. Das Sortiment ist so viel mehr, als der Name „Bürsten Ernst“ vermuten lässt: handgefertigte Haar-, Kleider- und Körpermassagebürsten aus Naturmaterialien stehen im Regal wie auch besondere Artikel wie Fassbürsten, Hirtenstäbe oder handgemachte Rosshaarbesen. Mit nachhaltigen Pflegeprodukten wie Seifen und Schuhcremes rundet Waltraut Ernst das Sortiment ab. Qualität ist heute wie an den Anfangstagen das Erfolgsrezept.
Peter Ernst gründete 1894 das Geschäft – heute wird es der fünften Generation geführt. Waltraud Ernst betreibt seit Jahren den Laden, den ihr Mann, der Enkel des Gründers, einst übernahm. Ihre Enkelin Sophie steht nun bereit, die Tradition 130 Jahre nach der Gründung ebenfalls fortzuführen.
Von der englischen Klobürste bis zur handgefertigten Haarbürste
Im hinteren Teil des Ladens beginnt die Bürstenmacherin, eine englische Klobürste herzustellen. "Warum die so heißt, weiß ich nicht", sagt sie mit einem Augenzwinkern. Sie setzt sich auf ihren Stuhl, nimmt die Bürste in die Hand, fängt an, die ersten Löcher zu befüllen und die Augen leuchten. Schnell und sicher arrangiert sie die Pflanzenfasern im Holz der Bürste. "Immer von innen nach außen", erklärt sie, während sie die Fasern weiter anordnet und exakt abschneidet. So arbeitet sie sich Reihe für Reihe vor, bis alle Löcher gefüllt sind – immer von innen nach außen. Das Holz, das sie verwendet, stammt aus dem Bayerischen Wald und wird speziell für ihre Arbeiten vorbereitet. Die englische Klobürste besteht aus zwei Holzteilen, nach dem Befüllen werden diese zusammenklebt.
Einfache Bürsten in 30 Minuten – aber es geht auch aufwendiger

Zwischen 30 und 45 Minuten braucht sie für eine der ausschließlich handgefertigten Bürsten. Am Ende hängt das Unikat für rund 25 Euro im Laden. "Ich mach’s gerne, sodass ich sehe, was ich heute geschafft habe." Andere Bürsten dauern noch länger. Je nachdem, wie viele Löcher mit Fasern oder Haaren befüllt werden müssen. Haarbürsten, Kleiderbürsten oder auch Besen sind besonders aufwendig. Spezialbürsten von anderen Bürstenmachern ergänzen das hochwertige Sortiment. Die Materialien, die dabei verwendet werden, sind so vielfältig wie die Bürsten selbst: Fiber, Ziegenhaar, Wurzel, Rosshaar, Siam oder Wildschweinborsten kommen zum Einsatz. Diese hochwertigen Naturmaterialien garantieren nicht nur eine lange Haltbarkeit, sondern auch eine besondere Funktionalität, da für jede Bürste die passende Naturfaser verwendet wird. „Ich kenne Ehepaare, die Bürsten vor über 40 Jahren gekauft haben und immer noch verwenden“, sagt Waltraut Ernst.
Einmal reparieren für zwei Gläser Honig
Während sie im hinteren Ladenbereich arbeitet, klingelt die Ladenglocke. Die erste Kundin des Tages tritt ein. Sie sucht eine Körpermassagebürste für Problemhaut und wird sofort fündig. Ein guter Bekannter bringt einen Besen zur Reparatur. „Das sind mir die liebsten Kunden“, scherzt sie, da der Besen nicht aus ihrem Laden stammt, sie ihn aber dennoch repariert. Als Dankeschön wird der Kunde wenige Tage später zwei Honiggläser ins Geschäft mitbringen. Zwei weitere Kunden kommen an diesem Vormittag vorbei: Ein Paar möchte nur stöbern, während eine andere Kundin gezielt nach einem Geschenk sucht – einer Seife. Fast alle, die hier einkaufen, kennen den Laden und schätzen seine Einzigartigkeit.
Statt Brauereien mehr Privatkunden
Der Kundenkreis hat sich im Laufe der Jahrzehnte aber gewandelt. „Wir haben früher viel für die Industrie gearbeitet. Etwa für Brauereien spezielle Fass- und Kellerschrubbern gefertigt.“ Diese würden heutzutage aber industriell gefertigte Bürsten bevorzugen. Sie berichtet, dass heute vor allem junge Menschen, die auf Nachhaltigkeit und Qualität achten, kaufen würden. Die Erkenntnis von Waltraut Ernst: Putzbürsten sind immer weniger gefragt, die Anforderungen und Gewohnheiten der Menschen haben sich verändert. Und so hat sich auch das Sortiment der Zeit angepasst. Früher dominierte die Nachfrage nach robusten Wurzelbürsten, die heute von weicheren, vielseitigeren Materialien abgelöst wurden.
Texas trifft auf Regensburger Handwerkstradition
Internationale Kunden sind für "Bürsten Ernst" keine Seltenheit. Ein vergleichbares Angebot an handwerklich gefertigten Bürsten findet sich in ganz Deutschland selten. "Das spricht sich herum", erklärt Ernst. Eine Kundin aus Texas etwa war begeistert von der Handwerkskunst und verbrachte den ganzen Nachmittag im Laden und fertigte sogar selbst eine Bürste an.
Die Zukunft des Handwerksbetriebs liegt in den Händen von Enkelin Sophie. Diese hat bereits vieles von ihrer Großmutter gelernt. Waltraut Ernst ist hoffnungsvoll, dass sie die Familientradition in der Glockengasse fortführen kann. Ob noch viele Generationen dazukommen? "So Gott will", sagt Ernst und setzt sich wieder auf ihren Stuhl. Reihe für Reihe, immer von innen nach außen.
Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.
