Bundesagentur für Arbeit: Diskussion zum Arbeitsmarkt 4.0 Digitalisierter Arbeitsmarkt: Nahles fordert Sicherheiten

Digitale Revolution – Fluch oder Segen für den Arbeitsmarkt? Auf einer Podiumsdiskussion forderte Arbeitsministerin Nahles mehr Sicherheit für die Arbeitnehmer in einer flexibilisierten Arbeitswelt.

Frank Muck

  • Bild 1 von 2
    © Foto: IAB
    Ohne Regeln geht's nicht: Andrea Nahles will auch für einen digitalisierten Arbeitsmarkt weiterhin tarifvertragliche Regelungen.
  • Bild 2 von 2
    © Foto: IAB
    Unterhielten sich über die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt: Dieter Kempf, Vorstandsvorsitzender der Datev eG, Arbeitsministerin Andrea Nahles, Moderator Sven Astheimer, Hans-Jürgen Urban, Vorstandsmitglied der IG Metall und Professor Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung.

Vier Diskutanten wagten sich am Montagabend bei den Nürnberger Gesprächen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung an einer Vorhersage für den Arbeitsmarkt vor dem Hintergrund der digitalen Revolution. Stochern im Nebel? Ja, aber mit Niveau.

Wie üblich versuchte Moderator Sven Astheimer von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Diskussion erst einmal zu verorten. Digitale Revolution oder doch nur Evolution? So ganz revolutionär seien die Veränderungen ja nicht mehr. Immerhin nutzen laut Arbeitsministerin Nahles schon 80 Prozent der Arbeitnehmer digitale Arbeitsmittel. Dennoch sei vieles noch nicht selbstverständlich. "Der ein oder andere wird sich fremd fühlen", so Nahles.

Dieter Kempf, Vorstandsvorsitzender des IT-Dienstleisters "Datev", war weniger vorsichtig und benannte drei Faktoren, die eine Revolution antreiben: 1. das Internet Protocol Version 6, 2. die Bandbreite bzw. Latenz bei der Datenübertragung und 3. mobile Geräte. Deren Wirkung reiche nicht nur in die industriellen Dienstleistungen hinein. "Das geht bis runter zum Handwerk", sagte Kempf.

Mit den Annahmen ändern sich die Zukunftsszenarien

Wie konkret solche Veränderungen aussehen werden, darüber ist sich auch die Wissenschaft bisher äußerst uneinig. Das Massachusetts Institute of Technology etwa erwartet, dass jeder zweite Arbeitsplatz in Gefahr ist. Andere Studien sehen dagegen ein Entstehen neuer Arbeitsplätze und vor allem neuer Beschäftigungsformen. Das IAB rechnet weder mit großen Jobverlusten noch mit einem Jobaufschwung. Der Wissenschaftler auf der Bühne, Professor Joachim Möller, war ob so viel Widerspruch um Aufklärung bemüht. "Wenn wir über die Zukunft sprechen", so der Direktor des IAB, "benötigen wir Annahmen." Mit den Annahmen ändern sich aber eben auch die Zukunftsszenarien. Soweit so unsicher.

Aber auch so einig. Denn allen war klar, dass man sich den neuen Gegebenheiten anzupassen habe. Konflikte kamen erst bei der Frage auf, wer mehr Anpassungsleistung und die Kosten dafür aufbringen muss: Arbeitgeber oder -nehmer. Schon die Weiterbildung, die ja gemeinhin als unerlässlich angesehen wird, birgt genug Konfliktpotenzial. IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban warnte davor, die Verantwortung für die Lernprozesse nur auf den Arbeitnehmer abzuwälzen. Regelungen über die Finanzierung und Ausgestaltung von Weiterbildungen müssten über Verhandlungen der Tarifpartner getroffen werden.

Regelungen nicht auf ganze Wirtschaftszweige übertragbar

Dieter Kempf war nicht mit Urbans Forderung einverstanden. Die Einigung über arbeitsvertragliche Regelungen sollte heutzutage nicht mehr durch Arbeitskampf erreicht werden, sondern auf innerbetrieblichem Wege in individuellen Abstimmungen. Allgemein gültige Tarifvereinbarungen oder gar gesetzliche Regelungen ließen sich nicht auf ganze Wirtschaftszweige übertragen und behinderten Unternehmen im Wettbewerb.

Dass Individualvereinbarungen bei einem Unternehmen wie "Datev", das mit seinen IT-Lösungen Vorreiter auf dem Weg in die Arbeitswelt 4.0 ist, funktionieren kann, mag man sofort glauben. In anderen Arbeitsumgebungen jedoch, die klassisch hierarchisch strukturiert sind und in denen weniger gut ausgebildete Arbeitnehmer arbeiten, bleibt eine auf gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe geführte Aushandlung ein frommer Wunsch. Ausbeutung werde es auch in einer digitalisierten Arbeitswelt geben. Daran bestand kein Zweifel.

Ohne Leitplanken geht es nicht

Beispielhaft brachte Andrea Nahles das Thema Werkverträge ein, mit denen gerade IT-Dienstleister auf Dauer Arbeitsverhältnisse eingegangen sind, die ein langfristig gutes Auskommen nicht garantieren könnten. Sicher könne man nicht an den Bedürfnissen einzelner Branchen vorbei, pauschale tarifvertragliche Regelungen für den Arbeitsmarkt treffen. Doch ohne Leitplanken gehe es nicht. Natürlich sei auch gerade von den Beschäftigten Flexibilität gefordert. Aber es gebe keine "Flexibilität ohne Sicherheit".

Am Ende blieb die Frage, was vor dem Hintergrund sich verändernder Arbeitsverhältnisse mit neuen Beschäftigungsformen und den großen Datenmengen, die sowohl die Arbeitnehmer aber auch die Unternehmen neuen Gefahren aussetzen, von der sozialen Marktwirtschaft übrig bleibt. Als äußerst positiv wurde vermerkt, dass sich die Bundesregierung dieses Themas bereits frühzeitig angenommen habe, auch wenn die Anstrengungen zur Schaffung der technischen Voraussetzungen einer Arbeitswelt 4.0 als unzureichend wahrgenommen werden.

Dieter Kempf wagte sich an eine Metapher, die diesen Anpassungsprozess an die Digitalisierung als das Reiten auf einer Welle umschrieb. Der Ritt könne allerdings – wie bei einer echten Welle – nur gelingen, wenn man nicht auf oder hinter, sondern vor der Welle reite. Noch ist vieles unsicher und die Aussagen, was passieren wird, muten wie ein Stochern im Nebel an, wie Moderator Astheimer abschließend anmerkte. Die Diskutanten taten dies aber auf durchaus hohem Niveau.