Handwerk im Kino Filmstart: Diese Elektrikerin lässt sich nicht unterkriegen

Im Kino startet heute die warmherzige Tragikomödie "Wilma will mehr", in der eine Handwerkerin aus der Lausitz viele Rückschläge verkraften muss und spontan nach Wien umsiedelt. Ob sich der Kinobesuch für das neue Werk mit Fritzi Haberlandt lohnt, verrät unsere Kritik.

Eine Handwerkerin mit vielen Talenten: Wilma (Fritzi Haberlandt) lässt sich trotz vieler Rückschläge nicht unterkriegen. - © Neue Visionen Filmverleih

Nicht einmal vier Monate ist es her, dass das deutsche Arthouse-Kino den Scheinwerfer in einem abendfüllenden Spielfilm auf das Ostdeutschland der 90er-Jahre richtete und dabei auch vom Elektrohandwerk erzählte: In "Mit der Faust in die Welt schlagen" entführte uns Filmemacherin Constanze Klaue in die ostsächsische Provinz der Nachwendezeit und illustrierte in ihrem wuchtigen Sozialdrama den Zerfall einer ganzen Familie, der in der Arbeitslosigkeit eines gelernten Elektrikers seinen Anfang nahm.

In der weniger dramatischen, relativ harmlosen Tragikomödie "Wilma will mehr" – die am 31. Juli in den Kinos startet und beim 22. Neiße Filmfestival bereits den Publikumspreis abräumte – liegt der Fall verblüffend ähnlich: Auch hier verliert eine gelernte Elektrikerin aus den neuen Bundesländern nach der Wende ihren Job; ist aber nicht gewillt, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Statt die Flinte ins Korn zu werfen und Sozialhilfe zu beziehen, nutzt die Handwerkerin die berufliche und private Krise für einen Neuanfang. Das gestaltet sich lange Zeit unterhaltsam, ehe der Film auf der Zielgeraden ein wenig die Orientierung verliert und nicht mehr so recht weiß, in welche Richtung er uns mitnehmen möchte.

Eine echte Malocherin im Baumarkt

Eine Stadt in der Lausitz, kurz vor der Jahrtausendwende: Die Mittvierzigerin Wilma (Fritzi Haberlandt) ist eine echte Malocherin. Die Frau, die sich als "Mischung aus Elektriker, Schlosser und Maschinist mit Führungsqualität noch aus Brigadezeiten" bezeichnet, arbeitete in der DDR als Störungselektrikerin in einem Kohlekraftwerk, das nach der Wende geschlossen und in eine Touristenattraktion umfunktioniert wurde. Weil der Strukturwandel Millionen Menschen in Ostdeutschland in die Arbeitslosigkeit gestürzt hat und Handwerker wegen der Wirtschaftsflaute kaum noch Arbeit finden, verdient Wilma nun wohl oder übel als Elektrofachverkäuferin in einem Baumarkt ihre Brötchen. Doch es kommt noch dicker: Wilma verliert ihren Job, weil der Baumarkt geschlossen wird – und als sie nach Hause kommt und ihrem Mann Alex (Thomas Gerber) die traurige Neuigkeit zu überbringen, vergnügt der sich gerade mit einer anderen Frau.

Wilma, deren erwachsener Sohn in Mannheim lebt, packt kurzerhand ihre Sachen und siedelt nach Wien um. Dort findet sie einen Aushilfsjob im Baumarkt von Martin (Stephan Grossmann), den sie von früher kennt und der gerade selbst eine Ehekrise mit seiner Frau durchlebt. Auch dieses Engagement ist allerdings nicht von Dauer. Und weil Wilma kein Zimmer und keine Wohnung hat, bietet sie ihre Elektrikerdienste schließlich auf dem Handwerkerstrich an und muss in Massenunterkünften für Tagelöhner schlafen. Zum Glück lernt sie bei ihren Einsätzen neben dem ledigen Solartechniker Anatol (Valentin Postlmayer), der ein Auge auf sie geworfen hat, auch den Maler Max (Simon Steinhorst) kennen: Der nebenbei wenig erfolgreich als Schriftsteller tätige Handwerker hat in seiner Wohnung mit der feministischen Dozentin Matilde (Meret Engelhardt) gerade ein Zimmer frei…

Da machste ’n Sack voll Zertifikate und sitzt danach doch wieder nur zu Hause

Elektrikerin Wilma nach ihrer Kündigung

Überqualifiziert und unterbezahlt

"Ick hasse Baumärkte", lässt die Elektrikerin schon zu Beginn des Films keinen Zweifel an ihrem Anspruch an sich selbst – solche Einkaufshallen für Hobby-Heimwerker seien schließlich nichts, wofür sie mal angetreten sei. Regisseurin und Drehbuchautorin Maren-Kea Freese wiederum lässt keinen Zweifel daran, dass wir es bei der überqualifizierten und unterbezahlten Wilma mit einer gelernten Fachkraft aus dem Handwerk zu tun haben: "F1-Schutzschalter, vierpolig, IP40. IP40 gibt den Schutzgrad an", erklärt sie einer jüngeren Kollegin geduldig, als die mal wieder ein falsches Produkt für einen kaufbereiten Kunden zum Tresen gebracht hat. Überhaupt ist Wilma der Typ Handwerker, der defekte oder nicht perfekt montierte Dinge im Alltag schwer aushält: Als die Neonröhre auf der Toilette des Arbeitsamts flackert, greift Wilma direkt zum Schraubenzieher; und auch in der WG mit Max und Matilde erfährt die Verkabelung schon bald eine Generalüberholung.

Dass Wilma als Frau in einem MINT-Beruf und damit in einer vermeintlichen Männerdomäne arbeitet, macht das Drehbuch selten zum Thema – und das ist eine der großen Stärken des Films. Ihre Fachkompetenz wird nie infrage gestellt; sie wird sowohl von Kollegen als auch von Freunden und Auftraggebern als selbstverständlich akzeptiert.

Mit ermüdenden Geschlechterdebatten oder einem humorvollen Aufbrechen von Rollenbildern hält das Drehbuch sich nicht auf. Stattdessen stellt Freese die Frage, was ein Mensch noch wert ist, wenn er seinen Beruf nicht mehr ausüben darf: "Da machste ’n Sack voll Zertifikate und sitzt danach doch wieder nur zu Hause", zieht Wilma ein ernüchtertes Zwischenfazit. Eine Frage, die auch im eingangs erwähnten Sozialdrama "Mit der Faust in die Welt schlagen" gestellt wird.

Eine Handwerkerin mit vielen Talenten

Als echtes Stehaufmännchen lässt die tapfere Wilma, grandios gespielt von der stets starken Fritzi Haberlandt, sich allerdings nicht unterkriegen – und es macht vor allem in der ersten Filmhälfte Spaß, ihr beim Kampf gegen die Widerstände zuzuschauen. Die Lacher rekrutieren sich neben österreichischen Dialekthürden vor allem aus ihrer Vergangenheit; Wilma legt auf dem Amt etwa Zertifikate als Pomologin, Stenotypistin oder Bezirksmeisterin im Langstreckenschwimmen vor. Und die Filmschaffenden umschiffen so manche Klischeefalle gekonnt: Eine wohlhabende Auftraggeberin etwa, die kein Problem mit Schwarzarbeit hat und sich den Sicherungskasten in ihrer Villa von Wilma richten lässt, hätte man leicht als arrogante, von Technik ahnungslose und distanzierte Upper-Class-Kundin zeichnen können. Stattdessen lässt die Hausbesitzerin Wertschätzung für Wilmas Know-how durchklingen und bringt ihr Kaffee, den sie extra für sie gekocht hat.

Zwischen Kitsch und Korn: "Aufs Handwerk"

Handwerksfreunde unter sich (v.l.n.r.): Wilma (Fritzi Haberlandt), Matilde (Meret Engelhardt), Max (Simon Steinhorst) und Anatol (Valentin Postlmayr) - © Neue Visionen Filmverleih

In der zweiten Filmhälfte schleichen sich aber einige Längen in die Handlung ein: Trotz Wohnungsnot und fehlender Festanstellung findet Wilma noch die Zeit und Muße für Walzerkurse oder frönt mit Anatol dem Yogasport. Der Sozialdramatik nimmt das bisweilen die Wucht, mit zunehmender Spieldauer schlägt der Film immer seichtere, am Ende fast kitschige Töne an. Drei surreale, recht beliebig eingeflochtene Traumsequenzen geraten sehr plakativ und bei der hier und dort eingestreuten Ostalgie ("Es war ja nicht alles schlecht!") darf der Griff zur berühmten Spreewaldgurke nicht fehlen. So originell und sympathisch Wilma als Figur geraten ist, so einfallslos ist in solchen Momenten die Geschichte, die sie erlebt. Manchmal muss Wilma zudem noch aussprechen, was in Bild und Dialog längst transportiert wurde – damit auch wirklich jeder im Publikum begriffen hat, wie schlimm es ist, als "Ossi" den sozialen Abstieg erlebt zu haben.Eindeutig zustimmen möchte man dafür, als Matilde, Max und Anatol mit der Elektrikerin in feuchtfröhlicher WG-Runde die Korngläser erheben und lautstark "Aufs Handwerk!" anstoßen – es wäre eigentlich eine schöne Schlusseinstellung für einen Film gewesen, der auf der Zielgeraden fast epilogartig noch einmal den Weg zurück in die Lausitz findet. Dort soll dann noch manche Frage beantwortet werden, die auch einfach hätte offenbleiben können – denn auf ein sauberes Happy End arbeitet das Drehbuch ohnehin nicht hin.