20 Jahre Mauerfall Ein Mann mit Kreuz

Pazifist in der friedlichen Revolution: Rudolf Keßner aus Weimar. Von Antje Türk, Weimar

Aufrecht kritisch: Rudolf Keßner. Foto: Türk

Ein Mann mit Kreuz

Politischer Handwerker oder handwerklicher Politiker? Weder noch. Rudolf Keßner aus Weimar vertritt zwar Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat. Doch so richtig passt er nicht in die Schublade, die man gerne für Politiker öffnet. "Mir geht es nicht um Macht. Damit konnte ich noch nie umgehen."

Geprägt von seinem christlich-bürgerlichen Elternhaus geriet Rudolf Keßner schon bald in Konflikte mit dem DDR-System. Als liberaler Geist hatte schon sein Vater Probleme mit dem Staat. Sohn Rudolf flog von der Schule, besuchte ein privates Internat, das damals noch geduldet war. Im elterlichen Betrieb lernte er Schriftsetzer und machte gleichzeitig sein Abi. Sein Studium in Druckverfahrenstechnik konnte er nicht beenden, weil alle Bausoldaten von weiterführenden Schulen entfernt wurden. Der überzeugte Pazifist hatte den "Dienst an der Waffe" verweigert.

1971 führte ihn sein Weg nach Weimar in die Firma "Stempel Rabe", deren Chef einen Nachfolger suchte. Die Meisterprüfung zum Flexografenmeister durfte Keßner ablegen. Als er jedoch den Betrieb übernehmen wollte, wurde er einberufen – mit 27 Jahren, verheiratet und Vater eines Kindes. Erst 1979 konnte er das Geschäft kaufen.

Auch 20 Jahre nach der friedlichen Revolution kann er kaum erklären, warum man einem Staatsfeind die Selbstständigkeit beließ. Der DDR-Machtapparat agierte unberechenbar, nicht logisch. Vielleicht war das Keßners Glück.

Er sagte, was er dachte, prangerte Ungerechtigkeiten, Missstände und Umweltverschmutzung an. Das Schaufenster seines kleinen Ladens war die Wandzeitung eines anderen Denkens in der Stadt, die Ladentür für so manchen der Einlass in ein Stückchen Hoffnung auf ein bisschen Freiheit. Das fiel natürlich auf in einem Staat, für den Freiheit ein gefährlicher Wunsch war. Sein Geschäft wurde überwacht. Laden, Werkstatt, seine Wohnung abgehört und mehrfach durchsucht. Beamte der Staatssicherheit folgten ihm und seiner Familie manchmal tagelang auf Schritt und Tritt. Er selbst wurde mehrere Male zu Verhören abgeführt und zu hohen Feiertagen von Partei und Staat regelmäßig verhaftet. Auch ein Gewerbeuntersagungsverfahren wurde gegen ihn angestrengt, seine betrieblichen Unterlagen nach Unregelmäßigkeiten durchstöbert – jedes Mal ungewisse Stunden für ihn und seine Familie.

Aber er blieb unbeugsam. Natürlich wurde machmal an Ausreise gedacht, aber die Keßners blieben, machten anderen Menschen Mut, organisierten Widerstand, deckten auf und prangerten an, trafen sich mit Gleichgesinnten. "Das DDR-System arbeitete mit der Angst und der Angst der Menschen vor dieser Angst. Und wir hatten manches Mal sehr viel Angst. Aber den geraden Rücken, den haben wir behalten", blickt der 59-Jährige zurück.

In der Zeit der Wende organisierte Keßner in Weimar mit anderen Bürgerrechtlern den Widerstand, Treffen fanden bei ihm zuhause statt. Er gehörte zu jenen, die die Büros der Staatssicherheit besetzten. "Diese Zeiten sind vorbei. Ich schaue nach vorne", erzählt der Unternehmer, der heute einen Betrieb mit 14 Mitarbeitern führt. Er ist unbequem geblieben, liebt seine Unabhängigkeit und innere Freiheit.

In dem alten Ladengeschäft in der Innenstadt hat jetzt die Bürgerstiftung Weimar ihren Platz. Keßner selbst ist mit seiner Werkstatt in die Carl-von-Ossietzky-Straße gezogen. Dieser schrieb einmal: "Man kann nicht kämpfen, wenn die Hosen voller sind als das Herz" – eine gute Adresse für jemanden, der weiß, was damit gemeint ist.