Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt will 100 Milliarden Euro in Gigabit-Netze für Betriebe investieren, wie er im Interview erklärt. Derzeit hinkt Deutschland beim Breitbandausbau allerdings noch hinterher.
Karin Birk und Steffen Guthardt
DHZ: Herr Minister Dobrindt, viele Mittelständler im ländlichen Raum beklagen ein zu langsames Internet. Werden die versprochenen 50 Megabit pro Sekunde dort 2018 erreicht?
Dobrindt: Wir werden das Breitbandziel erreichen. Mit unserem milliardenschweren Bundesprogramm für den Glasfaserausbau schließen wir jetzt die unterversorgten Regionen ans Turbo-Internet an. Zusätzlich haben wir ein Sonderprogramm für den Mittelstand gestartet – mit 350 Millionen Euro für den Glasfaseranschluss von Industrie- und Gewerbegebieten. Ziel ist, dass die Unternehmen in Deutschland einen Gigabit-Anschluss erhalten.
DHZ: Warum hinken wir hier beim Breitbandausbau in Europa hinterher?
Dobrindt: Deutschland hat beim Breitbandausbau inzwischen erheblich aufgeholt. Kein anderes Land in der EU investiert so viel in den Glasfaserausbau wie wir. Aktuell haben bei uns bereits mehr als 75 Prozent aller Haushalte Zugang zum schnellen Breitbandnetz – das sind 26 Prozent mehr als zu Beginn der Wahlperiode. Deutschland hat heute europaweit die größte Dynamik beim Breitbandausbau. Unser Ziel ist es, bis 2023 gemeinsam mit der Wirtschaft 100 Milliarden Euro in den Ausbau der Gigabit-Netze zu investieren. Damit wollen wir neben dem Glasfaserausbau auch den Rollout des nächsten Mobilfunkstandards 5G finanzieren.
"Deutschland hat europaweit die größte Dynamik beim Breitbandausbau"
DHZ: Hat Deutschland nicht zu lange auf Kupfernetze gesetzt?
Dobrindt: Mit unserem Bundesprogramm fördern wir den Netzausbau technologieneutral. Die allermeisten Kommunen und Landkreise setzen bei ihren Ausbauprojekten aber gezielt auf die modernste Technologie, die es gibt. Das ist die Glasfaser. Aktuell haben wir bereits mehr als 2,3 Milliarden Euro Bundesmittel für 336 Netzausbauprojekte in ganz Deutschland bewilligt. Mehr als 94 Prozent unserer Investitionen fließen direkt in den Glasfaserausbau. Damit verlegen wir rund 205.000 Kilometer neue Glasfaser und schaffen Netzgeschwindigkeiten bis in den Gigabit-Bereich.
DHZ: Wie schnell wird Deutschland das 5G-Netz einführen?
Dobrindt: Ich habe die Initiative „5 Schritte zu 5G“ gestartet, damit wir als erstes Land ein flächendeckendes 5G-Netz bereitstellen. Neue Anwendungen wie Virtual Reality, das automatisierte Fahren und die Vernetzung aller Dinge bringen ein enormes Datenwachstum. In Zukunft brauchen wir mehr Bandbreite, eine zuverlässige Echtzeit-Übertragung und intelligente Netze, die Daten selbstständig verarbeiten und schnellstmöglich zum Nutzer transportieren. All das kann der neue Mobilfunkstandard 5G – mit Latenzzeiten unter einer Millisekunde.
DHZ: Digitalisierung macht das autonome Fahren möglich. Worauf müssen sich Autofahrer einstellen?
Dobrindt: Das automatisierte Fahren ist die größte Mobilitätsrevolution seit der Erfindung des Automobils. Dafür schaffen wir jetzt das modernste Straßenverkehrsrecht der Welt und stellen Fahrer und Computer rechtlich gleich. Das heißt im Klartext: In Zukunft darf der Computer ans Steuer. Der Fahrer kann sich vom Fahrgeschehen abwenden und im Netz surfen, Filme streamen oder E-Mails checken. Die Verantwortung im automatisierten Modus liegt beim Hersteller. Der Fahrer muss erst übernehmen, wenn das System ihn dazu auffordert. Wer fährt, speichert eine Blackbox.
Um Anschluss bemüht
Auf Platz 28 von 32 befindet sich Deutschland bei der Verfügbarkeit von Glasfaseranschlüssen in Europa. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kommt eine Studie der Europäischen Kommission. Noch schlechter schneidet die Bundesrepublik bei einer Untersuchung der IT-Beratungsgesellschaft Idate von September 2016 ab. Mit einer Versorgung an Glasfaseranschlüssen von 1,6 Prozent reicht es in der Studie nur für den vorletzten Platz – knapp vor Österreich.
Allerdings muss man die Aussagekraft der Zahlen relativieren: VDSL-Anschlüsse werden in der EU-Studie teilweise unterschiedlich berücksichtigt. Auch werden die pauschal unterstellten Bandbreiten in manchen Studienländern nur zu bestimmten Tageszeiten erreicht.
Doch wie man die Zahlen auch dreht und wendet, fest steht: Die größte Volkswirtschaft Europas ist beim Glasfaserausbau kein Vorreiter. Damit Deutschland beim Glasfaserausbau aufholt, braucht es laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung aber nicht nur viel Geld, sondern auch einen grundlegenden Strategiewechsel.
"Der aktuelle Stand der Glasfaserversorgung ist nicht gut, aber das eigentliche Drama ist, dass der Aufholprozess durch politische Weichenstellungen unzureichend unterstützt wird", sagt Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.
Das Fraunhofer-Institut hat für die Bertelsmann Stiftung untersucht, wo die Fehler in Deutschlands Ausbaustrategie liegen. Das Ergebnis: Unambitionierte Ziele, eine fehlende gesamtstaatliche Strategie, unkoordinierte Förderprogramme und fehlender Mut, konsequent auf Glasfasertechnologien zu setzen, sind die Hauptursachen für den Rückstand im europäischen Vergleich.
Vor allem Letzteres erweist sich laut den Analysten als Bremsklotz. Anstatt die Kräfte und das Geld gebündelt in Glasfaser zu investieren, stützte sich Deutschland beim Breitbandausbau auf Brückentechnologien wie das VDSL2-Vectoring. Dabei werden im bestehenden Kupfernetz Störungen reduziert und so wird der Datendurchsatz erhöht. Auch das starke Gefälle der Verfügbarkeit von schnellen Leitungen zwischen Stadt und Land muss Deutschland in den Griff bekommen, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Darauf weist Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, hin:
"Wir erwarten von der Politik, flächendeckend dafür zu sorgen, dass alle Betriebe einen Internetzugang mit hinreichenden Bandbreiten im Gigabitbereich haben. Sonst werden Handwerksbetriebe in ländlichen Regionen vom wirtschaftlichen Erfolg abgehängt", sagt Wollseifer.
Um das zu vermeiden, hat die Bundesregierung ein ganzes Bündel an Fördermaßnahmen gestartet. Zudem bilden sich in den ländlichen Regionen immer mehr regionale Netzwerke für den schnellen Breitbandausbau.
Greifen die Anstrengungen, könnte Deutschland zu anderen EU-Ländern aufschließen.
