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TV-Kritik: Bayerischer Rundfunk - "MehrWert" zum Mittelstand in der Krise Die zwei Gesichter der Krise: Müller vs. Messebauer

Die Messehallen stehen leer, manch vergessenes Handwerk boomt. Die Corona-Krise wirkt sich – wenn auch mehrheitlich negativ – so doch auch ganz unterschiedlich auf Handwerk und Mittelstand aus. "MehrWert", das Wirtschaftsmagazin des Bayerischen Rundfunks, liefert interessante Einblicke.

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass die Wirtschaftsmagazine in den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern ganze Ausgaben dem Handwerk widmen. In der Corona-Krise gab es zwar immer mal Einblicke in die Zustände im deutschen Mittelstand allgemein, und im Handwerk im Besonderen. In letzter Zeit, gerade mit dem vorübergehenden Abebben der Infektionszahlen, hatte sich das Interesse der öffentlich-rechtlichen Sender wieder in Grenzen gehalten. Doch seit die Zahlen wieder steigen, so scheint es, gibt es auch wieder mehr Einblicke und das mitunter sehr differenziert, wie nun im Bayerischen Fernsehen mit seinem Wirtschaftsmagazin "MehrWert".

Das lieferte in seiner jüngsten Ausgabe ein wahres Potpourri aus dem Handwerk. Es ging unter anderem um die Wartung einer privaten Photovoltaik-Anlage darf bei ordnungsgemäßer Durchführung, die im Übrigen alle getesteten Handwerker nicht komplett, aber immerhin beinahe schafften, etwa 400 Euro kosten und um Berufsalltag und Verdienst 2.350 Euro brutto einer Bäckereifachverkäuferin. Das hätte man noch unter allgemeiner Handwerker-TV-Folklore Berufsbild-Vorstellung und Test mit versteckter Kamera abhaken können, wenn da nicht noch die beiden anderen Beiträge gewesen wären, die gute Einblicke in die Situation in ganz verschiedenen Gewerken verschafften.

Der Müller in Corona-Zeiten: Lohnvermahlung statt Handelsmüller

Altes Traditionshandwerk, gerade im Lebensmittel-Bereich, und das scheint ein gewisser Trend zu sein, erfährt in diesen schwierigen Zeiten tendenziell einen Aufschwung. Ob es die Rückbesinnung auf regionale Produktion und kurze, nachvollziehbare Lieferketten, ist? Jedenfalls hat die allgegenwärtige Krise in der Mühle von Rudolf Sagberger in der Nähe des niederbayerischen Landshut durchaus positive Spuren hinterlassen. Denn bislang habe er als Handelsmüller sein Mehl aus dem bei ihm abgelieferten Getreide vor allem an wenige große Abnehmer verkauft. Diese wiederum, die Flughäfen, Gastronomen oder Caterer beliefern, hätten seit März kein Mehl mehr gebraucht, da ihre Kunden aufgrund des Lockdowns geschlossen hatten. Die Lösung in der Not hieß Lohnvermahlung, wie sie schon vor dem Zweiten Weltkrieg Gang und Gäbe war. Dabei liefern die Bauern ihr Getreide in der Mühle an, dort wird es gemahlen, doch der Bauer nimmt das Mehl wieder mit und verkauft es direkt an seine Kundschaft - der Müller kassiert für seine Arbeit. So werde der Zwischenhandel ausgesetzt, sagt Landwirt Tobias Kratzer, und so bliebe auch bei den Landwirten und Müllern und nicht nur bei den größeren Firmen etwas hängen.

Ähnlich läuft es auch bei Müllermeister Andreas Löffl im oberbayerischen Forstinning. Dort wird das Mehl entweder selbst im Mühlenladen vermarktet, an den Lebensmittel-Einzelhandel verkauft oder eben auch an den Bauern zum Eigenverkauf zurückgegeben. Sehr viele Neukunden habe er seit Beginn der Krise gewonnen, sagt Löffl, und die seien oft ganz erstaunt, dass es noch echte Müller wie ihn gebe, "weil man das in der Öffentlichkeit überhaupt nicht mehr so wahr nimmt". Will heißen: Supermarktmehl bekommt offenbar wieder ein bisschen Konkurrenz durch echtes Handwerksmehl und alte Gewerke geraten wieder mehr in den Fokus nicht nur des Fernsehens, sondern auch der Verbraucher. Ausschlaggebend, sagt eine Kundin von Rudolf Sagberger, sei vor allem die Qualität und der kurze Weg zur Mühle. Und der Müller hat vor, die Abfüllung des Mehls zu automatisieren und dafür zu investieren. Am Ende steht schließlich Bäckermeister Stefan Geisenhofer aus Freising, der auf Qualität und Regionalität setzt und entsprechendes Mehl aus der Nachbarschaft abnimmt. Das sei besser als das Mehl, das aus dem Ausland importiert werde, sagt er. Und auch bei ihm laufen die Geschäfte seit Corona nach eigener Aussage besser.

Der Messebauer in Corona-Zeiten: "Wir sind froh über jegliche Arbeit"

Doch das ist leider nur die eine Seite, und mutmaßlich auch der deutlich seltenere Fall, wie sie die Corona-Beschränkungen auf Wirtschaft und Mittelstand auswirken. Von Investitionen oder gut laufenden Geschäften nämlich kann im Falle von Messeveranstaltern und Messebauern derzeit überhaupt keine Rede sein, wie der BR in einem weiteren Beitrag zeigte und damit auch für die nötige Ausgewogenheit sorgte. "Wir sind froh über jegliche Arbeit", sagt etwa Messebauer Michael Lex von Rappenglitz Messebau aus der Nähe von München. Bei der "Trendset", einer Dekorationsmesse, konnte er mit seinen Mitarbeitern erstmals seit Monaten wieder tätig werden. Jedoch sind nur noch fünf anstatt wie früher acht Hallen belegt. Das bedeutet natürlich auch für die Messe und die Messebauer selbst weniger Einnahmen - ein Teufelskreis für die gesamte Branche. Einen Umfang von 28 Milliarden Euro, rechnet der BR vor, habe das Messegeschäft inklusive der Ausgaben für die Ausstellungen selbst und dem Folgegeschäft vor Corona gehabt. 18 Milliarden davon sind bislang seit März schon weggebrochen. Die Bilder riesiger, leerer Hallen, die dazu gezeigt werden, sind eindrücklich.

Es fehlt der menschliche Faktor

Auch für die Aussteller bleibt durch Abstands- und Hygieneregeln weniger Platz, um ihre Ware auszustellen. Peter Kwoka, der mit Floristikbedarf handelt, rechnet mit ungefähr der Hälfte des normalen Umsatzes bei Messen, wie er bedrückt in die Kamera sagt. Und obwohl in der Schreinerei von Rappenglitz Messebau wieder etwas mehr gearbeitet werden kann als während vieler Monate seit März, ist man dort noch lange nicht übern Berg. Die allermeisten der 80 Mitarbeiter sind nach wie vor in Kurzarbeit und das, obwohl vor Corona dort an sechs Tagen in der Woche Stände für Messen gebaut wurden. Lediglich mit der Umstellung auf die Programmierung von Online-Ausstellungsräumen hat sich ein kleiner Lichtblick für den Betrieb ergeben. Doch ob die virtuellen Mitarbeiter in virtuellen Welten die Kunden überzeugen, genauso beherzt einzukaufen wie vor der Krise, das darf der Zuschauer nach Ansehen des nicht gerade Mut machenden Beitrags getrost bezweifeln. Und auch bei Rappenglitz hoffen sie nicht, dass die Zukunft rein digital wird. Am Ende gehöre auch der menschliche Faktor dazu, heißt es aus dem Off. Und der, das ist der Kern so vieler wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Probleme derzeit, kommt vor lauter Pandemie-Bekämpfung ordentlich unter die Räder.

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