Die im Bundestag vertretenen Parteien haben mit Ausnahme der Grünen in den zurückliegenden beiden Jahrzehnten drastische Mitgliederverluste hinnehmen müssen. Das geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Studie des Parteienforschers Oskar Niedermayer hervor, die sich mit der Mitgliederentwicklung von 1990 bis 2010 beschäftigt.
Drastischer Mitgliederschwund bei den etablierten Parteien
Berlin (dapd). Die im Bundestag vertretenen Parteien haben mit Ausnahme der Grünen in den zurückliegenden beiden Jahrzehnten drastische Mitgliederverluste hinnehmen müssen. Das geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Studie des Parteienforschers Oskar Niedermayer hervor, die sich mit der Mitgliederentwicklung von 1990 bis 2010 beschäftigt. Inzwischen ist Deutschlands größte Partei, die CDU, erstmals seit Jahrzehnten unter die Marke von 500.000 Parteimitgliedern gerutscht.
Nach Niedermayers Untersuchung hat die CDU seit der Wiedervereinigung und dem Zusammenschluss von West- und Ost-CDU über ein Drittel ihrer Mitglieder verloren, bei der SPD war es sogar fast die Hälfte. Die CSU büßte im selben Zeitraum 17 Prozent ihrer Mitglieder ein. Am deutlichsten fällt der Mitgliederschwund bei den Liberalen (rund 60 Prozent) und den Linken (Minus 73 Prozent) aus. Zulegen konnten einzig die Grünen, die in den vergangenen 20 Jahren 28 Prozent an Mitgliedern gewinnen konnten.
Auch im Jahr 2010 sanken die Mitgliederzahlen der Parteien deutlich. Die Linke zählte zum Jahreswechsel 2010/11 73.658 Mitglieder, das sind 4.388 weniger als im Vorjahr. Die FDP verzeichnete Ende 2010 noch 68.541 (Minus 3.375) und die CSU 153.890 Mitglieder (Minus 5.308). Die beiden großen Volksparteien unterschritten beide in diesem Jahr die Grenze von einer halben Million Mitgliedern. Ende Mai lag die Zahl der CDU-Mitglieder nur noch bei 499.646, wie die CDU am Mittwoch auf dapd-Anfrage mitteilte. Im April 2011 waren es noch 500.387 Mitglieder. SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte kürzlich bekannt gegeben, dass die SPD-Mitgliederzahl ebenfalls unter die Marke von einer halben Million auf etwa 495.000 Mitglieder gefallen ist. Zum Jahreswechsel waren es noch 502.062 Personen mit SPD-Parteibuch gewesen.
Die Ausnahme bilden auch hier die Grünen. Sie erreichten im Mai einen Höchststand von 56.970 Mitgliedern. Das sind fast 4.000 mehr als zu Jahresbeginn und 8.800 mehr als im Vorjahr. Niedermayer glaubt aber nicht, dass der Höhenflug von Dauer sein wird. "Die Grünen profitieren derzeit vom Medienhype und der Themenkonjunktur." Solange das Thema Umwelt auf der Agende stehe, werde das Hoch der Grünen anhalten. "Aber das wird auch wieder vergehen", sagte Niedermayer der Nachrichtenagentur dapd.
CDU noch in der Glaubwürdigkeitskrise
Die CDU sieht den Hauptgrund für den Rückgang in der Altersstruktur. Derzeit gelinge es allerdings nicht, "die Abgänge über Neueintritte zu kompensieren", hieß es aus der Parteizentrale. Der Parteienforscher sagte dagegen, die Überalterung spiele eine Rolle, "aber das ist bei weitem nicht das einzige." Alle Parteien hätten mit einer schwächeren Parteibindung zu kämpfen, was er auf die Individualisierung der Gesellschaft und den Wandel der politischen Beteiligungsformen zurückführte.
Ein Problem sei auch die Schwäche von Rekrutierungsorganisationen, wie der Kirchen für die Union oder der Gewerkschaften für die Sozialdemokraten, erklärte Niedermayer. Zudem sei die Konkurrenz um die parteipolitisch engagierten Bürger zwischen den Parteien gewachsen. Auch parteispezifische Faktoren wie die Frage nach dem konservativen Profil der CDU oder der Kurswechsel der SPD mit der "Agenda 2010" spielen laut Niedermayer eine Rolle. Die Glaubwürdigkeitskrise der CDU nach der Atomwende sieht er noch nicht überwunden. "Die Leute glauben das noch nicht richtig. Das muss erst durch den Bundestag und abgehakt sein, bis sich die Kehrtwende für die CDU auszahlen kann."
dapd
