Roboter stoßen in Teilen des Handwerks auf Skepsis bis Ablehnung. Dabei sind sie vielseitige Werkzeuge, die bei richtiger Führung keine Jobs wegnehmen, sondern lästige Aufgaben erledigen. So erhalten Handwerker ungeahnte Freiräume.

Die Automatisierung von Arbeitsprozessen nimmt weltweit rapide zu: Die Zahl der Industrieroboter hat sich seit 2011 mehr als verdreifacht, und allein 2022 wurden über 500.000 neue Einheiten installiert, wie eine 2024 veröffentlichte Studie der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften und des Regionalen Transformationsnetzwerk SüdOstNiedersachsen zeigt.
Im Handwerk ist diese Dynamik noch vergleichsweise verhalten. Mitunter werden Roboter sogar feindselig betrachtet. Ein viel gehörter Vorwurf: Der neue Kollege könnten den Beschäftigten die Arbeit wegnehmen und sie entbehrlich machen. Doch allmählich setzt ein Umdenken bei den Betrieben ein.
Nachfrage von Robotern im Handwerk steigt
Im Zuge des Fachkräftemangels und der aus Wettbewerbssicht notwendigen Beschleunigung von bislang manuell durchgeführten Arbeitsprozessen beschäftigen sich immer mehr Betriebe mit der Anschaffung von Robotern. Dies spiegelt sich in den vielen Anfragen wider, die Daniel Hübschmann, Abteilungsleiter für Innovation und Digitalisierung bei der Handwerkskammer Dresden, erhält.
Mit ihrem Testfeld für Robotik ist die Handwerkskammer neben dem Kompetenzzentrum für Robotik und Sensorik im Handwerk in Erfurt eine der wichtigsten Anlaufstellen für Betriebe, die den potenziellen neuen Kollegen näher kennenlernen möchten. Dort können Handwerker das Potenzial der Technik in der Praxis ausprobieren und Einsatzfelder für ihre Zwecke prüfen. "Wir kennen eine größere Anzahl von Betrieben, die sich mit der Einführung von Robotik beschäftigen oder zumindest über Automatisierung nachdenken", sagt Hübschmann.
Effizienter arbeiten und Fehlerquote senken
Tatsächlich zeigen sich Handwerksbetriebe immer aufgeschlossener gegenüber der Idee, Roboter zur Unterstützung und Entlastung der Mitarbeitenden einzusetzen. Hübschmann beschreibt das Spektrum an Nutzungsmöglichkeiten der Robotik im Handwerk als breit gefächert. !Wir sehen erste Anwendungen in Metallbaubetrieben, in denen Roboter beispielsweise Schleifarbeiten übernehmen – ein Bereich, in dem die Nachfrage sehr hoch ist, da hier bereits ausgereifte Lösungen am Markt existieren." Auch in Branchen wie dem Glaser- und Keramikerhandwerk, in Maler- und Lackierbetrieben und sogar in Bäckereien finden sich schon vereinzelt Roboter. "Sie können monotone Arbeiten effizient ausführen und die Fehlerquote bei repetitiven Aufgaben deutlich senken. Das sorgt nicht nur für gleichbleibende Qualität, sondern erhöht auch die Produktivität", weiß der Experte.
Einen weiteren Pluspunkt sieht Hübschmann in der Möglichkeit, dass Roboter die Mitarbeitenden bei physisch belastenden Tätigkeiten unterstützen können. So werden sie auf Baustellen eingesetzt, um Material zu transportieren oder die Baustelle zu reinigen. Trotz des Hypes um künstliche Intelligenz schätzt Hübschmann jedoch nicht, dass der Roboter sich in absehbarer Zeit aus seiner Helferrolle befreien und einer ausgebildeten Fachkraft den Rang streitig machen kann: "Selbstständige Arbeitsausführungen vom Roboter auf der Baustelle wird es so schnell nicht geben. Für Detailarbeiten, die Fachwissen und bestimmtes Können voraussetzen, bleibt der Mensch unverzichtbar".
Hübschmann erwartet jedoch, dass Roboter durch KI einfacher zu programmieren und zu steuern sein werden. Ähnlich intuitiv wie die Nutzung von Apps auf dem Smartphone. Dies könnte die Verbreitung von Robotern auch in weniger technikaffinen Handwerksunternehmen enorm beschleunigen, zumal die Kosten ebenfalls sinken würden.
Mehr Flexibilität als in der Industrie gefragt
Im Gegensatz zur Industrie, wo Roboter oft für festgelegte Arbeitsschritte in Fertigungslinien eingesetzt werden, erfordert das Handwerk jedoch eine höhere Flexibilität. Das liegt an der großen Varianz an Produkten und wechselnden Arbeitsorten, die im Handwerk typisch sind. "Das Handwerk ist oft viel komplexer als die Industrie", erklärt Hübschmann. "Hier gibt es kein festes, standardisiertes Set an Abläufen, sondern eine Vielzahl an Prozessen, die je nach Auftrag wechseln können." Ein Roboter müsse daher nicht nur leicht zu programmieren, sondern auch flexibel anpassbar sein.
Kollaborative Roboter (Cobots), die für die direkte Zusammenarbeit mit Menschen entwickelt wurden, sind deshalb besonders gut geeignet, um im Handwerk Fuß zu fassen. Durch ihre vielseitige Funktionalität lassen sie sich leichter an unterschiedliche Aufgaben anpassen und bieten vor allem für Einsteiger eine Chance, sich mit Robotik vertraut zu machen. Jedoch kann der Sicherheitsaspekt die direkte Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine erschweren: "Wenn ein Roboter zum Beispiel eine schwere Fräse bedient, darf das System nicht mehr kollaborativ sein, weil dann eine Verletzungsgefahr besteht", betont Hübschmann. Aber leichte Cobots ohne gefährliche Werkzeuge könnten direkt neben dem Handwerker in der Werkstatt arbeiten.
Ein Schritt-für-Schritt-Plan, um den Roboter zu integrieren
Handwerksbetriebe, die sich für einen Roboter interessieren, empfiehlt der Experte planvoll vorzugehen. Dabei rät er zu folgenden Schritten:
1. Bedarf ermitteln und Anwendungsfall identifizieren
Handwerksbetriebe, die Robotik in Betracht ziehen, sollten im ersten Schritt klären, welche Aufgaben im Unternehmen sich für die Automatisierung eignen. Monotone, repetitive Arbeiten, die immer wieder anfallen, eignen sich besonders gut. Hier ist es hilfreich, mit den Fachberatern der Handwerkskammer oder anderen Digitalexperten zu sprechen, die durch eine Bedarfsermittlung feststellen können, ob der Einsatz eines Roboters im Betrieb sinnvoll ist. "Es kann durchaus vorkommen, dass ein Betrieb Robotik spannend findet, aber der Einsatz für den gedachten Anwendungsfall letztlich nicht geeignet ist", sagt Hübschmann.
2. Technik ausprobieren, ohne gleich zu investieren
Die Handwerkskammer Dresden bietet Betrieben die Möglichkeit, Robotik in einem speziellen Testfeld kennenzulernen. Dieses steht auch Handwerkern außerhalb der Region offen. "Dort können verschiedene Systeme wie Exoskelette, Schweißroboter oder Cobots ausprobiert werden", erläutert Hübschmann. Die Betriebe erleben so die Robotik hautnah, ohne sofort eine kostspielige Investition zu tätigen. Die Kammer bietet nicht nur praktische Tests an, sondern stellt auch Kontakte zu Integratoren und Herstellern her, die den weiteren Prozess begleiten können.
3. Roboter mieten oder kaufen?
Ein weiterer Punkt, der sorgfältig überlegt werden sollte, ist die Finanzierung. „Für manche Betriebe lohnt es sich, einen Roboter zunächst zu mieten“, sagt Hübschmann. Besonders dann, wenn der Roboter nur bei einem bestimmten Auftrag benötigt wird. Der Preis für die Anschaffung eines Roboters setzt sich zu einem großen Teil aus den Integrationskosten im Betrieb zusammen – der Roboter selbst macht laut Hübschmann nur etwa ein Drittel der Gesamtinvestition aus. Besonders Einstiegsmodelle, die für kleinere handwerkliche Aufgaben ausgelegt sind, werden jedoch immer erschwinglicher.
4. Mitarbeitende einbeziehen und schulen
Besonders wichtig bei der Einführung von Robotik ist die frühzeitige Einbindung der Beschäftigten. Dies kann auch schon parallel zu Schritt 2 stattfinden. In Schulungen sollte die künftige Rolle des Roboters im Betrieb klar definiert werden, um damit auch gleich die Angst zu nehmen, dass der neue Kollege den Arbeitsplatz streitig machen könnte. Wird an konkreten Anwendungsbeispielen erklärt, wie die Arbeit durch den Roboter erleichtert wird, trägt dies zu einer raschen Akzeptanz bei. Kompetenzschulungen in der Bedienung des Roboters beschleunigen zudem die Anpassung der bestehenden Arbeitsabläufe.
Mit Robotik Arbeitsplätze halten und neue Fachkräfte gewinnen
Daniel Hübschmann ist überzeugt, dass der neue Kollege in den nächsten Jahren in immer mehr Betrieben anzutreffen sein wird. Schließlich biete die Automatisierung bestimmter Arbeiten wirtschaftliche Vorteile. So könnte etwa ein Roboter in der Feinwerkmechanik Nachtschichten übernehmen und dadurch die Produktionskapazität erweitern. "Der Roboter übernimmt das monotone Bestücken der Maschine, während der Mitarbeitende Zeit für die Einrichtung und Materialbearbeitung gewinnt", erklärt Hübschmann.
Auch für Unternehmen, die mit dem Fachkräftemangel kämpfen, bietet Robotik eine Möglichkeit, die Arbeitskraft effizienter zu nutzen. Dabei nennt der Experte ein Beispiel aus seinem Beratungsalltag: Ein Keramikbetrieb konnte dank des Einsatzes von Robotik die Fertigung mit hohen Stückzahlen in der Region halten und sogar neue Innovationen anstoßen.
Nicht zu unterschätzen sei zudem der Imageaspekt. Durch die Integration neuer Technologien wie Robotik könnten sich Handwerksunternehmen als moderne und zukunftsgewandte Arbeitgeber positionieren. Insbesondere bei der jüngeren Generation und damit bei potenziellen Lehrlingen bietet sich die Chance, die Ausbildung im Handwerk attraktiver zu machen. In diesem Sinne nehme der Roboter nicht nur keine Jobs weg, sondern trage sogar zur Gewinnung neuer Kollegen aus Fleisch und Blut bei.