35 Jahre Wiedervereinigung Dieser Maschinenbauer schraubte an der deutschen Einheit mit

Als selbstständiger Handwerksmeister wechselt Hans-Ulrich Köhler zur Wendezeit in die Politik, um den bevorstehenden Wandel nach der deutschen Einheit mitzugestalten. Zurück blickt er mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Hans-Ulrich Köhler, Maschinenbaumeister und CDU-Politiker
Hans-Ulrich Köhler mit seinem Meisterbrief, 1974 von der Handwerkskammer des Bezirkes Gera ausgestellt. Später bewegte er sich als Praktiker auf politischem Parkett. - © Ulrich Steudel

Vor 35 Jahren stand Deutschland im Zeichen des Aufbruchs. Nach dem Fall der Mauer fand die lange geteilte Nation wieder zusammen, erlebten vor allem die Menschen im Osten einen Wandel, den sie kurz vorher noch nicht für möglich gehalten hatten. "Ich habe diesen Wandel mitgestaltet", blickt Hans-Ulrich Köhler auf die Wendejahre nach der deutschen Einheit zurück.

Damals zog der Maschinenbaumeister für die CDU in die erste frei gewählte Volkskammer der DDR ein. Bis 1998 saß er anschließend im Bundestag, wurde zweimal wiedergewählt. Der selbstständige Handwerksmeister, der seit 1978 im thüringischen Hainspitz eine Service-Werkstatt für Verpackungsmaschinen der Milchwirtschaft führte, war über Nacht zum Berufspolitiker geworden.

Zur Montagsdemonstration nach Leipzig

Herbst 1989, Montag, der 9. Oktober: Zwei Tage nach dem 40. Jahrestag der DDR sitzt Hans-Ulrich Köhler mit seinem Sohn und zwei Freunden in einem Barkas B 1000. Auf dem Weg zur nächsten Montagsdemonstration nach Leipzig fährt in dem Kleintransporter ein mulmiges Gefühl mit. Wird die Staatsmacht mit aller Härte durchgreifen? So wie die Chinesen vier Monate zuvor auf dem Tiananmen-Platz in Peking, als Proteste gegen die Regierung blutig niedergeschlagen wurden? "Wir wussten nicht, ob wir in der Nacht wieder zu Hause sein würden", beschreibt Köhler jenen Tag, an dem sich entscheiden sollte, ob die deutsche Revolution eine friedliche wird.

"Es war alles auf Deeskalation ausgerichtet", erinnert sich der 81-Jährige. Schon auf dem Stellplatz vor der Nikolai-Kirche sei von Bürgerrechtlern zur Ruhe gemahnt worden. Niemand solle sich provozieren lassen, während sich der Demonstrationszug durch die Innenstadt bewegt. "Die Leute haben den Polizisten Blumen geschenkt und vor dem Stasi-Gebäude Kerzen angezündet."

CDU-Kandidat zur Volkskammerwahl

Während sich in den folgenden Monaten die Parole der Protestler von "Wir sind das Volk" allmählich in "Wir sind ein Volk" verwandelt, werden die ersten freien und demokratischen Wahlen in der DDR vorbereitet. Der CDU-Kreisverband Eisenberg, seit 1972 Köhlers politische Heimat, will einen Lehrer und zwei Lehramtsstudenten als Kandidaten aufstellen. Da platzt dem Handwerksmeister der Kragen: "Wir können doch nicht nur mit Lehrern die neue Zeit aufbauen. Wir brauchen Handwerkskollegen, Leute aus der Wirtschaft", appelliert er an seine Parteifreunde. Ihre Antwort: "Du kannst ja selbst kandidieren, wenn du mitgestalten möchtest." Wenige Wochen später zieht Hans-­Ulrich Köhler in die Volkskammer ein, als einer von 396 Neuen unter den 409 Abgeordneten. Und das in einer Zeit, in der Entscheidungen im Akkord getroffen werden müssen.

Die letzte Legislatur der DDR-Volkskammer dauerte nur vom 18. März bis 2. Oktober 1990. In den 26 Wochen berieten die Abgeordneten in 38 Sitzungen über 759 Kabinettsvorlagen, beschlossen 164 Gesetze und verabschiedeten 93 Beschlüsse. "Mit diesem enormen Arbeitspensum wurde unter hohem Zeitdruck der Weg zur deutschen Einheit aktiv gestaltet", erinnert die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur an die wohl turbulenteste Phase im deutschen Parlamentarismus.

Anstrengende Zeit, geprägt von Optimismus

Hans-Ulrich Köhler und Helmut Kohl
Mit Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl verbindet Hans-Ulrich Köhler viele Erinnerungen an sein Leben als Politiker. Er war auch zur Trauerfeier für den „Kanzler der Einheit“ im Dom zu Speyer zugegen. - © Udo Giesen

"Diese Zeit war extrem anstrengend, aber geprägt von Optimismus. Wir wollten verändern, mussten je­doch feststellen, dass es gar nicht so einfach ist", sagt Hans-Ulrich Köhler. Vertreter aus der Bundestagsverwaltung berieten die Politik-Neulinge in Ostberlin, damit sie die Konsequenzen ihrer Entscheidungen besser einschätzen konnten. "Politik kann süchtig machen", versucht sich Köhler an einer Erklärung dafür, wie das hohe Pensum überhaupt zu stemmen war. Zumal die Bedingungen für die Volksvertreter sehr herausfordernd waren. Drei Abgeordnete mussten sich ein Büro teilen. Mitarbeiter gab es keine. Übernachtet wurde in einem ehemaligen Stasi-­Wohnheim. Aber Herausforderungen hat Köhler nie gescheut. Gehört er – Jahrgang 1944 – doch zu einer Generation, die früh mit Entbehrungen konfrontiert wurde.

Aufgewachsen in der Landwirtschaft, gehörte Arbeit früh schon zum Tagesablauf. "4 Uhr ins Futter oder in den Stall, danach gings zum Unterricht", erinnert sich Köhler an seine Schulzeit. Fuhren die Mitschüler ins Ferienlager, musste er aufs Feld. "1957 wurde unsere Klasse Republiksieger im Schrottsammeln. Als Auszeichnung gab es einen Ausflug in die Maxhütte nach Unterwellenborn." Im Stahlwerk erwachte das Interesse für seinen späteren Beruf im Metallhandwerk.

Hans-Ulrich Köhler lernte Maschinenbauer und übernahm 1978 seinen Lehrbetrieb von seinem Chef, der inzwischen zu seinem Schwieger­vater geworden war. Die Werkstatt hatte sich auf die Reparatur von Verpackungsmaschinen für Butter und Käse spezialisiert. "Es war ein hochinteressanter Beruf. Wir haben für rund 240 Molkereien in der ge­samten DDR den Kundendienst gemacht", erzählt Köhler. 50.000 Kilometer im Jahr habe er damals zurückgelegt, manchmal sei er erst an Heiligabend von der Montage zurückgekehrt. "Ohne die Unterstützung der Familie wäre das nicht möglich gewesen", blickt Köhler zurück und meint damit auch sein politisches Engagement.

Mit der deutschen Einheit in den Bundestag

Hans-Ulrich Köhler gehört zu den 144 Abgeordneten, die von der Volkskammer in den Bundestag entsendet werden. Nach der letzten Sitzung des DDR-Parlaments am 2. Ok­tober 1990 folgt am Tag der deutschen Wiedervereinigung ein Empfang bei Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Am 4. Oktober tagt erstmals ein ge­samtdeutscher Bundestag in Bonn. Die Aufgaben werden nicht weniger, auch wenn dem CDU-Politiker aus Thüringen jetzt ein eingerichtetes Büro und eine Mitarbeiterin zur Verfügung stehen. Köhler engagiert sich für die Meisterausbildung in Berufen wie Kosmetiker, Holzspielzeugmacher oder Pfefferküchler. "Beim ZDH gab es ein gutes Frühstück. Dabei haben wir einmal pro Woche handwerkspolitische Probleme diskutiert, bevor es in den Bundestag ging", erzählt Köhler.

Er wird stellvertretender Vorsitzender des Parlamentskreises Mittelstand der CDU/CSU-Fraktion und gehört dem Bundesvorstand der Mittelstandsvereinigung der CDU an. In seinem Heimatwahlkreis kämpft er um den Erhalt der Arbeitsplätze, zum Beispiel bei der Stahl­gießerei Silbitz. „Die gibt es heute noch“, erklärt Köhler nicht ohne Stolz. Zweimal gewinnt er zur Bundestagswahl in Gera das Direktmandat, ehe er 1998 aus dem Bundestag ausscheidet. Köhler kehrt in die Wirtschaft zurück, arbeitet bis zu seinem Ruhestand bei einem Matratzenhersteller.

Aktiv ist der 81-Jährige bis heute: als ehrenamtlicher Helfer im Pflegedienst des Roten Kreuzes oder beim Holzspalten im eigenen Garten in Hainspitz. Auf die deutsche Wiedervereinigung blickt er mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück, wie er in einer Pause verrät. "Alles in allem ist die Wiedervereinigung gelungen und das ohne Blutvergießen. Aber im Einigungsvertrag wurde es versäumt, ein paar gute Dinge aus der DDR zu übernehmen." Der Föderalismus sei eine feine Sache, aber nicht in allen Bereichen hilfreich, spielt Köhler vor allem auf das Schulsystem an. Ihm fehlt heute mehr Praxisbezug. „In der DDR hatten die Schüler viel mehr Einblicke in die Arbeitswelt.“