Vor 250 Jahren kam Ludwig van Beethoven zur Welt, am 26. März 1827 starb der weltberühmte Komponist, vollkommen ertaubt. Jahrzehntelang hatte er unter seinem immer schwächer werdenden Gehör gelitten. Im Beethoven-Jahr 2020 könnten Ärzte und Hörakustiker sein Leid wohl lindern.

Fasziniert geht Leo Morschhäuser von Vitrine zu Vitrine. Hinter Glas liegen dicht an dicht hunderte von Hörhilfen aus vergangenen Zeiten: unterarmlange Trichter aus Horn, Silber oder Messing, große Meeresmuscheln, selbst eine Art Kopfhörer, an dessen Seiten Schalen angebracht sind, um den Schall für das Ohr zu verstärken. Über all dem wacht eine Büste Ludwig van Beethovens – wohl der berühmteste Nutzer solcher Gerätschaften und mit Sicherheit einer der Verzweifeltsten: "Ich bringe mein Leben elend zu, seit zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weils mir nun nicht möglich ist, den Leuten zu sagen, ich bin taub“, schreibt der Pianist und Komponist 1801 einem Freund. Er ist gerade einmal 31 Jahre alt.
Schwerhörigkeit macht einsam
Leo Morschhäuser kann das Leid nachfühlen. Nach mehreren Hörstürzen wurden seine Ohren immer schlechter, ein Tinnitus bescherte ihm ein ständiges Rauschgeräusch. "Auch ich habe Isolation gespürt“, bestätigt der Altenpfleger Beethovens Erfahrung. "Man muss in Gesprächen immer nachfragen, was der andere gesagt hat. Mir war das irgendwann einfach peinlich und man wird ja auch gleich in die Demenzschiene geschoben, wenn man nicht versteht“, erinnert sich der 64-Jährige.
Er habe versucht, durch allgemeingültige Antworten sein Nicht-Verstehen zu kaschieren. Fünf bis zehn Jahre lang, so schätzt er, hielt er diese Fassade aufrecht. Dann ließ er sich vom HNO-Arzt eine Hörversorgung verschreiben und ging zu Köttgen Hörakustik in Köln.
Die Köttgens sind eine Hörakustiker-Familie mit stolzer Tradition. Ihre Geschichte verläuft parallel zur Geschichte des deutschen Hörakustikerhandwerks. 1951 gründete Karl Köttgen mit seiner Frau Lina ein Institut für Hörmittelberatung am Kölner Hohenzollernring, noch ehe das Gewerk überhaupt in die Handwerksrolle aufgenommen worden war. "Mein Opa war an den ersten Meisterprüfungen und an der Gründung der Hörakustiker-Akademie in Lübeck beteiligt“, berichtet Dirk Köttgen aus der Familiengeschichte. Nach dem Tod des Firmengründers 1972 übernahm die nächste Generation: Werner und Christa Köttgen, beide engagierte Hörakustikermeister, expandierten in viele Teile des Rheinlands und Werner Köttgen sammelte hunderte von historischen Hörhilfen aus aller Welt. Seine Sammlung zum Thema gilt als eine der größten weltweit. Heute ist die dritte Generation von Hörakustikern mit den Geschwistern Dirk und Katrin längst ebenfalls im Unternehmen.
Musikgenuss mit Hörgerät
Leo Morschhäuser fand bei Köttgen die Hilfe, die er brauchte: "Ich bekam zwei Geräte zur Testung. Mit dem einen besuchte ich ein Konzert von Jan Garbarek in der Philharmonie in Köln – es war ein absoluter Genuss“, schwärmt der Hobbymusiker.
Meist sind es die hohen Töne, die dem Gehör zuerst verloren gehen. So war es auch bei Beethoven, der zunächst Singstimmen und hohe Töne von Instrumenten nicht mehr hören, aber auch Sprache immer schlechter verstehen konnte. Trotz aller Arztbesuche, Kuren und Quacksalbereien stoppte der Verfall seines Gehörs nicht. Ab 1818 konnte er sich nur noch schriftlich mit seinen Mitmenschen austauschen.
Moderne Medizin hätte Beethoven helfen können
Heute sähe das anders aus: "Die moderne Medizin hätte Beethoven zwar nicht heilen – sie hätte ihm jedoch helfen können“, urteilt Hans-Peter Zenner, Professor an der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Universität Tübingen. "Vermutlich hätte er seine Musik noch viele Jahre lang mit modernen Hörgeräten hören können. Später hätte man ihm möglicherweise ein modernes Hörimplantat operativ ins Mittelohr einpflanzen können“, so der Mediziner. Selbst dann wäre noch nicht Schluss gewesen: "Nach dem Untergang der inneren Haarzellen hätte man Beethoven ein Cochlear-Implantat in die Hörschnecke einsetzen können. Ein Cochlear-Implantat wirkt, wenn das gesamte Innenohr einschließlich der inneren Hörsinneszellen nicht mehr funktioniert, aber der Hörnerv noch intakt ist“, erklärt der Mediziner.
Stattdessen musste sich das musikalische Genie mit Hörrohren und einem Stab behelfen, der an seinem Flügel befestigt war. Zwischen die Zähne geklemmt konnte er so die Vibrationen des Instruments spüren. All das waren nur Krücken, die wenig halfen und die Vereinsamung, Scham und Qual durch den Gehörverlust nicht stoppen konnten.
250 Jahre später hatte Leo Morschhäuser es ungleich leichter, auch wenn er zunächst Vorbehalte gegen eine Hörversorgung hegte: "Von meinen Patienten im Altenheim hatte ich noch die großen Geräte vor Augen, bei denen man ständig die Batterien wechseln musste“, gibt der gelernte Altenpfleger zu. Deswegen habe er auch nicht gezögert, für sich die Geräte zu wählen, die ihm den meisten Komfort boten, trotz kräftiger Eigenbeteiligung. Heute ist er ein Fan seiner Hilfen: "Meine Hörgeräte sind winzig, abends nehme ich sie ab und setze sie auf die Ladestation, dann laden die Akkus für den nächsten Tag auf. Und wenn ich sie trage, ist sogar mein Tinnitus weg“, freut er sich.
Moderne Hörgeräte nicht mit früheren zu vergleichen
"Die Hörgeräte der letzten fünf bis zehn Jahre haben nichts mehr mit den Geräten von früher gemein“, bestätigt Dirk Köttgen. "Das Stigma von groß und hässlich ist längst vorbei.“ Zwar verschwinde nicht bei jedem Kunden der Tinnitus mit der Hörgeräteversorgung, aber die digitalen Geräte hätten – abgesehen vom viel einfacheren Handling – zahllose Vorteile: "Viele lassen sich per Bluetooth mit dem Smartphone oder dem Fernseher verbinden, manche haben sogar einen Sturzdetektor“, nennt der Hörakustikermeister Beispiele. Gerade bei Älteren sei Letzteres wichtig, denn für viele gehe das Nachlassen des Gehörs auch mit Gleichgewichtsstörungen einher.
Dennoch sei es auch im Jahr 2020 nicht einfach, Menschen von den vielen Vorteilen einer Hörgeräteversorgung zu überzeugen. "Es gibt sehr viele, die trotz Hörminderung einfach so weiter machen“, bedauert der Hörakustiker. Im Schnitt kämen die Kunden erst mit 73 Jahren für eine erste Hörversorgung zu ihnen. " Aber je älter man ist oder je länger man wartet, desto schwieriger wird die Eingewöhnung“, warnt Köttgen. Das Gehirn verlernt, das Gehörte zu verarbeiten. Je länger Geräusche nicht mehr durchgedrungen sind, desto stärker die "Hörentwöhnung“.
Morschhäuser hatte damit keine Probleme, vielleicht aufgrund seiner vergleichsweise jungen 64 Jahre: "Bei mir ging die Eingewöhnung ganz schnell. Ich habe das einfach nur genossen.“