Die Internationale Handwerksmesse bietet Gelegenheit zum Dialog mit Bundeskanzlerin Merkel
Von Lothar Semper
Ein Bündel drängender Themen
Es ist nicht einfach, nach den Katastrophen in Japan wieder zur Tagesordnung überzugehen. Vor allem energiepolitisch stehen wir wohl vor intensiven Diskussionen. Es ist ja nicht nur die Atomenergie, die nach dem Unfall in Fukushima wieder ins Gerede kommt. Auch die Ölversorgung gibt zu Sorgen Anlass, nachdem niemand zuverlässig abschätzen kann, wie die Entwicklung in den arabischen Staaten ausgehen wird. Allein dies gibt Stoff genug für das Gespräch der Bundeskanzlerin mit den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft am Rande der Internationalen Handwerksmesse (IHM).
Wachstum auf hohem Niveau
Das Gute vorweg: Die IHM startet in einem wirtschaftlichen Umfeld, wie es Deutschland schon lange nicht mehr vorzuweisen hatte. Die Wirtschaft entwickelt sich weiterhin auf hohem Niveau. Besonders erfreulich ist, dass nicht mehr nur der Export das Wachstum trägt, sondern die Binnenwirtschaft ebenfalls Zuwächse verzeichnen kann. Das kommt auch dem Handwerk zugute. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks rechnet im laufenden Jahr mit einer Steigerung der Umsätze um gut zwei Prozent. Das wird sich auch positiv auf die Zahl der Beschäftigten auswirken. Allerdings beklagen bereits einige Regionen und einige Branchen, dass nicht mehr alle offenen Stellen besetzt werden können. Der Fachkräftemangel - das Megathema der nächsten Jahre - wirft seine Schatten voraus. Auch darüber wird beim Spitzengespräch der deutschen Wirtschaft zu reden sein. Allerdings darf man sich dabei nichts vormachen: Wenn es um die besten Köpfe für das eigene Unternehmen geht, dann kann man weder auf die Solidarität anderer Branchen noch auf die anderer Unternehmen zählen. Da wird jeder sich selbst der Nächste sein. Auch das Handwerk braucht hier eine eigene Strategie. Deren wichtigstes Element wird die Ausbildung des eigenen Nachwuchses bleiben. Aber die hohen Ausbildungsaktivitäten nutzen wenig, wenn die Gesellen anschließend in andere Wirtschaftsbereiche abwandern. Sie zu halten, muss das besondere Anliegen des Handwerks werden. Arbeit muss dabei jedoch für Kunden und Betriebe bezahlbar bleiben. Da tut sich die Industrie mit einem Anteil der Arbeitskosten von zehn Prozent (wie Stahlunternehmen) oder 30 Prozent (wie bei der Metall- und Elektroindustrie) leichter als ein Handwerksbetrieb, bei dem sehr schnell eine Lohnkostenquote von 50 Prozent und mehr erreicht ist.
Und da sind wir wieder beim Thema der hohen Steuer- und Abgabenbelastung. Das besondere Problem liegt darin, dass den Arbeitnehmer besonders interessiert, was er netto überwiesen bekommt. Den Arbeitgeber belasten die Bruttolöhne zuzüglich der Arbeitgeberaufwendungen für die Sozialversicherungen.
Zu hohe Abgabenbelastung
Deshalb muss es den Arbeitgebern ein großes Ärgernis sein, wenn jetzt erwartet wird, dass zur Finanzierung des Hartz-IV-Kompromisses die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung steigen werden. Der Grundsatz, dass der Faktor Arbeit nur mit solchen Aufwendungen belastet werden darf, die ihm auch originär zuzurechnen sind, wird immer noch viel zu wenig beachtet. Sollte die Politik denken, in Zeiten des Fachkräftemangels werden die Unternehmen bereit sein, jeden Preis zu zahlen, dann unterliegt sie einem verhängnisvollen Irrtum. Schon in Kürze wird man dies an einem Liveexperiment studieren können, wenn am 1. Mai die Einschränkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa fallen. Es gibt also Themen genug, wo das Handwerk seine eigene und besondere Stimme gegenüber der Bundeskanzlerin erheben muss, um die Voraussetzungen zu schaffen, dass es sich optimal entwickeln kann. Die IHM selbst zeigt einmal mehr das Potenzial dieses Wirtschaftsbereichs mit seiner Vielfalt und Innovationskraft.