Auch wenn der Oktober schon in den letzten Zügen lag, frönte man in München vergangene Woche einer traditionellen Wiesn-Tradition: Die Bayern-Chefs traten an zum allseits beliebten "Hau den Lukas". Kolumne von Stefan Galler
Ein Watschenmann mit Nehmer-Qualitäten und ein Novize unter Beschuss
Meisterbetrieb: Kein Fußball von der Stange
Da frohlockt der Boulevard: Mit der einstmals grauen Maus Bayer Leverkusen kann endlich wieder Auflage gemacht werden. Die Tablettenkicker vom Rhein, durch Paradiesvogel Christoph Daum und Plauder-, sowie Quarktasche Calli Calmund zwischenzeitlich zwar schlagzeilenträchtig aufgewertet, aber zuletzt doch wieder arg in die mediale Bedeutungslosigkeit abgerutscht, machen zum Einen fußballerisch wieder von sich reden und grüßen nach aktuell elf Spieltagen von Platz zwei. Und sie haben einen echten Dressman an der Linie: Bruno Labbadia, der seinen ersten Job als Erstligacoach bekleidet ist stets adrett angezogen und hält es mit seinen Klamotten offenbar wie mit dem Spielstil, den er bevorzugt: Nur keine Massenware, Exklusivität muss sein, von der Stange ist Labbadias Sache nicht. Und so marschieren die Bayer-Balltreter von Sieg zu Sieg und überzeugen mit sehenswertem Offensivfußball. Aus Labbadia wird nun "Big Bruno", der "Meistertrainer-Besieger".
Denn, auch das haben spitzfindige Regenbogen-Reporter herausgefunden: Leverkusens Coach hat mit Armin Veh, Chistoph Daum, Thomas Schaaf und nun auch Felix Magath alle aktuellen Trainer der Liga geschlagen, die schon einmal Deutscher Meister waren. Bayer ist wieder hip, Fortsetzung folgt.
Gesellenstück: Boxfan Lukas haut zurück
Auch wenn der Oktober schon in den letzten Zügen lag, frönte man in München vergangene Woche einer traditionellen Wiesn-Tradition: Die Bayern-Chefs traten an zum allseits beliebten "Hau den Lukas". Und so wurde Balltreter Podolski flugs zum bajuwarischen Watschen-Mann umfunktioniert, Manager Uli Hoeneß machte ihm zum Vorwurf, seine Klasse nur gegen Gegner von der Qualität Liechtensteins zeigen zu können und Trainer Klinsmann fügte hinzu, dass "Poldis" Sturmkollegen Klose und Toni ihre Stammplätze bis auf weiteres sicher hätten. Zu wenig hätte Podolski zuletzt bei seinen Einsatzchancen gezeigt. Und weil es offenbar besonders viel Spaß macht, auf Wehrlose einzudreschen, musste sich die rheinische Frohnatur das Match gegen Bielefeld zunächst mal von der Bank aus ansehen. Klinsmann hatte sein System geändert, da gab es nur noch Platz für einen Stürmer, nämlich Klose. Oder soll man sagen, der Coach hätte sein System geändert, weil er nur noch einen konkurrenzfähigen Angreifer hatte?
Ganz egal, Poldi schlug jedenfalls zurück: Als Einwechsler avancierte er zum Vorbereiter und Torschützen und gab hinterher ziemlich beleidigt zu Protokoll, dass er sich "bis zur Winterpause Gedanken" machen werde. Außerdem wolle er mit Hinweis auf die Liechtenstein-Kritik beim Bundestrainer darum bitten, künftig nur noch gegen die Top 20 der Welt aufgestellt zu werden. Und weil es der Lukas endgültig leid war, dauernd gehauen zu werden, flog er am Abend nach Oberhausen zum WM-Boxkampf von Felix Sturm gegen Sebastian Sylvester. Vermutlich wollte Poldi einfach endlich wieder einmal miterleben, wie andere ordentlich was auf die Mütze bekommen.
Erstes Lehrjahr: Lächerliche Feuertaufe
Der ärmste Hund der Liga war an diesem Wochenende ein ganz junger, von denen es sprichwörtlich immer heißt, dass es ihnen besonders gut geht. Beim 20-jährigen Hertha-Torwart Christopher Gäng verhielt sich das am Samstag in Bremen jedoch etwas anders. Seine älteren Kollegen hatten sich offenbar dafür entschieden, dem Keeper-Welpen eine Feuertaufe zuteil werden zu lassen, wie sie zum Beispiel in der Grundausbildung bei der Bundeswehr ganz normal ist: Ein junger Rekrut muss sich zu Beginn erst mal ordentlich lächerlich machen, erst dann ist er akzeptiert. Und so beschlossen die erfahrenen Hertha-Spieler, den Buben im Kasten mal ohne Schutz den Attacken der wütenden, weil zuletzt extrem erfolglosen Bremer auszuliefern. Als gelungene Ouvertüre haute Berlins Kacar dem verblüfften Gäng den ersten Streich gleich selbst ins Netz, Diego durfte den Torwart-Novizen ungehindert mit einem Zauberheber düpieren, Rosenberg zirkelte ihm die Kugel durch die Beine. Am Ende stand ein 1:5-Debakel aus Sicht der Hauptstädter und für den jungen Mann im Kasten gleich zwei tröstliche Erkenntnisse: Erstens war die List der Kollegen ziemlich in die Hosen gegangen, sie hatten sich nämlich mindestens genauso blamiert wie er selbst. Und zweitens haben auch ganz Große mal ganz klein angefangen. Bei der 0:4-Abreibung des Karlsruher SC in Köln am 27. November 1987 etwa erlebte ein junger Torwart ebenfalls eine total missratene Premiere: Oliver Kahn.
Zwei linke Hände: Der Mann vom Radio und die verflixte 13
Man kann Fußballern ja gut und gerne mangelnde Bildung attestieren, Beispiele von ausgesprochen limitierten Geistern gibt es in der Geschichte der Bundesliga ja mehr als genug. Ihnen aber zu unterstellen, nicht mal bis zum unteren zweistelligen Bereich zählen zu können, ist dann doch ein bisschen dreist. So versuchte am Samstagnachmittag ein ziemlich motivierter Hörfunkreporter, den Hoffenheimer Torjäger Vedad Ibisevic mit Vehemenz davon zu überzeugen, nicht etwa 13, sondern bereits 14 Saisontreffer auf dem Konto zu haben. Der beste Torjäger der Liga widersprach zweimal einigermaßen bestimmt, gab dann leicht resigniert nach, ließ aber in seinen Ausführungen die 13er Marke dann doch zwischen den Zeilen noch einmal unauffällig fallen. Der wackere Radiomann hätte eigentlich wissen müssen, dass Stürmer vielleicht mal vergessen, wie viele Autos sie in der Garage haben oder zum wievielten Mal sie verheiratet sind – jedoch nichts genauer kennen als ihre aktuelle Torquote. Aber zumindest eines an dieser Geschichte ist aus Hoffenheimer Sicht ein Novum: Endlich einmal wurde der Aufsteiger nicht unter-, sondern überschätzt.