Handwerker sind im Bundestag traditionell unterrepräsentiert. Doch diese Handwerker brauchen möglicherweise ab Oktober eine Zweitwohnung in Berlin. Denn sie stellen sich am 22. September zum ersten Mal als Abgeordnete für den 18. Deutschen Bundestag zur Wahl.
Mirabell Schmidt

Sie alle haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind Handwerker und sie wollen in den Bundestag. Daher kandidieren sie bei der Wahl am 22. September als Abgeordnete. Ansonsten sind sie sehr verschieden – ob Linke, Grüne, Freie Wähler oder CDU/CSU.
Dabei sind Handwerker im Parlament traditionell unterrepräsentiert. Zu Beginn der jetzt zu Ende gehenden Legislaturperiode kamen nur 5,2 Prozent der Abgeordneten aus dem Handwerk. Dabei machen sie mehr als zwölf Prozent der Gesellschaft aus. Doch im September wollen wieder neue Handwerker den Sprung in die Bundespolitik schaffen. Hier einige Beispiele aus dem Verbreitungsgebiet der Deutschen Handwerks Zeitung :
Handwerker BundestagAlois Rainer, 48, ist Metzgermeister und möchte für die CSU in den Bundestag. Seit 17 Jahren ist er Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Haibach-Elisabethszell. Als Metzger steht er in der Früh im familieneigenen Betrieb, nachmittags ist er im Rathaus. Rainer kommt aus einer politisch aktiven Familie: CSU-Landeschefin Gerda Hasselfeldt ist seine Schwester, Rainers Vater war selbst Bürgermeister.
Nun kandidiert er für den Bundestag. "Das Parlament sollte ein Querschnitt der Gesellschaft sein und deshalb muss dort auch das Handwerk vertreten sein." Sein Ziel: Der Ausschuss für Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Im Bundestag will er gegen Steuererhöhungen kämpfen. "Außerdem muss Bürokratie abgebaut werden, damit der Handwerker wieder Handwerker ist."
Simson Hipp, 28, ist selbstständiger Zimmermann und will für die Freien Wähler im Wahlkreis Main-Spessart und Miltenberg in den Bundestag, um dort das Handwerk zu vertreten. Und das könnten Leute am Besten, die selbst einen Betrieb geführt haben, meint Hipp.
Wird er gewählt, will er sich dafür einsetzen, dass der Bund bei Großprojekten die Zustimmung des Volkes einholen muss. "Wenn sich ein Handwerker bei einem Angebot verkalkuliert, muss der Kunde trotzdem nur den Angebotspreis zahlen. Im Bund häufen sich die Fehlkalkulationen und die Bürger müssen dafür geradestehen."
Das Handwerk sollte man mehr in die Politik einbeziehen. "Würde man erst mit Handwerksvertretern sprechen, würden einige Gesetze gar nicht verabschiedet werden."
Charles M. Huber, 56, ist gelernter Zahntechniker und will für die CDU in Darmstadt in den Bundestag. Der aus Serien wie "Der Alte" bekannte Schauspieler ist seit 18 Jahren in der Politik aktiv und setzte sich zunächst vor allem für die Wirtschaft von Drittländern ein.
Nach der Ausbildung arbeitete er ein Jahr als Zahntechniker. Auch heute fühle er sich noch mit dem Handwerk verbunden: "Ich finde es sehr wichtig, dass die Jugend mehr ans Handwerk, nicht nur an Computer herangeführt wird", sagt er.
Im Bundestag würde er sich gegen Steuererhöhungen und für eine mittelstandsfreundlichere Energiepolitik einsetzen.
Hermann Zelt, 53, kandidiert für die Freien Wähler im Ostallgäu für den Bundestag und ist Orthopädiemechanikermeister. "Es macht Spaß, mitzusprechen", sagt Zelt. Seit zwölf Jahren ist er Mitglied in der Partei und seit einiger Zeit im Stadtrat aktiv. Nach wie vor arbeitet der Handwerker in seinem Betrieb.
Wird er in den Bundestag gewählt, will er dort seine Stimme für die Gesundheitshandwerke erheben. Seine Forderungen: Eine gesetzliche Versicherung für alle. Private Zusatzversicherungen sollten das abdecken, was die gesetzliche Kasse nicht kann.
Außerdem müsse man für Handwerksunternehmen Bürokratie abbauen. "Gerade im Gesundheitshandwerk gibt es viel zu viele Verträge zu beachten." Daher will Zelt "lieber vorher am Papier mitarbeiten, als hinterher zu meckern".
Florian Eckert, 42, ist Schreinermeister und will für die Grünen in Regensburg in den Bundestag. Aktiv engagiert sich der Handwerker seit 2008 in der Partei. "Ich wollte mich einbringen und nicht weiter die Politik von außen betrachten." Derzeit arbeitet Eckert als angestellter Schreiner in einer Zimmerei in Regensburg.
Gewinnt er das Mandat, will sich Eckert dafür einsetzen, in der Energiepolitik für Stabilität zu sorgen. "Dieses Hott und Hü bringt die Betriebe in Teufelsküche." Vor allem die Photovoltaik-Branche sei deshalb gefährdet.
Außerdem stehe der Otto Normalverbraucher für die Auswirkungen der Finanzkrise gerade. "Ich will den Handwerkern klarmachen, dass eine Vermögensabgabe sie nicht betrifft, denn kleine Betriebe wären außen vor."
Michael Marks, 39: Der Elektrotechnik-Meister möchte für die Freien Wähler in Dessau-Wittenberg in den Bundestag einziehen. Zurzeit arbeitet er als selbstständiger Handwerker und ist politisch nur ehrenamtlich tätig.
Die Entscheidung, bei der Wahl zu kandidieren, hat Marks getroffen, um die politische Verdrossenheit bei vielen Kollegen zu durchbrechen. "Es ist ein Ansporn, sie wieder ins demokratische Boot oder wenigstens an die Wahlurne zu ziehen."
Im Bundestag würde er sich vor allem dafür einsetzen, nicht nur Technologien zu fördern, sondern Arbeitsplätze. "Deshalb muss man die Bildungseinrichtungen im Handwerk stärken, um für ausreichend gut ausgebildeten Nachwuchs zu sorgen. "
Michael Konieczny, 46, ist Kraftfahrzeug-Elektriker und möchte für die Linke in Ravensburg in den Bundestag. Als er 1994 in seinem ehemaligen Betrieb in den Betriebsrat kam, wurde sein politisches Engagement geweckt. Politisch aktiv ist er seit 2005, als er in die WASG eingetreten ist.
Ausschlaggebend für seine Kandidatur war der Wille, etwas zu tun. Noch arbeitet Konieczny in seinem gelernten Beruf, Politik macht er in der Freizeit.
Sollte er in den Bundestag gewählt werden, will er sich dafür einsetzen, kleine Betriebe steuerlich zu entlasten, größere dafür mehr zu belasten. Die Mehreinnahmen sollten vor allem in die Bildung fließen.
Klaus Wolframm, 54: Der Schornsteinfegermeister will für die SPD Sächsische Schweiz und Osterzgebirge in den Bundestag einziehen. Seit 1997 ist er in der Partei aktiv, seit zehn Jahren im Kreistag. Für den Bundestag kandidiert er nun, da das Parlament seiner Meinung nach mehr selbstständige Handwerker braucht, denn "die stehen mitten im Leben".
Derzeit arbeitet er Vollzeit im eigenen Betrieb. "Als selbstständiger Handwerker wurmt es mich, dass in Berlin immer nur vom Mittelstand als Ganzes die Rede ist." Daher will er im Falle seines Wahlsieges vor allem für kleine Betriebe seine Stimme erheben und die Betriebe in die Energiepolitik miteinbeziehen.
Handwerker Bundestag GrimmUlrike Grimm, 51, ist Schneidermeisterin und will die CSU in München im Bundestag vertreten. Vor 14 Jahren ist sie der Partei beigetreten. "Ich war immer politisch interessiert und wollte mich einmischen, nicht nur meckern", sagt die Handwerkerin.
Für die Bundestagswahl kandidiert Grimm, da im Parlament nicht nur zu wenige Frauen, sondern auch zu wenige Handwerker sitzen. "Juristen können immer gut reden, doch das sind nur Theoretiker." Das Parlament brauche mehr Frauen, die aus der Selbstständigkeit kommen und in der Gesellschaft verwurzelt sind. Schafft sie den Einzug in den Bundestag, würde sie sich vor allem für Frauenthemen einsetzen, wie Gerechtigkeit in der Rente und eine gleiche Bezahlung von Frauen und Männern.
Handwerker Bundestag LustDietmar Lust, 41, will für die Grünen in Baden-Württemberg in den Bundestag. Seit Anfang 2000 ist der selbstständige Unternehmer in der Politik aktiv. "Irgendwann habe ich festgestellt: Nur am Stammtisch zu klagen, ändert nichts", sagt Lust. Als gelernter Werkzeugmacher und Maschinenbautechniker führt er ein Unternehmen im Bereich ressourceneffizientes Bauen.
Sollte seine Kandidatur erfolgreich sein, würde er sich daher vor allem für Kleinstunternehmen einsetzen. "Kleinst-KMU müssen viel mehr unterstützt werden – Stichwort Altersarmut. Man muss andere Möglichkeiten schaffen, damit es sich wieder lohnt, Unternehmer zu sein."
Außerdem müsse die Energiewende mehr im Ganzen, also auch von der wirtschaftlichen Seite, betrachtet werden.
Konrad Specker, 41: Der Bäckermeister kandidiert für die Freien Wähler im Wahlkreis Starnberg für den Bundestag. Zurzeit arbeitet er Nachts im eigenen Betrieb – tagsüber widmet er sich der Politik und seinen Mandaten. Seit 20 Jahren ist Specker bei den Freien Wählern, seit 2002 im Gemeinderat von Bad Heilbrunn und seit 2008 zweiter Bürgermeister der Gemeinde.
Nun zieht es ihn in die Berliner Politik, denn die Parteien dort reden seiner Ansicht nach immer nur vom Handwerk und dem Mittelstand als Stütze der Gesellschaft. "Aber dort, wo die Gesetzgebung stattfindet, sind sie kaum vertreten", findet er.
Daher will Specker verhindern, dass die Gesetzgebung nur auf die Industrie abzielt. Außerdem würde er sich im Bundestag unter anderem für eine handwerksverträgliche Energiewende einsetzen.










