Vom Leben zwischen zwei Welten Ein persönlicher Ost-West-Konflikt

Er war der Mann, der Willy Brandt zu Fall brachte – der "Kanzlerspion". Am 24. April 1974 wird Günter Guillaume als Stasi-Spitzel enttarnt. Für seinen Sohn, Pierre Guillaume, geht damit seine behütete Kindheit und Jugend schlagartig zu Ende. Von einem Tag auf den anderen muss er erkennen, dass die Welt, in der er lebt auf Lügen und Geheimnissen aufgebaut ist. Im Westen gilt er als Sohn eines Staatsspions. In der DDR ist er der Sohn eines Volkshelden – doch soll er nun dort in einer fremden Welt leben?

Foto: jtw/ddp

Ein persönlicher Ost-West-Konflikt

Das Buch zeigt geschehene und erlebte Zeitgeschichte. Die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe sind real. Umso tiefer wird auch der Leser mit in die Gefühle und Gedanken von Pierre Guillaume, der sich heute nach dem Mädchennamen seiner Mutter "Pierre Boom" nennt, hineingezogen. Die Erfahrung plötzlich keinem mehr trauen zu können und nicht zu wissen, wer die eigenen Eltern wirklich sind, wirkt fesselnd und erschreckend zugleich.

"Ja, mein Vater hat Verrat begangen", schreibt Pierre Boom im Magazin Cicero im Juni 2004. Und "ja, mein Vater hat auch Menschen verraten. Vorgesetzte, Mitarbeiter, gute Bekannte und sogar Freunde, die sich sicher fühlten in seiner Gegenwart, sich ihm offenbarten, ihm vertrauten, von ihren Ängsten und Hoffnungen erzählten", berichtet er weiter. Kurz danach erschien das Buch "Der fremde Vater", in dem der verlassene Sohn die Zeit schildert von der Enttarnung seines Vaters bis zu dessen Tod im Jahr 1995.

Die Zeit dazwischen verbringt Pierre Guillaume in zwei Welten, besser gesagt zwischen zwei Welten und immer mit ihren Gegensätzen kämpfend. Sein "altes" Leben mit den Eltern in der BRD gerät plötzlich aus den Fugen. Er ist erst 17 Jahre alt, als er lernen muss alleine klar zu kommen und alles, was sein Leben bis dahin bestimmte, in Frage gestellt wird. Dann melden sich plötzlich "Freunde" des Vaters aus der DDR, sie sagen sie kennen ihn, sie wollen ihn in die DDR holen. Dort soll er leben, dort bekommt er eine Arbeitsstelle angeboten. Doch diese Welt kennt er nicht, es scheint ihm unverständlich, warum er sein Leben plötzlich dort verbringen soll. Gleichzeitig ist er jedoch auch neugierig. Neugierig auf die Identität seiner Eltern, die ihm fremd ist. Neugierig auf die Spionagetätigkeit und die vielen Geheimnisse, die plötzlich zwischen ihm und seinen Eltern – besonders zwischen ihm und seinem Vater – stehen.

Das Buch wird von Gegensätzen getragen: BRD und DDR, politischer Konflikt und persönliches Schicksal, der vertraute Vater und der Spion Günter Guillaume. Neben den persönlichen Erinnerungen und tiefen Emotionen von Pierre Boom, werden die Ereignisse auch aus weiteren Perspektiven geschildert, die das Buch zu einer vielschichtigen und nie langweilig werdenden Erzählung machen. Eine neutrale Sicht auf die Geschehnisse zwischen den Jahren 1974 und 1995 vermittelt der Co-Autor des Buches, Gerhard Haase-Hindenberg. Zusätzlich kommen Zeitzeugen, wie seine Mutter oder ein beteiligter DDR-Diplomat, zu Wort. Pierre Boom berichtet autobiographisch und fast chronologisch, was damals passierte. Gleichzeitig lässt er den Leser an seinen Gefühlen und Gedanken teilhaben, die ihn rückblickend auf diese Zeit beschäftigen. Er vermittelt dem Leser einen Blick auf eine Zeit politisch höchst spannender Ereignisse und weitreichender Entscheidungen – und das aus einer sehr persönlichen Sicht. Ein Leben zwischen zwei Welten und ein ganz persönlicher Ost-West-Konflikt.

Der fremde Vater, Pierre Boom, Gerhard Haase-Hindenberg, 1. Auflage 2005, Aufbau-Verlag, Berlin


Bewertung: ***** (von fünf möglichen)