Markus Lanz und Richard David Precht sprachen über das Handwerk. Am Ende mündeten die Gesprächspartner in einem Abriss über die Probleme des Sozialstaats – und in einem Plädoyer für körperliche Arbeit.

Der Saal war zwar nicht proppenvoll aber doch gut gefüllt. Das war zu erwarten, wenn sich der für seine Talkshow oft gelobte Moderator Markus Lanz und der in seinen Ansichten nicht unumstrittene, aber sehr pointiert formulierende Publizist Richard David Precht austauschen würden. "Über das Handwerk", so der Titel des Gesprächs, sollte es gehen. Moderator Wolfram Kons begann gewohnt launig und nahm die beiden Dauerredner mit deren eigenen Zitaten auf die Schippe.
Der Umweg nicht vorhandener Erfahrung
Der auf die Bühne gebrachte Podcast ging genauso humorig weiter, indem sich die beiden Gesprächspartner dann noch gegenseitig ein wenig auf den Arm nahmen. Auch Habeck und Söder die sich tags zuvor zur Messe-Eröffnung auf dem Podium gekabbelt hatten, wurden noch mit einem Spruch bedacht. Das kam beim Publikum gut an. Der Ton war gesetzt.
Den Einstieg ins Thema Handwerk schafften die Gesprächspartner über den beliebten Umweg nicht vorhandener eigener Erfahrungen mit der Materie. Das Spektrum körperlicher Arbeit beschränkte sich bei Precht auf das Ausbuddeln von Bäumen und bei Lanz auf seine Tätigkeit als Kellner und Tankwart. Beides diente, wie bei Akademikern üblich, der Finanzierung des Studiums.
"Wo sind denn all die Leute hin?"
Vom Gegensatzpaar Studium versus Ausbildung war der Sprung zum Thema Fachkräftemangel dann nicht mehr weit. Die Frage "Wo sind denn all die Leute hin?" zog sich wie ein roter Faden durch die Unterhaltung. Lanz übernahm dabei gerne die gewohnte Rolle des Fragenstellers, worauf Precht kurze Erklärungs- und Lösungsansätze anhängte.
So ging es erst einmal um Ursachenforschung. Schuld daran, dass Jugendliche eine Lehre im Handwerk scheuen, sei neben der jahrzehntelang postulierten Höherwertigkeit eines Studiums auch das Versprechen damit einhergehenden wachsenden Wohlstands. Ebenso die fehlende Resilienz und die Fähigkeit, sich bei einer fordernden Tätigkeit einfach mal durchzubeißen, erkannten Lanz und Precht als Problem. Eine Feststellung, die viele Firmenchefs sicher unterschreiben würden.
Einen großen Teil der Schuld trägt nach Auffassung von Precht jedoch das Bildungssystem. Mit den Händen umzugehen, gehöre zu den grundlegenden Dingen des Lebens. "Das führt in der Pädagogik jedoch ein Nischendasein", klagte der Publizist. Bereits in der Grundschule beginne die Abwertung des Körpers. Das Austoben, die Rauferei seien nicht mehr Teil des Schulalltags. Bewegung gebe es nur noch im Sportunterricht. Um dem abzuhelfen und den Raum an Erfahrungen zu erweitern, sollten Handwerker viel öfter in die Schulen gehen. "Die sinnliche Präsenz des Handwerks in der Schule ist die wichtigste Voraussetzung zur Lösung des Fachkräftemangels", so Precht.
Die großen Baustellen des Sozialstaats gestreift
Über das Verhältnis der Arbeitenden zur Körperlichkeit und das Sinnstiftende handwerklicher Tätigkeit wurde das Gespräch fast zu einem Plädoyer für Arbeit selbst. Umgekehrt ließ sich aus dem Gespräch der Schluss ziehen, dass Arbeit, wenn sie falsch ein- oder umgesetzt wird, ob nun abwesend, abnehmend, schlecht verteilt oder durch Technik ersetzt, als Ursache der gravierendsten Probleme des Sozialstaats gelten könnte. Und so streiften Lanz und Precht mal eben noch die großen Baustellen Bürgergeld, Rentensystem, Zuwanderung und den Arbeitsmarkt als Ganzes.
Am Ende war es kein Gespräch mehr über Handwerk, sondern eher eine gesellschaftliche Zustandsbeschreibung. Schlussendlich identifizierten Lanz und Precht als Grundübel noch die Bürokratie, die selbst die guten Lösungsansätze für Probleme wie den Fachkräftemangel im Keim ersticke. Weil es mit Augenzwinkern und der ein oder anderen Pointe präsentiert war, verließ das Publikum trotzdem gut gelaunt den Saal.