Ob sinkende Schülerzahlen, Trend zum Studium oder Diskussionen um eine Abschaffung des Meisterbriefes – die duale Ausbildung kommt von mehreren Seiten unter Druck. Der ZDH und DGB diskutieren deshalb über mögliche Auswege.
Karin Birk

Die duale Berufsausbildung darf nicht unter die Räder kommen. Sie bietet nach Ansicht von Handwerk und Gewerkschaften nicht nur Jugendlichen Perspektiven. Sie ist auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland und seine Innovationskraft wichtig.
"Handwerksbetriebe sind in besonderem Maße von der persönlichen Qualifikation ihrer Mitarbeiter abhängig. Das ist die Voraussetzung für ihre Innovationskraft- und Wettbewerbsfähigkeit", sagt Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer auf dem Kongress zur Zukunft der beruflichen Bildung, den der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisiert hat.
Anforderungen an Beschäftige steigen
Auch der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann plädiert für eine Stärkung der dualen Ausbildung: "Die Anforderungen an die Beschäftigten steigen", sagt er. "Dies darf aber nicht mit Akademisierung verwechselt werden", fügt er hinzu.
Vielmehr gehe es darum, gemeinsam die Qualität der dualen Berufsausbildung zu erhöhen und mehr Jugendliche dafür zu gewinnen. Noch immer gebe es 1,3 Millionen junge Erwachsene zwischen 20 und 29 Jahren ohne Berufsabschluss. Noch immer landen jedes Jahr rund 250.000 Jugendliche in Warteschleifen. Doch Sonntagsreden alleine genügten nicht. Wer die berufliche Ausbildung stärken wolle, müsse aber auch für "faire Tarifverträge" sorgen.
Vehement sprechen sich Hoffmann und Wollseifer gegen eine Modularisierung oder Verkürzung der beruflichen Ausbildung und für eine ganzheitliche Berufsausbildung aus. "Wenn die Inhalte der Berufsausbildung nur noch in fragmentierten Einzelbausteinen vermittelt werden und der Bezug zum gesamten beruflichen Tätigkeitsfeld fehlt, verliert unsere Berufsausbildung ihre eigentliche Stärke", warnt Hoffmann.
Meisterbrief sichert betriebliche Ausbildung
Heftig kritisieren sie, dass die Europäische Union die Meisterqualifikation als Voraussetzung zur Ausbildung in Handwerksberufen in Frage stellt. "Wir brauchen den Meisterbrief auch in Zukunft", sagt Hoffman. "Es wäre ein Kardinalfehler, wenn wir über Europa eine Zerstückelung der Berufe bekämen", fügt er hinzu. Dies würde nur zu einem Rückgang des betrieblichen Ausbildungsangebotes führen, warnen beide Organisationen. Mit Blick auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa könne dies nicht im Interesse der Europäischen Kommission sein.
Auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) verweist auf die vergleichsweise gute Situation in Deutschland. Gleichwohl fänden auch hierzulande nicht alle Jugendliche einen Ausbildungsplatz, blieben immer noch zu viele Lehrstellen unbesetzt. Jeder einzelne müsse deshalb "individuell" angesprochen werden, sagte sie. Jedem müsse der passende Weg aufgezeigt werden. Selbst wer schon etwas älter sei, sollte über das Programm "zweite Chance" für eine Ausbildung geworben werden.
Einig waren sich die Experten, dass angesichts der abnehmenden Schülerzahlen, sowohl die leistungsschwachen Schulabgänger wie auch die leistungsstarken noch stärker für die duale Ausbildung gewonnen werden müssten. Auch sollten die berufliche und die akademische Bildung besser miteinander verbunden werden.
Überbetriebliche Bildungsstätten sichern
Als wichtigen Baustein der dualen Berufsausbildung bezeichnen die Experten die kontinuierliche Qualifikation der Ausbilder sowie den langfristigen Fortbestand der überbetrieblichen Bildungsstätten im Handwerk. Ohne die Betriebe bei immer weniger Auszubildenden noch stärker zu belasten, müsse deren langfristige Finanzierung sichergestellt werden, fordert die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack.