In Europa ist fast jeder vierte junge Mensch unter 25 arbeitslos. Anders in Deutschland: Hier liegt die Jugendarbeitslosenquote gerade mal bei 7,6 Prozent, obwohl die Zahl der Ausbildungsbetriebe sinkt. Als Grund sehen viele das duale Berufsausbildungssystem an. Warum dieses jedoch nicht so einfach kopiert werden kann, zeigt die Diskussion um den Berufsbildungsbericht 2013.

Die zentralen Ergebnisse des Berufsbildungsbericht 2013 des Bundesbildungsministeriums und des dazugehörigen Datenreports des Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zeigen, dass die deutschen Betriebe zunehmen Probleme bekommen, genügend Nachwuchskräfte zu finden. Der demografische Wandel wird immer deutlicher.
Damit sinken auch die Zahlen derjenigen Jugendlichen, die sich nach der Schule im sogenannten Übergangsbereich befinden und wegen fehlender Qualifikationen keine Ausbildungsstelle finden. Bundesweit begannen im vergangenen Jahr laut BIBB "nur noch" rund 267.000 junge Menschen eine Maßnahme im Übergangsbereichs zwischen Schule und Ausbildung.
Weniger Betriebe bilden aus
Dass der Fachkräftemangel in Deutschland immer stärker wird, zeigt sich aber auch in den sinkenden Zahlen der Ausbildungsbetriebe. Nur knapp 468.000 der annähernd rund 2,1 Millionen Unternehmen in Deutschland bilden überhaupt noch aus – was einer Quote von 21,7 Prozent entspricht. 2009 lag diese Quote noch bei 23,5 Prozent. Vor allem Kleinunternehmer ziehen sich zurück. Laut Berufsbildungsbericht sind im Westen heute nur rund 60 Prozent der Unternehmen ausbildungsberechtigt, im Osten etwa 52 Prozent.
Diese Entwicklung ist nach Ansicht der Bundesregierung vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung zu sehen, da die Schülerzahlen sinken und die Bevölkerung altert. So geht der Fachkräftemangel zunehmen in den Bereich der Ausbildungsberufe über und betrifft in Deutschland nicht mehr nur Akademiker.
Einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zur Folge fehlen Fachkräfte in 20 Prozent aller Berufe, die eine abgeschlossene Ausbildung voraussetzen. Bei den Akademikerberufen sind es nur 14 Prozent. Besonders in den Bereichen Energie, Elektro sowie Maschinen- und Fahrzeugtechnik finden die Unternehmen keine geeigneten Bewerber. Am größten sei der Mangel bei den Arbeitern mit Berufsausbildung wie etwa bei Mechanikern, Gerätebauern, Monteuren und Installateuren.
Doch obwohl der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel hierzulande für die Wirtschaft ein immer drängenderes Problem wird, gilt Deutschland im europaweiten Vergleich weiterhin als Vorzeigeland in Sachen Berufsausbildung. Das deutsche duale System der Berufsbildung mit dem engen Zusammenspiel von betrieblicher Ausbildung und staatlicher Berufsschule ist deswegen ins Blickfeld vieler europäischer Regierungen geraten.
Kammerkultur mit langer Tradition
Noch nie registrierten Bildungsministerium und BIBB so viele Expertenanfragen aus dem Ausland wie derzeit. "Das duale System hat eine hohe Integrationskraft", lobte Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) am Mittwoch die Bilanz im dem neuen, vom Kabinett verabschiedeten Berufsbildungsbericht 2013. Und so liegt die Jugendarbeitslosenquote hierzulande auf einem vergleichsweise viel niedrigeren Niveau.
Doch Experten warnen auch vor voreiligen Schlüssen. Ein solches über Jahrzehnte gewachsenes Ausbildungssystem wie das deutsche lasse sich nicht einfach kopieren. Denn in nur wenigen anderen Staaten gibt es ebenfalls eine so traditionsreiche, ja fast noch ständische Kammerkultur mit den Selbstverwaltungsstrukturen von Verwaltung, Handwerk und Industrie wie in Deutschland.
Und als typisch deutsch gilt auch das relativ harmonische Zusammenspiel von Arbeitgebern und Gewerkschaften bei der Entwicklung und Modernisierung von Ausbildungsberufen. Mit dem gemeinsamen Ausbildungspakt verpflichten sich Wirtschaft und Politik außerdem zu einer starken Zusammenarbeit um die Berufsausbildung in Deutschland gemeinsam zu stärken.
Berufsorientierung ausbauen
Im Blick haben sie aktuell vor allem die Maßnahmen im erwähnten Übergangsbereich. Ziel ist, junge Menschen ohne Umwege in eine Ausbildung und zu einem Berufsabschluss zu führen, melden die Paktpartner. Doch trotz der hier bereits erzielten Erfolge hält es BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser für erforderlich, die Förderprogramme von Bund, Ländern und Kommunen im Übergangsbereich noch besser aufeinander abzustimmen.
Ziel müsse es sein, die Jugendlichen so betriebsnah wie möglich auf eine Ausbildung vorzubereiten und die Berufsorientierung weiter systematisch auszubauen, sagte er zum aktuellen Bericht. Auch gegen den Fachkräftemangel scheint dies der beste Weg zu sein und hierbei ist und bleibt die duale Berufsausbildung das beste Vorbild. jtw/dpa