Dieter Hoeneß, Berlins Manager, übt sich schon mal im Tanz um die Deutsche Meisterschaft. Dieser Part fällt normalerweise seinem Bruder Uli zu. Doch der hat momentan trotz 5:1-Sieg über Hannover nicht viel zu tanzen. Unterhaltsamer geht es da schon auf Schalke zu. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler
Ein treffsicherer Zopf, solidarische Niedersachsen und die Wanderbühne Schalke
Meisterbetrieb: Tanzbär in Ekstase
Dieter Hoeneß beteuerte hinterher, "nicht die ganze Woche geübt" zu haben – und jeder, der den leicht ungelenken Ausdruckstanz des Hertha-Managers inmitten des Spielerkreises nach dem 3:1-Erfolg in Cottbus gesehen hat, dürfte von dieser Aussage nicht überrascht gewesen sein. Der Berliner Tanzbär könnte schon bald in die engere Wahl kommen, wenn es darum geht, der Hauptstadt ein neues Wappentier zu verschaffen, denn noch nie war Hertha BSC so nah dran, endlich den schier unheimlichen Fluch zu beenden: Seit 78 Jahren hat die "Alte Dame" keinen Meistertitel mehr errungen – und nun führt das Team die Tabelle mit vier Punkten Vorsprung an.
In 73 Prozent der Fälle wurde der Spitzenreiter nach dem 23. Spieltag am Saisonende auch Champion, doch nach wie vor übt man sich bei den Berlinern in Understatement. Es drängt sich dennoch der Verdacht auf, dass Trainer Lucien Favre mit seiner Art, das Team umzukrempeln, auf dem richtigen Weg ist. Alte Zöpfe schnitt der Schweizer ab, zum Glück allerdings nicht den von Andrey Voronin, denn der Ukrainer schnürte nach seinem Doppelpack vor ein paar Wochen gegen die Bayern diesmal in der Lausitz gleich einen Dreierpack und traf dabei immer fast postwendend, nachdem Energie eine Riesenchance vergeben hatte. So wird man wohl Meister – und der neutrale Beobachter freut sich schon auf Dieter Hoeneß‘ Tanz in den Mai.
Gesellenstück: Klebriger Zauber-Zwerg
Trainer-Urgestein Hans Meyer konnte es wohl selbst kaum glauben, dass seine Mannschaft gerade den Tabellenzweiten aus dem Stadion geschossen hatte. In einem Rundfunkinterview sprach er mit eiserner Überzeugung davon, seine Gladbacher hätten es mit "Hannoveranern" zu tun gehabt. Solche hatte zwar vielleicht die berittene Polizei am Borussia-Park dabei, auf dem Rasen jedoch standen tatsächlich elf Hamburger, die wie gewohnt auswärts die Punkte abgaben. Erstaunlich jedoch die Art und Weise, wie die Fohlen-Elf die Hanseaten schwindlig spielte: 4:1 stand es am Ende, Gladbach gab erstmals seit Anfang Dezember die Rote Laterne ab (an den KSC) und feierte hinterher Zauber-Zwerg Marko Marin. Ausgerechnet den hatten die Hamburger bereits im Winter verpflichten wollen, doch da war selbst mit den gebotenen zehn Millionen Euro Ablöse nichts zu machen. Marin hängt an seiner Borussia, kein Wunder also, dass sein erster individueller Werbevertrag mit einem renommierten Klebstoffhersteller zustande kam. Im Spot wird der Ausnahmekicker an den Füßen an der Zimmerdecke angepappt. Die Bodenhaftung sollte der 19-Jährige dennoch nicht verlieren – dafür sorgt schon der ältere Herr an der Seitenlinie.
Erstes Lehrjahr: Aufbau Süd
Die Sache mit dem Solizuschlag ist ja einigermaßen nachvollziehbar, schließlich sollen früher oder später dann doch auch im Osten blühende Landschaften entstehen, dafür müssen westdeutsche Steuerzahler eben ein bisschen tiefer in die Tasche greifen. Warum sich aber der Fußballverein Hannover 96 am Samstagnachmittag zu einer beispiellosen Aktion unter dem Motto "Aufbau Süd" bereit erklärt hat, ist dann doch rätselhaft. Schließlich hat der von den Niedersachsen subventionierte Klub schon 21 Deutsche Meisterschaften im Kontor, da dürfte auch ein titelloses Jahr nicht die unmittelbare Insolvenz zur Folge haben. Doch die Bayern nahmen die Hilfe aus dem Nordwesten der Republik gerne an und schossen sich herzhaft aus der Krise: 5:1 siegten die Münchner gegen die auswärts einmal mehr bemitleidenswert auftretende Elf von Dieter Hecking.
Und das obwohl die Gastgeber alles andere als souverän auftraten und sich insbesondere die Defensivspezialisten Lucio und Demichelis zum wiederholten Male für eine Nachhilfestunde in der kleinen Technikschule empfahlen: Der Ball sprang Beiden immer wieder so unkontrolliert von der Fußspitze, dass man sich an die aktive Zeit von "Flipper" Jürgen Klinsmann zurückerinnerte. Der wiederum konnte dann am Samstagabend seinen reservierten Rückflug in die USA doch noch mal bis auf Weiteres stornieren, womit der ausgeliehene und nun unfrei nach Los Angeles zurückgeschickte Landon Donovan die lange Reise alleine antreten muss. Darüber beschweren kann er sich bei den angeblich so solidarischen Balltretern aus Hannover.
Zwei linke Hände: Wo das Chaos herrscht
Die Einen hauen sich die Köpfe ein und haben sich sofort wieder lieb, wenn mal zufällig drei Punkte eingefahren werden – die Anderen entwickeln nach einem Sieg erst so richtig Lust auf Keilerei. Selbstverständlich zählt die Wanderbühne Schalke 04 zu letzterer Spezies. Da eiern sich die Königsblauen am Freitag zu einem 1:0-Sieg gegen Köln (wobei das Siegtor von Jones zu den schönsten S04-Momenten in dieser Saison zählt) und dennoch geht es während und vor allem nach dem Spiel zu wie beim Preisboxen auf der Kirmes: Die Fans variierten bei ihren Schmähgesängen immer nur den Adressaten, einmal wurde Trainer Rutten, dann wieder Manager Müller der Abschied nahegelegt. Und hinterher schlugen dann die Bosse zu, der Aufsichtsrat traf sich zu einer Krisensitzung und hat dabei angeblich schon mal die Ablösung von Andreas Müller beschlossen.
Vor einigen Tagen hatte sich der Manager schon mit einem echten Gelsenkirchener Original angelegt: Seinen Vorgänger Rudi Assauer bezeichnete er in einem Interview als proletenhaft. Da drängt sich der Verdacht auf, dass Müller gar nicht weiß, in welchem sozialen Umfeld er eigentlich arbeitet. Aber das dürfte sich ja dann ohnehin bald erledigt haben.
Trainer Fred Rutten soll übrigens Müllers Aufgabenbereich gleich mit übernehmen, bloß fraglich, ob damit auf Schalke alles besser wird. Das wirkt irgendwie so, als würde man einem Schüler, der kurz vorm Durchfallen steht, noch schnell ein neues Hauptfach aufs Auge drücken. Die Versetzung Ruttens bleibt jedenfalls so oder so stark gefährdet.
