Mit allen Sinnen widmet sich Heinz Theobald seinem Handwerk. Der Fassbodenschnitzer zaubert seit Jahrzehnten Porträts, Logos und Schriftzüge in Fässer. Dabei verknüpft er auf einzigartige Weise sein Handwerk mit Musik und Marketing

Die Nachmittagssonne taucht die barocken Fassaden der Würzburger Residenz in ein goldenes Licht. Der Brunnen auf dem Residenzplatz plätschert leise, während Spaziergänger und Touristen die Weite des Weltkulturerbes genießen. Unter der Erde liegt das Herzensprojekt von Heinz Theobald an diesem Ort; und somit für die meisten Menschen zunächst unentdeckt. Durch einen langen Torbogen eröffnet sich ein Innenhof, durch den die Vinothek im Rosenbachpalais sichtbar wird. Im Inneren dominiert schlichte Eleganz und natürliche Materialien: Weinflaschen reihen sich auf groben Natursteinblöcken.
Von dort geht es mit einem in die Jahre gekommenen Aufzug hinab in den staatlichen Hofkeller. Die Luft ist durchzogen von feuchtem Stein und dem subtilen Aroma von Holz, das die Historie dieses besonderen Ortes greifbar macht. Hier führt der Weg in den Stückfasskeller. Dort ruhen in der Tiefe 100 Stückfässer bis unter das Gewölbe gestapelt in Reih und Glied. Sie tragen die Überlieferungen ihrer Paten auf der hölzernen Haut und zeigen das Handwerk der Fassbodenschnitzerei, dem sich Heinz Theobald gewidmet hat.
Mit dem Anblick seiner Herzensprojekte erzählt er voller Hingabe von den einzelnen Umsetzungen seiner Auftraggeber. "Ziel meiner Holzbildhauerei ist es, die Ideen und Vorstellungen meiner Auftraggeber so umzusetzen, dass eine Identifikation mit dem fertigen Werkstück hergestellt werden kann. Es entsteht ein bleibender Wert."
Kein Ausbildungsberuf, sondern Berufung
Die Leidenschaft für die Holzbildhauerei entdeckt er nicht auf dem ersten Bildungsweg. Ursprünglich führte ihn dieser in die Welt des Marketings, der Veranstaltungs- und Gastronomieplanung, in der Theobald über Jahrzehnte erfolgreich tätig war. Während seines Studiums in der Betriebswirtschaftslehre ergaben sich 1977 autodidaktisch erste Berührungen mit dem Handwerk. Der damals 23-Jährige widmete sich vermehrt der Holzbildhauerei. Mit der Zeit wuchs die Faszination für das Arbeiten mit Holz. 2006 wagte er den Schritt: Er machte sein Hobby zum Beruf, gründet "Kunst & Konzept" und folgte seiner Passion. Seine Nische ist die Fassbodenschnitzerei. Als einer der letzten widmet er sich einem heute zunehmend in Vergessenheit geratenen Handwerk. Neben Privatpersonen sind Städte, Weingüter und Firmen seine Kunden.
Bei einem schweifenden Blick durch die Regale zieren die Fassböden Schriftzüge, Firmenlogos und Porträts. Unter anderem lächelt Wilhelm Conrad Röntgen dem Betrachter entgegen. Unser Rundgang führt uns wieder ans Tageslicht und hier geht es durch die pulsierende Würzburger Innenstadt zu einem weiteren Auftrag. Heute sei er allein unterwegs, erklärt er im Trubel. Aber es gebe einen Nachfolger – Sascha Bartmann werde sein Handwerk fortführen und am Leben erhalten.
"Ich sehe mit meinen Fingern"

Wenn er über sein Handwerk spricht und dabei immer tiefer in sein Fachgebiet eintaucht, eröffnet sich dem Zuhörer ein faszinierender Einblick in eine versunkene Welt: eine Vielfalt an Werkzeugen, Farben und Motiven, mit deren Hilfe ein Fass in ein Kunstwerk verwandelt werden kann. Mit Begeisterung überlegt sich Theobald revolutionäre Konzepte und denkt sich in innovative Ansätze hinein, um die Grenzen seines Könnens und seiner Möglichkeiten stetig zu erweitern.
Dies gelingt ihm vor allem durch die Stimulation mehrerer Sinne, denn besonders leicht fällt Heinz Theobald das Schnitzen, wenn Musik, am liebsten Hard-Rock-Songs seine Schläge begleiten. Er erklärt: "Der Mensch hat mehrere Sinne und mit dem Rhythmus der Musik ist es möglich, seine Leistungsfähigkeit zu steigern." Dafür hat er sich über Jahre eine unglaubliche Sammlung an Liedern zusammengestellt. "Ich habe auf meinem Computer eine Vielzahl von Songs. Ich habe diese alle nach Schnelligkeit und nach Genre Rock, Pop und Metal sortiert." Schmunzelnd dreht er die Musik im Auto lauter auf, als der erst wenige Jahre alte Rocksong Mary on a Cross von der Band Ghost loswummert.

Präzision durch Werkzeuge

Neben der Musik braucht es noch weitere Hilfsmittel, um die Weinfässer zu bearbeiten. Durch das rhythmische Klopfen des Holzklüpfels auf den Geißfuß, werden Linien gezeichnet, die von einer unsichtbaren Idee erzählen. Frisches Holz liegt in der Luft, Holzspäne am Boden. "Ich mache das bewusst nicht mit Maschinen, denn ich schnitze nur Unikate und Einzelstücke. Maschinen lohnen sich erst, wenn du von einem Teil mehrere Stückzahlen anfertigst. Außerdem verkümmern durch die Technik die menschlichen Fähigkeiten", erläutert Theobald. Die Fässer bezieht er vom Holzküfer Andreas Aßmann aus dem nördlich von Würzburg gelegenen Eußenheim. Der Einfachheit halber schnitzt er nicht selten direkt vor Ort. Denn im Gegensatz zum Weinkeller beim Kunden stehen die Fässer in der Küferei auf einer Fassbodenseite.
Um sie herum kann eine Arbeitsbühne gebaut und damit das Motiv von allen Seiten gut geschnitzt werden. Die Fassgrößen variieren: vom Fünf-Liter Whiskyfass bis zu Fässern mit 10.000 Litern Volumen. Den Preis seiner Arbeit rechnet Heinz Theobald nicht rein nach der benötigten Zeit ab: Fassfläche, Aufwand und entstandenen Fahrtkosten zählen zusammen. Auf die Frage, wie viele Fässer er schon in seiner Karriere geschnitzt habe, zuckt er mit den Schultern und antwortet: "Schwer zu sagen, aber so 500 Fässer werden es wohl gewesen sein."
Dank seines beruflichen Hintergrunds weiß Theobald sein Handwerk auf spezielle Weise in Szene zu setzen. "Wenn du das Marketing mit der Holzbildhauerei in Verbindung bringen willst, musst du eins machen, und zwar dir eine positive Alleinstellung schaffen. Diese kriegst du eigentlich nur, wenn du die Bedürfnisse deiner Kunden im Rahmen deiner Möglichkeiten anfängst zu realisieren." Unter dieser Prämisse entstand sein eigenes Event Wood-Rock. Eine Kombination aus der klassischen Weinprobe, Rockmusik und Live-Schnitzen. Die Musikzusammenstellung ist auch hier durchdacht und auf jede Weinsorte abgestimmt. Das Ziel: eine Explosion der Sinne, aber auch ein Spiel mit den Emotionen der Teilnehmer. "Die Menschen vergessen, was du gesagt oder getan hast. Aber wie sie sich bei dir gefühlt haben, vergessen sie nie." Sagt es, beugt sich wieder zum Fass und schnitzt weiter.
Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.