"Eine Fülle von Aufträgen"

Günther Oettinger, EU-Kommissar für Energie, erklärt im Gespräch mit der DHZ, wie die Europäische Kommission die Auftragslage im Handwerk durch EU-Initiativen beim Thema Energieeffizienz ankurbeln will.

Um den Energieverbrauch zu senken, müssten nach Ansicht von EU-Kommissar Günther Oettinger, hier beim Bundesverband Erneuerbare Energien, vor allem die Häuser saniert werden. +#x21e5;Foto: Clemens Bilan/dapd

"Eine Fülle von Aufträgen"

DHZ: Herr Oettinger, die Europäische Kommission hat Ende Juni einen Gesetzesvorschlag für mehr Energieeffizienz vorgelegt. Was bedeutet das?

Oettinger: Das bedeutet zunächst ganz einfach, dass der wirkungsvollere Einsatz von Energie in der aktuellen Debatte über Grundsatzfragen der Energieversorgung nicht zu kurz kommen darf. Wir sind heute zu rund 55 Prozent von Energieimporten aus Ländern außerhalb der EU abhängig; in 20 Jahren dürfte dies sogar noch auf einen Anteil von rund drei Viertel steigen. Kurz: Wir sind darauf angewiesen, mehr Energie zu sparen und wirkungsvoller einzusetzen. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, ihre Abhängigkeit von Rohstoff- und Energieimporten zu verringern.

DHZ: Welche Rolle spielt dabei die in Gebäuden genutzte Energie?

Oettinger: Eine wesentliche. Es ist richtig, dass wir in der EU das Ziel haben, ab 2040 nur noch Häuser zu bauen, die fast keinen Schadstoffausstoß mehr haben. Noch größer sind die Herausforderungen für die energetische Sanierung von Gebäuden, die aus dem 20. und auch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Besonders großer Bedarf besteht bei Gebäuden, die in der Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg schnell errichtet wurden. All diese enthalten ein enormes Potenzial, den gegenwärtig großen Energieverbrauch zu mindern.

DHZ: Was bedeutet dies konkret für die Handwerksunternehmen?

Oettinger: Eine Fülle von Aufträgen, für die in einem bestimmten Maße auch europäische Mittel eingesetzt werden könnten. Das reicht von der Dämmung von Wänden und Dächern über moderne und energieeffiziente Heizungs- und Klimatechnik im Keller bis zur besseren Steuerung des Verbrauchs.

DHZ: Sie fordern, dass die öffentliche Hand eine Vorbildfunktion bei der Energieeffizienz erfüllen sollte.

Oettinger: Genau. Ihr gehören rund zwölf Prozent aller Gebäude: Rathäuser, Schulen, Hochschulen, Krankenhäuser, Kindergärten, Kasernen. Wir wollen die Länder verpflichten, jährlich drei Prozent der öffentlichen Gebäude energetisch zu sanieren. Dadurch schaffen wir einen Wachstumsmarkt mit absehbar stabilen Aufträgen – für das Handwerk, Ingenieurbüros, Industrie und die gesamte Bauwirtschaft. Kurz: Es lohnt sich, in das Geschäftsfeld zu investieren – mittels Ausbildung und Einstellung von Fachkräften sowie Investitionen in Geräte und Material.

DHZ: Doch woher das Geld nehmen, fragen viele Kämmerer, die oftmals schon Probleme haben, die laufenden Kosten zu decken.

Oettinger: Das Drei-Prozent-Ziel müsste erreichbar sein. Damit hätte die öffentliche Hand bis zu 33 Jahre Zeit, ihren Gebäudebestand energieeffizient zu sanieren. Dafür brauchen wir jedoch verbindliche Vorschriften. Im Augenblick setze ich auf Freiwilligkeit der Länder. Sollten sich jedoch ungenügende Fortschritte zeigen, werden wir möglicherweise gezwungen sein, in zwei bis drei Jahren für einzelne Ländern Energieeffizienzpläne aufzustellen.

DHZ: Aber Private können doch nicht gezwungen werden?

Oettinger: Nein, aber wir brauchen zum Beispiel für den Vermieter Anreize. Er muss Investitionskosten auch in einem bestimmten Maße weitergeben können. Dafür sind teilweise Änderungen bei Gesetzen wie dem Bürgerlichen Gesetzbuch erforderlich.

DHZ: Zur deutschen Energiewende: Wie bewerten Sie die Entscheidung der Bundesregierung und welche Folgen hat sie für den europäischen Markt?

Oettinger: Wir akzeptieren die Entscheidung. Jetzt geht es jedoch darum, die weiteren Schritte mit den Nachbarländern abzustimmen. Das enthält etwa den Aufbau neuer Leitungsnetze und Stromproduktionseinrichtungen. Wir müssen den Binnenmarkt der Energie sichern. Das bedeutet für alle Energiekunden Versorgungssicherheit. Alle müssen auf dem europäischen Binnenmarkt jederzeit bezahlbaren Strom und Gas beziehen können. Über die notwendigen Konsequenzen werden wir im September im Kreis der europäischen Energieminister beraten.

DHZ: Und wie halten Sie es in Ihrem Leben mit der Energieeffizienz?

Oettinger: Ich brauche zu Hause nicht viel Energie, weil ich da ja fast nur zum Schlafen bin. Ich habe mir aber vorgenommen, die Gebäude der EU-Kommission in den kommenden Jahren dem Ziel einer hohen Energieeffizienz zuzuführen. Im Fuhrpark der Kommissare werden bereits heute ganz bewusst sparsame Diesel- und Benzinmotoren eingesetzt.

Interview: Hajo Friedrich