Die Mehrheit der Friseure befürwortet den Mindestlohn. Vor allem als Vorteil für die Nachwuchswerbung. Wird die Lohnuntergrenze allgemeinverbindlich, rechnen einige mit einer Marktbereinigung.
Frank Muck

Sibylle Hain ist froh über den Mindestlohn. Auch wenn es für viele Friseurbetriebe in Thüringen und Sachsen-Anhalt schwierig sein werde, "das zu stemmen", wie die Landesinnungsmeisterin aus Thüringen und Sachsen-Anhalt sagt. Schließlich gebe es gerade in Ballungsgebieten einen Unterbietungswettbewerb bei den Preisen.
Sie selbst bedient in ihrem Geschäft in Erfurt Kunden, die viel Wert auf Qualität legen und entsprechende Preise bezahlen. Ein Preisaufschlag sei denen durchaus zu vermitteln. 80 Prozent ihrer Kunden hätten dafür vollstes Verständnis. Noch sind die Friseure bei den Kosten im Vorteil, die nicht dem Arbeitgeberverband angehören und sich somit nicht an den Mindestlohn halten müssen. Doch die Friseurmeisterin glaubt fest daran, dass es bis zum November eine Allgemeinverbindlichkeitserklärung für den Mindestlohn geben wird, der alle Betriebe der Branche und nicht nur die Innungsbetriebe zu einer Einhaltung verpflichtet.
Noch gebe es einige Betriebe, die sich der Tarifgemeinschaft nicht angeschlossen hätten und den Mindestlohn nicht zahlen, berichtet Cornelia Scheuer-Barthel, Landesinnungsmeisterin Friseurhandwerk Sachsen. Doch die Friseurmeisterin aus Mülsen sagt, dass jeder Betriebsinhaber das für sich allein entscheiden müsse, gibt aber zu bedenken, dass diese Hawltung den Betrieben auf die Füße fallen könnte, wenn es zu einer Allgemeinverbindlichkeitserklärung kommt.
Noch herrschen viele Vorurteile über die Bezahlung
Deutlich gelassener hat Annette Beine dem Mindestlohn entgegengesehen. "Es muss das Mindestmögliche sein, Friseure ordentlich zu bezahlen", sagt die Obermeisterin der Friseurinnung Bodenseekreis. Für Baden-Württemberg sei die Einführung auch nicht das Problem gewesen. Das Land habe bereits einen Mindestlohn mit der niedrigsten Lohnstufe von 8,06 Euro gehabt. Annette Beine zahlt sowieso mehr. Insofern sei der Mindestlohn Konsens unter den Friseuren gewesen.

Das bestätigt auch Matthias Moser, Geschäftsführer des Landesinnungsverbandes Baden-Württemberg. "Wir haben lange Vorarbeit geleistet in den Landesinnungsverbänden und im Zentralverband", sagt er. Es sei grundsätzlich niemand gegen den Mindestlohn. Da in Baden-Württemberg durchschnittlich mehr bezahlt wurde, müssen die dortigen Friseure nicht mit sehr viel höheren Kosten rechnen.
Der schlechte Ruf sorgt für Nachwuchsprobleme
Umgekehrt versprechen sich die Betriebsinhaber ein besseres Image von der Einführung eines Mindestlohns. Denn mit ihren scheinbaren oder tatsächlichen Dumpinglöhnen gelten sie immer noch als schlechte Zahler im Handwerk. Mit dem Mindestlohn soll sich das ändern, wünscht sich Annette Beine. Sie macht derweil Werbung für die höheren Löhne bei den Kunden. Denn noch herrschten viele Vorurteile. Des Öfteren hätten empörte Kunden bei ihr nachgefragt, ob ihre Mitarbeiterinnen auch so wenig Geld bekämen. Und leider sei noch nicht so durchgedrungen, dass die Friseure auch schon vorher besser waren als ihr Ruf.
Seite 2: Auch die Friseurketten sind der Tarifgemeinschaft beigetreten. >>>
Das schlechte Image hält sich aber nicht nur bei den Kunden. Es habe in den vergangenen Jahren neben der demografischen Entwicklung zu akuten Nachwuchsproblemen geführt. Das ging so weit, dass zum Beispiel der Berufsschul-Standort im Bodenseekreis geschlossen werden musste. Im vergangenen Jahr fiel laut Zentralverband die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 4,3 Prozent. Auch die Zahl der Ausbildungsbetriebe sei durch den Verdrängungswettbewerb mit seinem aggressiven Preiskampf deutlich gesunken.
Attraktivität des Berufs soll steigen
"Das Ansehen des Berufs ist so runtergerutscht", sagt auch Sibylle Hain. Sie selbst betreibt einen 150 Quadratmeter großen Salon mit fünf Mitarbeiterinnen und neun Plätzen in der Erfurter Innenstadt. Bei ihrer Kundenstruktur hat sie nur indirekt unter der Konkurrenz von zwei dort ebenfalls ansässigen Billigfriseursalons zu leiden. Viel mehr leide sie darunter, dass es fast unmöglich sei, qualifizierten Nachwuchs zu finden. "Die Attraktivität des Berufs sollte mit dem Mindestlohn wieder steigen", erwartet Hain.
Was die Landesinnungsmeisterin jedoch besonders freut, ist der breite Konsens unter den Arbeitgebern. Einer im Februar gegründeten Tarifgemeinschaft seien neben den Verbänden und kleineren Unternehmen auch alle Friseur-Ketten beigetreten. Wenn dann zum Jahresende eine Allgemeinverbindlichkeitserklärung kommt, werde es eine Marktbereinigung geben, erwartet Sibylle Hain. Die Billiganbieter könnten dann ihre niedrigen Preise nicht mehr halten. Hain: "Das könnte für viele bedeuten, dass sie die Tür zumachen müssen."
Mindestlohn der Friseure
Am 1. August 2013 ist der Tarifvertrag mit Mindestlöhnen von 6,50 Euro im Osten und 7,50 Euro im Westen in Kraft getreten. Ein Jahr später sollen diese Löhne dann auf 7,50 Euro im Osten und 8,00 Euro im Westen steigen. Im letzten Schritt soll der Mindestlohn bis zum 1. August 2015 auf 8,50 Euro ansteigen.