Das Dresdner Residenzschloss war früher Sitz der sächsischen Kurfürsten und Könige. Doch im Zweiten Weltkrieg brannte der Prachtbau bis auf seine Grundmauern nieder. In einer aufwendigen Restaurierung bringen mehr als 300 nationale und internationale Handwerksbetriebe den alten Glanz zurück.
Steffen Guthardt

August der Starke hätte wohl große Freude daran gehabt, seine Gäste in den Ende September wiedereröffneten Königlichen Paraderäumen des Dresdner Residenzschlosses zu empfangen. Vor genau 300 Jahren, anlässlich des Hochzeitfestes zu Ehren von Kurprinz Friedrich August und der Kaisertochter und Erzherzogin Maria Josepha von Österreich, hatte August der Starke die Paraderäume im September 1719 das erste Mal eröffnet. Sie waren die zeremoniell bedeutendsten und prächtigsten Räume der Residenz, mit denen der Kurfürst von Sachsen bewies, dass sein Schloss ein königliches war und in Konkurrenz zu den Residenzen der Könige Europas und des Kaisers stand. Der Luxus ihrer Inneneinrichtung steigerte sich von Raum zu Raum: Vom Eckparadesaal über die beiden Vorzimmer bis zum Audienzgemach und dem Paradeschlafzimmer übertrafen sich Kronleuchter, Wandtextilien und Möbel in ihrer Anzahl und Kostbarkeit.
300 Handwerker am Projekt beteiligt
Schon 1997 beschloss die sächsische Staatsregierung, diese Festetage, die im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört wurde, so weit wie möglich wiederaufzubauen. Das Ergebnis ist eine bis ins kleinste Detail gehende Rekonstruktion der Räume in ihrer historischen Fassung des 18. Jahrhunderts. Dank umfangreicher Überlieferungen war eine Wiederherstellung möglich, die dem Original sehr nahe kommt. So konnten die monumentalen Deckengemälde nach Farbfotografien rekonstruiert werden. Die erhalten gebliebenen barocken Prunktextilien des Audienzgemaches aus Pilastern mit aufwendigen Goldstickereien und Posamenten wurden restauriert und der karmesinrote Seidensamt anhand eines Fragmentes über die gesamte Wandfläche rekonstruiert. Verlorene Tapisserien entstanden nach vergleichbaren Vorbildern neu. Insgesamt arbeiteten 300 Handwerksbetriebe aus ganz Europa, die die alten Techniken beherrschen oder sich angeeignet haben, an den Restaurierungsarbeiten. Und die vollständige Sanierung ist mit der Wiedereröffnung der Paraderäume noch nicht abgeschlossen. Das Projekt soll bis 2023 andauern.
An der Rekonstruktion von zwei großen Deckengemälden war die Restauratorin Dörte Busch beteiligt. Sie ist auf Gemäldekopien spezialisiert und hat im Team mit zwölf weiteren Experten (Restautoren und Theatermaler) drei Jahre an dem Projekt gearbeitet. Die Hälfte der Zeit nahmen allein die umfangreichen Vorbereitungen in Anspruch. Da die Originale im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört wurden, studierten sie und ihre Kollegen die umfangreiche Sammlung an Farbdias, die vor der Zerstörung angefertigt worden waren und seitdem in den Archiven der Staatlichen Kunstsammlung aufbewahrt wurden. Die einzelnen Fotografien wurden wie ein Puzzle zu einem Gesamtbild der Gemälde zusammengefügt und in die richtige Ebene entzerrt, damit sie später als Vorlage dienen konnten. Bei den wenigen Bereichen des Gemäldes, zu denen keine Aufnahmen vorhanden waren, mussten die Restauratoren und Theatermaler eine eigene neuzeitliche Interpretation wählen, die dem Original möglichst nahe kommt. Anschließend arbeitete das Team eineinhalb Jahre im Schloss an der Umsetzung der detaillreichen Deckengemälde. Um ein möglichst originalgetreues Abbild zu schaffen, wurden alte Maltechniken und Materialien aus der damaligen Zeit eingesetzt. "Das war ein einmaliges Erlebnis", sagt Dörte Busch rückblickend.
Einer der involvierten Handwerker ist der Kürschnermeister Thomas Margenberg, Inhaber des Pelzhauses Hempel in Meißen. Gemeinsam mit seinem Team und Mitarbeitern der Staatlichen Kunstsammlungen hat Margenberg eine fadengenaue Kopie des Krönungsmantels von August dem Starken angefertigt. Fadengenau bedeutet, dass die historischen Materialien und die damaligen Arbeitstechniken zum Einsatz kamen. "Wir haben sogar die Fehler von damals eingearbeitet, um dem Original so nah wie nur möglich zu kommen", erklärt Margenberg. Dazu durften die Handwerker das Original des Krönungsmantels, das sich in keinem ausstellungswürdigen Zustand befindet, mit Handschuhen und unter größter Vorsicht im Schloss begutachten. Bei den Fellarbeiten griff das Team auf die Fachexpertise einer Historikerin zurück, die die Entstehungsgeschichte des Mantels studiert hat. Das Fell, ein Hermelin , kam aus der Schweiz. Margenberg kommt ins Schwärmen, wenn er an die viermonatigen Arbeiten zurückdenkt. "Ein Hermelin haben wir noch nie in der Werkstatt gehabt. Ein solches Projekt macht man nur einmal in seinem Leben."
Seit 20 Jahren im Schloss beschäftigt
Schon weitaus länger ist der Stuckateurmeister André Glauche aus Niederfrohna mit Restaurierungsarbeiten im Schloss beschäftigt. "Anfang der 2000er-Jahre haben wir mit der Stuckdecke im Pretiosensaal begonnen", erinnert sich Glauche. Während diese zu 90 Prozent erhalten war, musste der Stuckateurmeister bei der Rekonstruktion der Turmzimmerdecke fast bei null anfangen. "Sie war nur zu fünf Prozent erhalten, deshalb haben wir originale Fotos analysiert und uns mit der Entstehungsgeschichte befasst." Zudem haben Glauche und seine Kollegen mehrere Bildungsfahrten unternommen und sich erhaltene Arbeiten der Künstler in anderen Schlössern angesehen. Eine besonders alte Handwerkstechnik kam im kleinen Ballsaal zum Einsatz. Mit natürlichen Poliersteinen, unter anderem dem schottischen Schlangenstein, wurde eine circa 100 Quadratmeter große Fläche per Hand poliert. Auch bei der Restaurierung der Stuckmarmornischen im Eckparadesaal war Glauches Können gefragt. Sein aktuelles Projekt ist der Altan, ein balkonartiger Anbau, bei dessen Rekonstruktion er mit Freskenmalern zusammenarbeitet. "Wir bereiten uns akribisch auf die Projekte vor. Es werden Zeichnungen und Modelle erstellt." Trotz der exakten Rekonstruktion ist Glauche überzeugt, dass sich am Ende die persönliche Handschrift in den Arbeiten immer wiederfindet.
