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Abgeordnete Diese Meister helfen dem Handwerk im Bundestag

Im Bundestag sind nur wenige Handwerker vertreten. Drei Unternehmer mit Meisterbrief berichten von ihrer Arbeit im Parlament - und erzählen, was sie am meisten stört.

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709 Abgeordnete hat der Bundestag. Doch nur sieben Parlamentarier sind Handwerksmeister. Die Deutsche Handwerks Zeitung hat jene drei Meister aufgesucht, die dem letzten Bundestag nicht angehörten. Sie berichten über ihre Pläne, beschreiben ihr Politikverständnis und schildern, wie sich die Arbeit in Parlament und Betrieb vereinbaren lässt.

Hagen Reinhold (FDP)

Hagen Reinhold lebt den Spagat. Er ist Unternehmer und FDP-Bundestagsabgeordneter zugleich. Wenn er zur Sitzungswoche in die Hauptstadt reist, kümmern sich seine Bauleiter um die Arbeit im Betrieb. Ich wäre ein schlechter Unternehmer, wenn das Geschäft nicht ohne mich ginge", sagt der 39 Jahre alte Maurer- und Betonbaumeister. Der FDP-Politiker ist geschäftsführender Gesellschafter der Baugesellschaft Reinhold GmbH in Barth in Mecklenburg-Vorpommern. Mittlerweile hat das Unternehmen, das sich auf den Gewerbebau konzentriert, 20 Mitarbeiter. In den sitzungsfreien Wochen ist Reinhold bei der Familie, im Betrieb und im Wahlkreis unterwegs. Da bin ich nah dran an den Leuten", betont er.

Ganz neu ist Reinhold in Berlin nicht. Schon 2013 saß er als sogenannter „Nachrücker“ für ein paar Monate für die FDP im Parlament. Vergleichbar ist dennoch nicht. Die FDP-Fraktion ist erst wieder dabei, Strukturen aufzubauen, nachdem sie im Herbst 2013 nicht wieder in den Bundestag eingezogen war. „Heute sind wir in Berlin wie ein Start-up“, sagt er. Der Aufbruch gefällt ihm, auch wenn noch nicht alle Mitarbeiter an Bord sind.

Hagen Reinhold

Der Handwerksunternehmer, der seit 2002 Mitglied der FDP ist, würde sich wünschen, dass viel mehr Gleichgesinnte im Bundestag säßen. Die Interessen kleiner und mittlerer Unternehmer werden zu wenig vertreten", betont er. Die unsäglichen Dokumentationspflichten beim Mindestlohn sind nur ein Beispiel dafür." Bürokratie müsste noch viel stärker abgebaut werden, fordert er.

Reinhold will sich in den Ausschüssen Bauen und Umwelt" und "Maritime Wirtschaft" für die Belange der Wirtschaft einsetzen. Entscheidend ist, dass es den Unternehmen vor Ort weiterhilft", fügt er hinzu. Er hätte auch gerne in einer Regierungskoalition mitgemacht. Aber jetzt sei es, wie es sei. Jetzt rechne ich mit einer Großen Koalition", sagt er. Seine Rolle sieht er als Oppositioneller, der konstruktiv Kritik übt.

In der bisherigen Weichenstellung von Union und SPD fehlt ihm eine "Vision fürs Land". Bei der Digitalisierung bemängelt er den fehlenden Schwung". In der Bildungspolitik gehört seiner Meinung nach die Länderhoheit schon längst abgeschafft. Dass diese jetzt gelockert wird und der Bund zumindest mehr Geld für die Schulen ausgeben darf, befürwortet er. Was die Arbeit angeht, fehlen ihm flexiblere Arbeitszeitmodelle. Damit ließen sich weitere Fachkräfte mobilisieren", ist er überzeugt.

Mit Blick auf die Steuern begrüßt er zwar den Einstieg in den Abbau des Solidaritätsbeitrags für Bürger mit kleinen und mittleren Einkommen. Aber wann und wie Unternehmen beim Soli entlastet würden, sei völlig offen. Kritisch sieht er auch die rentenpolitischen Pläne. Hier werden Wählergruppen bedient und wieder Junge gegen Alte ausgespielt", warnt er. Im Ergebnis werde damit noch mehr Geld für Soziales ausgegeben und der Einfluss des Staates weiter vergrößert. Für einen Liberalen wie ihn ist dies das reinste Gift.

Tino Chrupalla (AfD)

Der Pkw-Anhänger mit den Wahlkampfparolen steht noch im Hof. Auf 60 Veranstaltungen hat Tino Chrupalla im vergangenen Sommer für seine politischen Ziele geworben. "Wir waren im Wahlkreis Görlitz in jeder Gemeinde", sagt der Maler- und Lackierermeister aus Gablenz. Jetzt sitzt der 42-Jährige im Bundestag – als stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Alternative für Deutschland (AfD).

Dass er mit Listenplatz fünf in Sachsen in den Bundestag einzieht, davon war Chrupalla überzeugt. Aber dass er sogar das Direktmandat gegen den sächsischen CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer gewinnen würde, hatten wohl nur wenige für möglich gehalten. Kretschmer ist inzwischen zum Ministerpräsidenten von Sachsen aufgestiegen – für Chrupalla ein weiterer Beleg für den Politikstil der etablierten Parteien. „Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Bei solchen Karrieren fehlt den Politikern doch jeder Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen, über die sie bestimmen“, sagt Chrupalla, der sich als Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie im Bundestag für die Belange von Handwerk und Mittelstand einsetzen will.

Tino Chrupalla (AfD)

"Das Wort Handwerk kommt im aktuellen Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung nicht vor", kritisiert Chrupalla. Er möchte die duale Ausbildung erhalten und den Meisterbrief stärken. Die Malerkasse würde er dagegen am liebsten abschaffen. "Dieses System ist viel zu intransparent", sagt der Handwerksmeister, der sich auch für ein Ende der Russland-Sanktionen einsetzen will, weil die negativen Auswirkungen bis in die kleinen Betriebe der Region zu spüren seien.

Tino Chrupalla, dessen Vater im Alter von vier Jahren als Vertriebener aus Schlesien nach Sachsen kam, ist ein Kind seiner Region: Geboren im nahen Krauschwitz, behütete DDR-Kindheit, nach der Wende Malerlehre. Mit dem Meisterbrief in der Tasche startete er in die Selbstständigkeit. Der Betrieb wuchs auf bis zu zehn Mitarbeiter. Das Neue Schloss im Fürst-Pückler-Park Muskau steht in der Referenzliste.

"Ich war Kohl-Fan, habe immer taktisch gewählt, entweder CDU oder FDP", verortet Chrupalla seine politische Herkunft. Aber irgendwann fühlte er sich von den Parlamentariern nicht mehr vertreten. "Zunehmende Bürokratie und Zertifizierungswut fesseln uns Handwerker an den Schreibtisch. Das geht zulasten unserer Kreativität", klagt der Meister. Außerdem drückten Abgaben- und Steuerlast. In den letzten Jahren seien bei gleichen Umsätzen die Gewinne immer mehr geschrumpft. Zudem ärgerte ihn die Euro-Rettungspolitik und die Grenzkriminalität, unter der viele Handwerksbetriebe in der Region leiden.

2015 tritt Chrupalla in die AfD ein, steigt zum Vorsitzenden des Kreisverbandes Görlitz auf. Dass einige seiner Parteifreunde mit Provokationen auffallen, stört den als gemäßigt geltenden Chrupalla nicht. "Manche Äußerungen waren politisch unklug und würden von mir so nicht gesagt werden. Aber solange niemand gegen das Grundgesetz verstößt, fällt das für mich unter die Meinungsfreiheit", erklärt der Familienvater von drei Kindern, der trotz seiner neuen Rolle als Berufspolitiker seinen Ma­lerbetrieb weiterhin als Geschäftsführer leitet. Ansonsten kümmert sich sein Schwager um den Betrieb mit aktuell sechs Mitarbeitern und einem Lehrling.

Manfred Todtenhausen (FDP)

Ein gelungener Tag beginnt für Manfred Todtenhausen mit einem Handwerkerfrühstück. Der Elektromeister ist FDP-Bundestagsabgeordneter in Berlin. Zu Hause in Wuppertal aber arbeitet er nach wie vor in seinem angestammten Beruf. Dort im Bergischen Land schätzt er den Frühstücksplausch mit Kollegen: "Da erfährst Du, was draußen los ist."

Sein Unternehmen, die Elektro Todtenhausen GmbH, hat der 67-Jährige inzwischen einem langjährigen Weggefährten übergeben. "Wir sind trotz der Übergabe immer noch befreundet", scherzt der Politiker. Todtenhausen selbst hat abgerüstet: Gemeinsam mit seiner Frau, seinem Sohn und einem kleinen Team kümmert er sich noch um einige Sat-Anlagen und einige Tausend Rauchmelder. Diese Arbeit kann er in den sitzungsfreien Wochen bewältigen – neben seinem Hauptberuf als Abgeordneter.

Todtenhausen ist neu im Parlament. Das heißt, ganz neu auch wieder nicht. Er saß nur nicht mehr im letzten Bundestag, nachdem die FDP herausgeflogen war. Erstmals zog er 2012 über die nordrhein-westfälische Landesliste in den Bundestag ein. Sein bisher größter Erfolg: Er trug zu einem ein mittelstandsgerechten Insolvenzrecht bei. Jetzt ist er zurück - in einem Bundestag, der sich mit dem Einzug der AfD „total verändert“ hat, sagt Todtenhausen. Der FDP-Politiker ärgert sich über die „Schreihälse“ im Parlament. „Ich bin als Handwerker ja harte Sprüche gewöhnt, aber was wir uns jetzt anhören müssen, ist weit unter der Gürtellinie.“

Manfred Todtenhausen

In die Politik kam Todtenhausen als Spätstarter im Alter von 51 Jahren; seit 2004 ist er Ratsherr in Wuppertal. "Weil mein Unternehmen so gut aufgestellt war, konnte ich mir das erlauben." Rechtzeitig hatte der Elektromeister seine Firma so strukturiert, "dass sie auch ohne Chef auskommt". Das rät er allen Handwerkern, die in die Bundespolitik streben: "Du musst den Kopf frei haben. Politiker in Berlin ist ein anstrengender Vollzeitjob." In einer 3-Mann-Firma mit wechselnden Kunden könne man sich dafür nicht genug Zeit freischaufeln. Deshalb sind Handwerksmeister wie Todtenhausen auch so selten im Bundestag zu finden. Der Wuppertaler gehört dem Petitions- und Wirtschaftsausschuss an, zudem koordiniert er die FDP-Arbeitsgemeinschaft Handwerk.

Auf die wenigen Meister im Parlament wartet viel Arbeit. Todtenhausen hat sich vorgenommen, seinen Kollegen im Bundestag klarzumachen, was kleinkarierte bürokratische Regeln im Handwerk anrichten. Wie dramatisch sich der Fachkräftemangel auswirkt. Warum sich Vertreter des Mittelstands geschröpft fühlen. Weshalb das Vergaberecht modernisiert werden muss. Dass der Meister gestärkt werden muss. Ein besonderes Anliegen ist es Todtenhausen zudem, das Thema Digitalisierung im Handwerk fraktionsübergreifend anzugehen.

Er bezeichnet sich als "Europäer aus voller Überzeugung". Doch die Flüchtlingskrise verändere das Land. "Es reicht nicht zu sagen, wir schaffen das." Er wünscht sich ein Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild und eine neue Form der Berufsausbildung, die Flüchtlinge besser auf den Beruf vorbereitet. "Die Betriebe schaffen das nicht alleine." Ohnehin liege ihm berufliche Bildung am Herzen. "Ich glaube, das Handwerk bildet zu wenig aus", sagt Todtenhausen. "Wir bekommen große Probleme, wenn wir nicht bereit sind, unseren Nachwuchs selbst heranzuziehen." Der Elektromeister selbst hat in seinem Berufsleben 35 Lehrlinge ausgebildet.

Und warum hadern so viele Handwerker mit Berlin und Brüssel? Todtenhausen glaubt, dass vielen seiner Kollegen die Mechanismen moderner Politik fremd sind. Arbeitskreise und Kommissionen stellen für Handwerker keinen Wert an sich dar. "Handwerker ticken da anders." Sie seien ungeduldig, drängten auf schnelle Resultate. "Was ja auch verständlich ist, sie werden ja auch erst bezahlt, wenn sie Ergebnisse erzielen."

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