Rabattschlacht auf dem Fleischmarkt Discounter provozieren nächsten Skandal

Von Schweinekoteletts über Rindergulasch bis Hähnchenschenkel – Lebensmitteldiscounter wie Aldi und Norma haben die Preise auf Frischfleisch gesenkt. Um Qualität zu garantieren, müsste der Preis allerdings steigen. Sowohl der deutsche Fleischerverband als auch Bundeskartellamt und die Umweltorganisation Greenpeace haben sich nun eingemischt. In der Diskussion ist auch eine Mehrwertsteuererhöhung auf Fleischwaren.

Jana Tashina Wörrle

Der Preiskampf zwischen Handwerksfleischern und den Discountern zeigt sich immer stärker. Aldi, Norma und Co. setzen statt auf Qualität auf immer neue Rabatte. Darunter leidet auch die Umwelt. - © Foto: mrivserg/Fotolia

Die Deutschen lieben ihr Wurstbrot und auch auf viele andere Fleischwaren wollen sie nur ungern verzichten. So haben im Jahr 2011 lediglich fünf von 1.000 Privathaushalten nach Angaben des deutschen Fleischerverbands überhaupt kein Fleisch, kein Geflügel oder keine Fleischerzeugnisse eingekauft. Der Fleischkonsum in Deutschland ist hoch, allerdings sind Wurst und Fleisch zu billig. Die Discounter locken immer wieder mit neuen Angeboten und Preisen, die nicht nur Folgen für die Handwerksfleischer und die Qualität der Produkte haben – die Lebensmittelskandale der vergangenen Monate brachten den Beweis.

Erst vor ein paar Tagen haben die Handelsunternehmen Aldi-Nord, Aldi-Süd und Norma erneut dauerhaft die Preise gesenkt, wie sie selbst im Internet verkünden. Die Nachlässe bei der reduzierten Ware liegen meist zwischen drei und neun Prozent. Zwar wollen andere Lebensmittelkonzerne nicht mitmachen, doch der Druck auf die kleinen Handwerksfleischereien steigt trotzdem.

"Frisch von der Theke"

Ein Sprecher von Deutschlands größtem Handelskonzern Metro sagte, es gebe keine Preissenkungswelle in den zum Unternehmen gehörenden Real-Märkten. Das Fleisch komme zum größeren Teil frisch von der Theke und sei mit der abgepackten Ware der Konkurrenten Norma oder Aldi nicht vergleichbar.

Auf "Frisch von der Theke" setzen auch die Betriebe des Lebensmittelhandwerks und so sieht der  Deutsche Fleischerverband die zunehmende Rabattschlacht auf dem Fleischmarkt sehr kritisch. "Man könnte meinen, der Handel beziehungsweise der Discount haben aus den Skandalen der letzten Zeit absolut nichts dazugelernt", sagt Gero Jentzsch, der Sprecher des Verbands. So würden sich immer weitere Niedrigpreis-Exzesse unweigerlich auf die Qualität unserer Lebensmittel auswirken.

"Wer ständig versucht, aus Produzenten und Lieferanten noch das letzte Zehntel eines Cents herauszuquetschen, verleitet diese womöglich dazu, sich kreativer Beschaffungs- und Produktionsmethoden zu bedienen", sagt Jentzsch. Vereinfacht gesagt: Man provoziert den nächsten Lebensmittelskandal.

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Grundsätzliche Bedenken hat auch die Umweltorganisation Greenpeace, wenn sie die extrem niedrigen Fleischpreise sieht, die nur durch die Massentierhaltung, Tierquälerei und erheblichen Schäden für Umwelt möglich seien. Außerdem müssten nach Ansicht der Organisation, die Subventionen auf Fleisch abgeschafft werden, die sie vor allem im ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben statt 19 Prozent sieht.

Subventionen verzerren den Markt

Ferkel auf Stroh und Heu, rund um glücklich und zufrieden: So rosig sieht die Realität leider nicht aus, denn Millionen von Schweinen werden in Deutschland in der Massentierhaltung gemästet. - © Foto: bettina sampl/Fotolia
Ferkel

Sinken die Subventionen, so sinke die Nachfrage und die Discounter würden weniger Billigfleisch anbieten, schlussfolgert Greenpeace. Der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent würde sich direkt auf den Fleischverbrauch auswirken: Die Deutschen würden dann durchschnittlich fast ein Zehntel weniger Schweinefleisch essen – das beliebteste Fleisch hierzulande – und auch bei anderen Fleischwaren sparen. Dies zeigt eine Studie, die Greenpeace beim Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) in Auftrag gegeben hat.

Gero Jentzsch vom deutschen Fleischerverband sieht diese Schlussfolgerung allerdings kritisch. Den Vorschlag der Erhöhung der Mehrwertsteuer lehnt er ab. "Diese Maßnahme verschärft möglicherweise noch den bereits herrschenden Preiskampf", warnt er, da damit die Preise steigen. Gleichzeitig sieht er aber auch, dass die Subventionen den Markt verzerren.

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Die Discounter verdienen mit billigen Lockangeboten bei Fleisch und Wurst kein Geld und gleich dies aber im Rahmen der Mischkalkulation mit anderen Artikeln im Sortiment aus, bei denen der Verbraucher weniger auf den Preis achtet. Diese Handlungsweise diene daher nicht dem Kunden, sondern allein marktstrategischen Absichten. 

"Es ist ein bekanntes Instrument im branchenüblichen Verdrängungswettbewerb",  erklärt Jentzsch. Aus Sicht des Fleischerhandwerks führt dies zu der beklagenswerten Situation, dass wertvolle Lebensmittel wie Fleisch und Wurst zur billigen Ramschware werden und an Wertschätzung verlieren.

Die Verbraucher zahlen die Zeche

Da sich dieser Verdrängungswettbewerb auf die Handwerksbetriebe negativ auswirkt, sieht der Verbandssprecher die Ankündigung des Bundeskartellamts positiv, das die Machtverhältnisse zwischen Handelskonzernen und Lieferanten unter die Lupe nehmen lässt. Vier Handelsgruppen kommen nach Einschätzung der Bonner Behörde zusammen bereits auf insgesamt 85 Prozent Marktanteil.

Das Fleischerhandwerk kann und will sich an diesem Krieg um den billigsten Preis nicht beteiligen und setzt auf Qualitäts- statt auf Preiswettbewerb. "Wir sind für faire Preise. Für unsere Produkte, denn sie sind ihr Geld wert. Für unsere Kunden, sie sollen ja wiederkommen. Aber auch für unsere Lieferanten, denn ohne gutes Ausgangsmaterial lassen sich keine handwerklichen Spitzenprodukte herstellen", erklärt Jentzsch. Bei anhaltendem Billigwahn hingegen würden am Ende Zulieferer und Verbraucher die Zeche zahlen. (mit dpa)