Nachfolge Drei Handwerker übernehmen als Kollektiv einen Sanitärbetrieb

Hans Freese suchte im Herbst 2020 einen Nachfolger für seinen Handwerksbetrieb. Jakob Schröder wollte die Verantwortung nicht alleine übernehmen, und präsentierte Freese ein Kollektiv.

Drei Chefs vor Lieferwagen
Philipp Köchel, Nico Schreiber und Jakob Schröder haben gemeinsam als Kollektiv einen Sanitärbetrieb übernommen. - © privat

Eigentlich hätte Jakob Schröder im Herbst 2020 den Betrieb seines Chefs Hans Freese als Nachfolger übernehmen sollen. Der 27-Jährige war gut vorbereitet. Hatte seinen Meister gemacht, war im Betrieb aufgebaut worden und von den beiden Gesellen Nico Schreiber und Philipp Köchel als zukünftiger Boss akzeptiert. Doch abends in der Küche, nach der Arbeit, berichtete er seinem Mitbewohner und zukünftigen Mitarbeiter Nico Schreiber von seinen Zweifeln: "Schaffe ich das? Will ich das? Was für eine Verantwortung kommt da auf mich zu." Man holte Phillip Köchel hinzu.

Und Jakob Schröder präsentierte eine Idee: "Lasst uns die Last auf alle Schultern aufteilen." Eine Überraschung. "Ich war da am Anfang total überrumpelt", berichtet Nico Schreiber. Auch der Seniorchef war erst voller Zweifel. Und in Schröders Familien- und Bekanntenkreis stieß die Idee sowieso auf Skepsis: "Jetzt hast du so schwer gearbeitet, um die Firma übernehmen zu können, und jetzt willst du das alles teilen?" Nico Schreiber: "Ich war aber natürlich auch sehr geehrt und habe mich gefreut, dass Jakob mir sowas zutraut. Ich fand das auch einen schönen Gedanken, die Übernahme gemeinsam anzugehen. Man kennt ja die Geschichten von den Alten, wie viel Arbeit so ein Betrieb am Anfang macht." Also sagten Nico und Phillip zu und gemeinsam recherchierten die drei am Computer.

Über Google und bei Bekannten wurde nachgefragt und so kamen sie auf die Kollektivberatung Berlin und fanden in München das Holzkollektiv. Seit 1985 existiert die Schreinerei in kollektiver Selbstverwaltung. Die Nürnberger fuhren in die bayerische Hauptstadt, schauten sich den Betrieb an und löcherten die Kollektivisten mit Fragen. Im Anschluss waren sie begeistert. "Die Betriebsatmosphäre war toll und wir haben viele nützliche Tipps bekommen."

Wie gründet man als Sanitärbetrieb ein Kollektiv?

Beispielsweise wurde ihnen geraten, erst einmal eine GmbH zu gründen, denn es gibt keine 100-prozentig passende Rechtsform für so etwas wie ein Kollektiv. Gemeinsam gingen die Nürnberger Anlagenmechaniker also zum Notar, gründeten die PLEWA GmbH mit drei Geschäftsführern und ließen sich dann bei der Handwerkskammer eintragen. "Das ging schnell und war einfach. Schließlich hatten wir nur einen Monat Zeit bis zur geplanten Übernahme."

Stefanie Freese, die als Hans Freeses Frau bisher das Büro gemanagt hatte, blieb den drei Anlagenmechanikern erhalten – auf eigenen Wunsch als normale Angestellte, nicht Mit-Kollektivistin. Parallel zum Gesellschaftervertrag gab sich das Triumvirat aber auch einen Kollektivvertrag. Basis dafür waren wieder die Tipps aus München: "Die Kollegen sagten uns, dass ein Kollektivvertrag sehr wichtig ist, denn er bildet das verbindliche Gerüst für das Konstrukt. Und auch, wenn er rechtlich nicht bindend ist, ist er doch moralisch bindend. Das sollten wir nicht unterschätzen." In nächtelanger Arbeit wurden in diesem Vertrag die Stützpfeiler der Zusammenarbeit zusammengeschrieben.

Der Kollektivvertrag

Unter anderem stand da drin:

  • Hierarchiefreies und sicheres Arbeiten: Keine Chefs und keine Untergebenen, gemeinsames Wachsen; "Klar, jeder hat seine Schwerpunkte, aber diese Kenntnisse soll er an die anderen weitergeben, so dass sich jeder weiterentwickeln kann."
  • Solidarisches Arbeiten: Hohe Eigenverantwortung, aber man wird nicht allein zurückgelassen.
  • Kein Sexismus, Rassismus, Antisemitismus; "Ich habe in unserer Branche einen erheblichen Männlichkeitskult festgestellt und gerade in der Berufsschule war ich manchmal sprachlos, wie dort über und mit Frauen gesprochen wird. So etwas gibt es bei uns nicht!"
  • Betrieb soll Mitarbeiter stützen und absichern.
  • Gleicher Lohn bei gleicher Arbeit.
  • 30-Stunden-Woche.
  • Betriebliches Kindergeld, falls jemand Kinder bekommt.

"Der Kollektivvertrag soll regelmäßig überprüft werden. Vielleicht haben neue Kollektivisten Anregungen oder etwas ist nicht praxistauglich. Dann passen wir ihn an die Erfahrungen, die wir gesammelt haben, an", erklärt Nico Schreiber. Falls neue Mitarbeiter hinzukommen, gibt es eine eineinhalbjährige Probezeit. Wenn alles passt, kann der Neue auch Kollektivist werden.

Wie organisiert man sich?

Alle machen alles: Vom Erstgespräch mit dem Kunden, der Angebotserstellung, der Baustelle bis zur Rechnung. "Das finde ich gut, denn es ist vielseitig. Ich möchte nicht nur im Büro sitzen. Ich möchte aber auch nicht nur Aufträge auf der Baustelle abarbeiten", sagt Nico Schreiber. Im Büro hängt ein Plan, in dem jeder seine Baustelle/Projekt einträgt. "Oft sind wir aber auch zu zweit auf der Baustelle. Dann bin ich der Hauptverantwortliche und mein Kollege unterstützt mich oder umgekehrt", sagt Schreiber. Der Vorteil? Fällt jemand aus, wissen die anderen einigermaßen Bescheid. Einmal pro Woche finden Meetings statt, in denen jeder von seinen Projekten, aber auch seinem Leben, berichtet oder in denen auch Zwischenmenschliches geklärt wird.

Mögliche Gefahren?

"Im ersten Jahr geht es vor allem darum, einen Organisationmodus zu finden, mit dem man sich wohlfühlt und der einen nachts schlafen lässt", sagt Nico Schreiber. "Es geht dabei um klare Verantwortlichkeiten: Das haben wir mit einem Plan gelöst." Er hat drei Spalten für Nico, Jakob und Phillip, kleine Zettelchen mit Kürzel, Baustelle xy, worum es geht, welcher Stand; wer ist für welche Kundschaft zuständig etc. "Das funktioniert ganz gut", sagt Schreiber.

Eine weitere Gefahr? "Dass man sich zerstreitet", weiß der Geselle. Daher: "Man sollte sich viel Zeit für Kommunikation nehmen: Welche Sorgen haben alle?" Schon bei der Gründung war das wichtig. "Man denkt immer: Alles, was nicht Baustelle ist, ist verlorene Zeit und damit verlorenes Geld. Das stimmt ganz und gar nicht. Ehrlich sein. Auch mal sagen, wenn einen etwas stört – bevor es eskaliert."

Und wie ist das Resümee nach einem guten Jahr? "Wir haben es noch nie bereut. Klar, ist es anstrengend. Man soll es nicht verklären. Aber wenn ich mich mit Kollegen aus anderen Betrieben unterhalte und denke, dass ich dort vielleicht weniger Verantwortung hätte, möchte ich trotzdem nicht tauschen." Und der alte Chef, Hans Freese? Was hält er mittlerweile davon, welchen Weg seine Nachfolger eingeschlagen haben? "Den Hans hatten wir schon nach drei Monaten überzeugt und jetzt ist er auch begeistert", sagt Nico Schreiber lachend.