Verliebt in Bienenstich Eine Chinesin in Bayern: Auf dem Weg zur Konditorin

Die 20-jährige Li XinYi aus China absolviert eine Ausbildung zur Konditorin in einer Münchner Bäckerei. Ihr Traum: Einmal eine eigene Konditorei führen.

Vanessa Duldner

Die zwanzigjährige Li XinYi ist extra für ihre Ausbildung in der Bäckerei Traublinger von China nach Deutschland gezogen. - © Michael Schuhmann

Als Li XinYi zum ersten Mal in eine Semmel biss, erschienen ihr die deutschen Backwaren nicht gerade schmackhaft: "So etwas Hartes essen die hier?", fragte sich die Chinesin damals, vor rund zwei Jahren, ungläubig. Inzwischen gehört die "Brotzeit“ für die Zwanzigjährige zum Alltag dazu. "Besonders verliebt bin ich in Bienenstich und Prinzregententorte", sagt sie. Seit ihrem Umzug von China nach Deutschland spielen insbesondere die süßen Gebäckstücke eine Rolle in ihrem Leben, denn Li XinYi absolviert im zweiten Lehrjahr eine Ausbildung zur Konditorin in der Münchner Bäckerei-Konditorei Traublinger.

Bäckerei: Mitarbeiter aus 27 Ländern

Derzeit sind in dem Betrieb Mitarbeiter aus 27 Nationen beschäftigt. Bereits 1995 absolvierte eine asiatische junge Frau eine Ausbildung in der Bäckerei Traublinger, die mittlerweile eine erfolgreiche Bäckerei in Kobe betreibt. "Bis heute haben wir viel Kontakt", erzählt Geschäftsführer Heinrich Traublinger junior begeistert. Natürlich suche er aber auch für seinen eigenen Betrieb motivierten Nachwuchs, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Ob nun Abiturient, Quereinsteiger oder junge Menschen, die einen Kulturraumwechsel wagen, um eine Ausbildung im Handwerk zu beginnen – der Hintergrund sei aus seiner Sicht nicht ausschlaggebend. Traublingers Respekt gilt jedoch besonders den ausländischen Lehrlingen: "Hut ab vor dem Mut der jungen Menschen, die sich für eine Lehre fernab ihres Heimatlandes entscheiden." Im Tausch dafür biete er in seiner Bäckerei aber eine solide Ausbildung an, die häufig in einem festen Arbeitsverhältnis münde. Einzige Voraussetzung: "Die Liebe zum Beruf und zu den Lebensmitteln muss vorhanden sein."

So wie bei Li XinYi: Flink und behutsam zugleich taucht sie Nussgebäck in Zuckerglasur und erzählt von ihrer vor kurzem abgelegten Zwischenprüfung: "Ich war sehr aufgeregt, aber stolz auf meine allererste Torte – eine Ostertorte mit Pistazien und Marzipan."In ihrem Heimatland, verrät sie, habe sie rein gar nichts mit Torten und Gebäck am Hut gehabt. Der Beruf des Konditors sei in China schlichtweg nicht besonders verbreitet: "Aber das ändert sich langsam."

Eine Chinesin in Bayern: Kulturschock beim Start

Li XinYi stammt aus Chengdu in der Provinz Sichuan. Bekannt ist ihr Herkunftsort vor allem für eine Aufzucht- und Forschungseinrichtung für Pandabären. Nach Li XinYis Abitur in China machte ihre Tante, Mitarbeiterin im Betrieb Traublinger, der jungen Frau den Vorschlag, sich für eine Ausbildung bei ihrem Arbeitgeber zu bewerben. Dann ging alles ganz schnell: Ausbildungsvertrag, Visum, Deutschkurs und schließlich die Ankunft in München inklusive Kulturschock. "Es ist ein ganz anderes Leben hier", realisierte die junge Frau sehr schnell. In ihrem Freundeskreis stellt Li XinYi mit der Entscheidung, ins Ausland zu gehen und eine Lehre zu machen, eine Ausnahme dar. Ihre Freundinnen in der Heimat studieren allesamt an chinesischen Universitäten: "In China verläuft die Ausbildung eher theoretisch", erzählt Li XinYi. "Mir macht das handwerkliche Arbeiten aber sehr viel Spaß und ich bin gerne kreativ." Jedenfalls gefalle ihr der Gedanke, täglich etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, was andere Menschen wenig später mit Genuss verzehren. Allerdings sei die Umstellung von reiner Theorie zur Praxis für sie auch sehr ungewohnt gewesen: "Anfangs war ich viel zu langsam. In der Konditorei muss alles schnell und sorgfältig erledigt werden", bemerkt die Nachwuchs-Konditorin selbstkritisch. In ihrer kleinen Wohnung im Wohnheim der Maler- und Lackierer-Innung in München-Giesing habe sie allerdings keinen Backofen zum Üben. Dafür verbringt sie die Wochenenden regelmäßig bei ihrer Tante, bei der sie ihrer Freude am Teig formen und verzieren außerhalb ihres Ausbildungsbetriebs nach Herzenslust nachgeht. So durfte sich ihre Tante zum Geburtstag zum Beispiel über eine Buttercremetorte mit Bananen und Kirschen freuen.

Trotz Heimweh nach Familie und Freunden genießt Li XinYi ihr Leben in München. In ihrer Freizeit schlendert sie gerne über den Viktualienmarkt, geht mit Tante und Onkel in die Berge und trifft ihre Freunde aus der Berufsschule – am liebsten zum Kartoffelpüree essen, ihr Leibgericht.

Traum von eigener Konditorei

Wie es nach der Ausbildung für Li Xin­Yi weitergeht, weiß sie noch nicht. Weiter Berufserfahrung sammeln und vielleicht den Meister machen? Eines Tages ihre eigene Konditorei eröffnen? Am Wichtigsten sei ihr, so viel wie möglich von dem Wissen in ihrem Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule aufzusaugen und ihre Lehre erfolgreich zu beenden. Daran, dass der engagierten jungen Frau dies in ihrer bayerischen Wahlheimat gelingt, hat Heinrich Traublinger junior keinen Zweifel: "Allein sprachlich hat Li XinYi einen gewaltigen Sprung gemacht. Inzwischen versteht sie sogar Dialekt."