Vorteil Hoffenheim: Der Aufsteiger ist Herbstmeister. Trotzdem: Die Fans des FC Bayern München hatten neben der Trauer über den verlorenen imaginären Titel auch etwas zu feiern. Ein gestohlener Fanbus ist wieder aufgetaucht, nur das geladene Bier fehlte. Kolumne von Stefan Galler
Ein Polizeifund an der moldawischen Grenze und jede Menge Holzhacker
Meisterbetrieb: Der Herbstmeister entkommt den königsblauen Rabauken
Sie müssen sich vorgekommen sein wie U-Bahngäste, die auf dem Heimweg von einem Schlägertrupp attackiert werden: Hoffenheims Fußballer wollten in aller Gemütlichkeit den Herbstmeistertitel nach Hause schaukeln, dann tauchten da plötzlich elf gefährlich aussehende Gestalten auf, die sich in unschuldiges Weiß gehüllt hatten. Die Schalker hatten die Messer gewetzt – und dann ging’s los: Volle Möhre auf die Knochen, Asamoah, Ernst und Rafinha bettelten um Rote Karten, Orlando Engelaar und Jermaine Jones sahen welche. Vor allem Letzterer hatte Schaum vorm Mund. Und das, obwohl es für die Königsblauen so gut lief: Man führte lange mit 1:0, war drauf und dran, den ungeliebten Nachbarn Dortmund in der Tabelle noch vor Weihnachten zu überholen. Doch durch die Kapriolen brachte man sich selbst aus der Spur, am Schluss stand es 1:1 und Hoffenheim kassierte den Herbstmeistertitel ein. Diese Sache mit der Disziplin scheinen sie auf Schalke einfach nicht in den Griff zu bekommen – fünf Platzverweise in der Vorrunde sind Ligarekord, die Uruguayer Großmüller und Sanchez wurden schon im Herbst suspendiert. Und nun ermittelt auch noch die Polizei gegen einen der Rabauken: Rafinha ist wegen ständiger Sambapartynächte in seiner Nachbarschaft mittlerweile so wohlgelitten wie eine Giftmülltonne – von Freitag auf Samstag waren die Ordnungshüter gleich dreimal beim Brasilianer und forderten ein Ende des Brimboriums.
All das sind Dinge, die einem braven Verfechter von Disziplin wie Hoffenheims Coach Ralf Rangnick völlig fremd sind. Der hat seine Schalker Zeiten hinter sich und ist wohl auch ganz froh darüber: Seine TSG 1899 liegt nämlich bei Saisonhalbzeit satte acht Punkte vor S04.
Gesellenstück: Bus wieder da, Punkte nicht
Womit wir beim Thema Gerechtigkeit wären, denn auch der FC Bayern hat in letzter Zeit mit kriminellen Übergriffen zu tun – und fühlt sich von der Obrigkeit nicht ausreichend geschützt. Da wäre zunächst mal diese leidige Sache mit dem Fanbus, der vor fünf Wochen während des Champions-League-Spiels der Münchner beim AC Florenz von einem bewachten Parkplatz geklaut worden war. Die italienische Polizei hatte keinerlei Spuren oder sonstige Anhaltspunkte gefunden, man musste das Vehikel als verloren betrachten. Bis es nun an der rumänisch-moldawischen Grenze von Interpol sichergestellt wurde. Mit aufgebrochenen Schlössern und einem ganz üblen Handicap: Von 22 mitgeführten Bierträgern waren zehn leer. Gerüchteweise sollen einige Fanklub-Mitglieder geäußert haben, sie hätten lieber das Bier als den Bus zurückbekommen. Alleine schon, um den Frust über die verpasste Herbstmeisterschaft runterzuspülen.
Der Verantwortliche für das Dilemma am Samstag in Stuttgart war für die Bayern jedenfalls schnell ausgemacht: Schiri Kinhöfer hatte offenkundig keine Lust darauf, bis Ende Januar schon wieder die Dauer-Champions ganz oben in der Bundesliga-Rangliste zu sehen. Ein ziemlich umstrittener Platzverweis gegen Oddo und eine fragwürdige Regelauslegung bei Stuttgarts spätem Ausgleich genügten dann, um der Klinsmann-Elf den sichergeglaubten Sieg ganz gewandt zu stibitzen. Da wird wohl auch Interpol nicht mehr helfen können.
Erstes Lehrjahr: Besinnungslosigkeit kommt vor Besinnlichkeit
Die stille Zeit bricht nun also an in Fußball-Deutschland. Sieben Wochen lang macht die Bundesliga Pause, die Kicker legen sich unter den Christbaum oder in die Krippe, zumindest aber die Beine hoch. Kein Wunder, dass da nicht nur Oddo und die Schalker nochmal richtig die Sau rauslassen wollten.
Auch die Dortmunder gaben bereits am Freitagabend gegen Schlusslicht Mönchengladbach in Sachen Härte alles, was sie hatten. Und wunderten sich, dass auch hier der Regelhüter einigermaßen durchgriff. Tamás Hajnal fügte Keeper Heimeroth eine blutende Wunde am Oberschenkel zu und durfte zur Belohnung ganz alleine duschen – Gelb-Rot. BVB-Trainer Klopp wollte es nicht wahrhaben – und war ein paar Minuten später schon wieder sauer, als sein Spieler Kuba Gelb sah. Der hatte sich nur die Kleinigkeit erlaubt, dem Gladbacher Nachwuchstalent Tony Jantschke derart vehement den Ellbogen an die Schläfe zu schmettern, dass ihm in früheren Zeiten dafür eine Hauptrolle in einem Karl-May-Roman sicher gewesen wäre. Jantschke war zwischenzeitlich bewusstlos, der Verdacht auf Schädelbruch bestätigte sich nicht, was seinen Coach Hans Meyer hörbar aufatmen ließ: "Schön, dann kann der Junge ja ohne Maske Weihnachten feiern.“ Sarkasmus ist durchaus angebracht, in der Tat hätte der gruselige Holzhacker-Fußball dieses Bundesliga-Wochenendes eher zu Halloween als zum Fest der Liebe gepasst.
Zwei linke Hände: Alle Bochumer stehen unten – bis auf einen
Wenigstens ein Bochumer hat in diesen Tagen Grund zur Freude: Herbert Grönemeyer führt mit seiner Best-of-Platte die deutschen Album-Charts an. Da brummt das Weihnachtsgeschäft, die Registrierkasse von Musik-Malocher Herbie rattert auf Hochtouren. Tristesse dagegen bei Grönemeyers bevorzugtem Fußball-Verein: Der zählt bislang nämlich eher zum "Worst-of" der Bundesliga und sieht den Großteil der Konkurrenz auch über den Jahreswechsel von hinten: Der VfL überwintert als Tabellenvorletzter und wirkt so ein bisschen wie ein mäßig produktiver Angestellter, der angesichts einer drohenden Kündigungswelle ganz sicher ist, nicht rausgeschmissen zu werden. Schließlich seien die anderen Kollegen doch viel weniger begabt. Am Ende zählt aber im Arbeitsleben wie auch in der Fußball-Bundesliga nicht das Talent, sondern der Ertrag. Und der ist bei den Bochumern mehr als dürftig. Wer so viel von sich hält, aber so wenig zeigt, steigt am Ende ab.
Gegen Köln kassierte die Elf von Trainer Marcel Koller sogar in Überzahl das 1:2, der Ausgleich wollte nicht mehr gelingen, auch nicht, als schließlich nur noch neun Gegner auf dem Platz standen. Womit der Verein für Leibesübungen schon seit zwölf Partien auf einen Sieg wartet – eine geradezu groteske Durststrecke. Der Coach mag ein sympathischer Zeitgenosse sein, als versierter Krisenmanager präsentiert sich der Schweizer in diesen Zeiten nicht. Und sein fast schon flehender Appell an die Klubführung, "wenn sie das Gefühl haben, die Existenz des Klubs ist gefährdet, müssen sie mich eben rauswerfen" könnte schon bald traurige Realität werden. Wenigstens klingelt es dann auch in Kollers Beutel – eine dicke Abfindung dürfte ihm sicher sein.