Eine 2.000 Jahre alte Gemme, ein Kieselstein aus dem Urlaub, vergessener Schmuck aus dem Schrank: Goldschmiedemeisterin Eva Katz verarbeitet in ihrer Würzburger Werkstatt, was Kunden mitbringen – und lehnt manchmal ab. Ein Werkstattbesuch zwischen Tradition, Recycling und der Frage, wann ein Stück zu wertvoll zum Einschmelzen ist.

Wer die Goldschmiede Schmelztiegel im Würzburger Mainviertel betritt, landet mitten in der Werkstatt. Vorne stehen Walze und Ziehbank aus Stahl. Es riecht nach Metall, nach gereinigtem Werkzeug, nach Holz von der Werkbank. Ein paar Schritte weiter hinten steht die Esse, die Schmelz- und Lötstation, geschützt von feuerfesten Steinen. Eva Katz bleibt dort stehen, bindet sich die Schürze um und setzt die Schutzbrille auf. Dann richtet sie den Tiegel aus und zündet den Brenner. Die Flamme zischt, blau und konzentriert, und der Metallgeruch wird schärfer.
Als sie das Material erhitzt, flimmert die Luft vor der Arbeitsfläche und der Raum wirkt plötzlich wärmer. Im Tiegel sammelt sich das Gold zu einem glänzenden Tropfen, der hellrot aufleuchtet, während Katz das flüssige Edelmetall in den Einguss gießt. Dann nimmt sie die Flamme weg, lässt alles abkühlen und überprüft das Ergebnis. "Da fängt alles an", erklärt sie.
Schmelztiegel: Goldschmiede und noch vieles mehr
Seit 2019 fertigt die Handwerkskünstlerin hier Einzelstücke und berät an der Theke. Während sie das Material durch die Walze zieht, sagt sie: "Die Kunden kommen zu mir und fühlen sich ein bisschen in eine andere Zeit versetzt." Rechnungen schreibt sie noch von Hand. "Das kennt man so auch gar nicht mehr." Vieles hier wirkt sehr traditionell. Katz arbeitet mit Werkzeugen, die seit Generationen ähnlich funktionieren: schmelzen, walzen, ziehen, biegen, löten. "Das Goldschmiedehandwerk ist ein sehr altes Handwerk", erläutert sie. Manche Techniken sind aus längst vergangenen Epochen, etwa wenn sie bestimmte Oberflächen bewusst rau lässt, damit der Kontrast stärker wirkt.
Der Name Schmelztiegel hat auch viel mit dem Ort der Werkstatt zu tun. Das Mainviertel unterhalb der Festung war lange ein Fischer- und Rotlichtviertel, heute liegt hier vieles Tür an Tür: Bars, Gaststätten, der Kunstverein und eben Werkstätten. Hier trifft vieles aufeinander und mischt sich neu, wie in einem Schmelztiegel. Auch die Räume haben mehrere Leben hinter sich, vom Gasthaus zur roten Laterne über ein Antiquariat bis zum Tattoo-Studio. Zudem beginnt goldschmiedisch gesehen die Fertigung von Schmuck mit dem Legieren und Schmelzen in einem Tiegel. "So hat sich der Name ergeben", erklärt Katz.
Beratung statt Schaufensterkauf
Ein typischer Tag beginnt mit Routine. Die Unternehmerin öffnet den Tresor, bestückt die Vitrinen, prüft Termine und schreibt Angebote. Vieles läuft über Beratung nach Vereinbarung. An der Theke klärt sie zuerst die Richtung: "Welche Preisklasse? Wo liegt denn das Budget?" Die Stücke in der Vitrine sind dabei selten einfach Ware. Sie dienen als Ausgangspunkt für Maßanfertigungen, oft entwickelt Katz dann das Design gemeinsam mit den Kunden. Manchmal beginnt die Arbeit aber auch nicht mit dem Material, sondern mit Recherche. Erst letzte Woche habe eine Kundin einen Stein aus dem Schmuck der Urgroßeltern verloren. Katz telefonierte Händler und Schleifereien ab, bis klar war: ein natürlicher Saphir "in einer Farbe, die man heute kaum kennt".

An diesem Vormittag passiert genau das, was die Goldschmiedemeisterin inzwischen immer seltener erlebt. "Spontankäufe sind weniger geworden", schildert sie, "aber es kommt noch vor." Eine ältere Dame ist wegen goldener Ohrringe aus dem Schaufenster hereingekommen. Nachdem die Schmuckstücke anprobiert und der Sitz geprüft wurde, schlägt Eva Katz in ihrem handgeschriebenen Ordner den aktuellen Goldpreis nach, rechnet kurz und nennt den Betrag: 350 Euro. Die Kundin nickt und legt die Ohrringe nicht mehr zurück.
Vom Fundstück zum Schmuckstück in der Goldschmiede Schmelztiegel
Mit dem steigenden Goldpreis bringen immer mehr Kunden eigenes Material mit. Oft liegt es jahrelang in Schachteln im Schrank und landet dann bei der Würzburger Goldschmiedemeisterin auf dem Werktisch. Was dabei kaum Marktwert hat, kann für die Besitzer umso bedeutender sein. Viele wollen den Schmuck nicht verkaufen. Lieber soll daraus etwas entstehen, das wieder getragen wird. Bei manchen Materialien wird Katz spürbar ruhiger. "Eine 2.000 Jahre alte Gemme oder ein Gedenkdiamant", erinnert sie sich, "das erzeugt schon ein Gefühl der Ehrfurcht bei mir." Dann liege nicht nur ein Stein auf dem Tisch, sondern ein ganzes Stück Geschichte.
An anderen Tagen kommt das Material nicht aus einer Schatulle, sondern vom Wegesrand. Ein Kieselstein aus dem Urlaub, ein Stück Schiefer, eine Scherbe, die jemand am Strand gefunden hat. Katz nimmt solche Fundstücke vorsichtig zwischen die Finger, dreht sie im Licht und fragt nach dem Ort und vor allem nach der Geschichte dahinter. Oft geht es weniger um den Materialwert als um das, was daran hängt. "Da habe ich Respekt davor", gibt sie zu, wenn aus so etwas ein Schmuckstück werden soll.
Auf die Idee mit den Fundstücken kam sie nicht am Verkaufstresen, sondern über Ausstellungen. Damals arbeitete sie mit verrosteten Teilen, die sie mit Edelmetall kombinierte, "in Szene gesetzt" nennt sie das. Gerade der Gegensatz habe sie gereizt: rau gegen glänzend, Stahl gegen Gold, ein unscheinbarer Fund neben einem Edelstein. Was wie weggeworfen wirkt, bekommt plötzlich Wert, nicht durch Material, sondern durch Form und Bedeutung.

Eva Katz nimmt ein Stück nach dem anderen in die Hand und sortiert. Nicht alles taugt für eine Umarbeitung. Und manchmal lehnt sie auch ab, ein gut gearbeitetes Stück einzuschmelzen. "Das bringe ich nicht übers Herz."
Gold mit Gewissen
Sie schiebt eine kleine Schale mit Feilung zur Seite. Nichts wird weggeworfen. Recycling ist im Gold- und Silberschmiedehandwerk kein neuer Trend. Verschnitt und Feilung werden seit jeher gesammelt und wieder eingeschmolzen. Ressourcenschonend ist das, doch eine Herkunftsgarantie hat recyceltes Gold nicht.
Wer sicher sein möchte, dass Gold unter fairen Bedingungen abgebaut wurde und woher es kommt, dem empfiehlt Katz Fairmined-Gold aus zertifiziertem Kleinbergbau. Weltweit leben Millionen Menschen vom Bergbau, viele riskieren dabei Gesundheit und Leben. Mit Fairmined werde zumindest ein Teil dieser Arbeit gerechter entlohnt. Den Mehrpreis versuche sie so niedrig wie möglich zu halten. Für sie hätten Stücke daraus "einen ganz besonderen Glanz".
Die Goldschmiedin legt das fertige Schmuckstück zur Seite, wischt mit dem Daumen über die Oberfläche und schaut kurz auf die Werkbank, als würde sie im Kopf schon die nächste Anfertigung planen. An Arbeit mangelt es ihr nicht, sagt sie, deshalb will sie kommenden Herbst ausbilden. "Unser Handwerk braucht Nachwuchs." Reich wird man mit dieser Arbeit vielleicht nicht. Katz lächelt und sagt: "Aber ich persönlich bin sehr glücklich mit meiner Berufswahl."
Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.