Die bislang zwölf Bundesversammlungen waren stets auch Spiegel der jeweiligen Machtverhältnisse oder sich verschiebender Kräftekonstellationen.
Ein Streifzug durch zwölf Bundesversammlungen
So spannend wie am 5. März 1969 aber ist noch keine andere Bundespräsidentenwahl gewesen: In Bonn regierten CDU/CSU und SPD zusammen in der Großen Koalition, in der Berliner Ostpreußenhalle lassen sie zwei Mitglieder des Bundeskabinetts gegeneinander antreten. Für die Union kandidierte Gerhard Schröder (nicht zu verwechseln mit einem späteren Bundeskanzler), lange Jahre erst Innen-, dann Außen-, schließlich Verteidigungsminister; für die SPD bewarb sich Justizminister Gustav Heinemann, einst als CDU-Mitglied selbst Innenminister unter Adenauer und mittlerweile Sozialdemokrat.
In den beiden ersten Wahlgängen bekam keiner die erforderliche absolute Stimmenmehrheit, Schröder lag knapp hinter Heinemann. Im dritten Wahlgang reichte die relative Mehrheit: Heinemann gewann mit 50,0 Prozent der abgegebenen Stimmen. Den Ausschlag gab die FDP, die damit den ersten Sozialdemokraten ins höchste Staatsamt der Bundesrepublik hievte: "Ein Stück Machtwechsel", kommentierte der das Ergebnis – bald darauf verbannte die sozialliberale Koalition die Union auf die Oppositionsbänke.
Auch am 23. Mai 2004 ging es knapp zu in der Bundesversammlung. Horst Köhler, der Kandidat von Union von FDP, wurde zwar im ersten Wahlgang mit der absoluten Mehrheit gewählt – ein Wetterleuchten für die rot-grüne Koalition, die 2005 zu Ende geht. Mit 589 zu 604 Stimmen unterlag SPD-Kandidatin Gesine Schwan aber nur überraschend knapp.
Nicht immer bot die Bundesversammlung einen solchen "Wahlkrimi". 1979 und 1984 etwa war der Ausgang schon im Voraus klar, da CDU und CSU über die absolute Mehrheit in dem Gremium verfügten. Da half es der SPD 1979 auch nichts, mit Ex-Bundestagspräsidentin Annemarie Renger erstmals eine Frau ins Rennen zu schicken.
Renger, die gegen den CDU-Mann Karl Carstens unterlag, war auch für ihre Partei nur "zweite Wahl": Ursprünglich hatte die SPD die Kandidatur dem hoch angesehenen Physiker und Philosophen Carl-Friedrich von Weizsäcker angetragen, der jedoch dankend abwinkte. Andernfalls hätte er wohl mit seinem jüngeren Bruder Richard die Erfahrung teilen müssen, in der Bundesversammlung zu unterliegen.
Richard von Weizsäcker nämlich hatte bei der vorherigen Wahl 1974 als Unions-Bewerber gegen die sozialliberale Mehrheit und deren Kandidaten Walter Scheel von vornherein keine Chance. Beim zweiten Anlauf durfte er sich dafür zehn Jahre später über zahlreiche Stimmen auch der SPD und ein Spitzenergebnis von 80,9 Prozent freuen.
Bei seiner Wiederwahl 1989 gab es zum einzigen Mal keine Gegenkandidaten: Der Amtsinhaber galt als Idealbesetzung und wurde mit 86,2 Prozent bestätigt – ein Wert, den nur Gründungspräsident Theodor Heuss bei seiner Wiederwahl 1954 mit 88,2 Prozent übertraf.
Heuss hatte damals ebenfalls die Zustimmung auch der meisten Sozialdemokraten gefunden. Bei der ersten Bundespräsidentenwahl 1949 hingegen musste er sich noch gegen deren Vorsitzenden Kurt Schumacher durchsetzen.
"Pfui"-Rufe gab es bei Heuss' Wiederwahl 1954. Bei Bekanntgabe des Wahlergebnisses fand sich eine Stimme für Karl Dönitz, den noch als Kriegsverbrecher inhaftierten Kurzzeit-Nachfolger Hitlers als Reichspräsident. Dass auf einem weiteren Stimmzettel der Enkel Wilhelms II. und Chef des Hauses Hohenzollern, Louis Ferdinand, als Staatsoberhaupt gewünscht wurde, erregte 36 Jahre nach dem Sturz der Monarchie nur noch Heiterkeit in der Bundesversammlung.
Auch auf Konrad Adenauer entfiel damals eine Stimme, obwohl er wie Dönitz und der Preußen-Prinz gar nicht nominiert war. Um so enger ist der Name des ersten Bundeskanzlers mit der Präsidentenwahl 1959 verbunden, für die er zunächst seine Bewerbung angekündigt hatte. Erst drei Wochen vor der Wahl machte er einen Rückzieher, um weiter als Regierungschef die "Richtlinien der Politik" bestimmen zu können. Heuss-Nachfolger wurde schließlich Landwirtschaftsminister Heinrich Lübke (CDU). Bei dessen Wiederwahl 1964 verzichtete die SPD – im Gegensatz zur FDP – auf einen Gegenkandidaten: ein Vorbote der Großen Koalition.
Gleich vier Gegenkandidaten musste sich 1994 Roman Herzog stellen. Als Unions-Kandidat für deren ursprünglichen, dann aber zurückgezogenen Bewerber Steffen Heitmann aus Sachsen angetreten, konnte sich Herzog erst im dritten Wahlgang mit Unterstützung der FDP gegen Johannes Rau behaupten. Wie Weizsäcker schaffte Rau es erst im zweiten Anlauf an die Spitze der Republik. Verheiratet mit einer Enkelin seines politischen Ziehvaters Heinemann, musste er sich dabei 1999 auch gegen dessen von der PDS nominierte Tochter Uta Ranke-Heinemann durchsetzen. Der zweite Sozialdemokrat im höchsten Staatsamt nahm es mit Humor: "An dem Wort 'Familienbande' ist viel Wahres daran", bemerkte er launig – nach seiner Wahl, natürlich.
Helmut Stoltenberg/Nikolaus Sedelmeier/ddp