Auf dem Gelände des JadeWeserPorts in Wilhelmshaven sieht es aus wie in der Sahara. Die aufgespülten Sanddünen reichen bis zum Horizont. Eine steife Nordsee-Brise verteilt die trockenen Körner einem Wüstensturm gleich in alle Winde. Mitten aus diesem Szenario erhebt sich eine riesige weiße Zeltstadt mit zwei Pagoden-Dächern gen Himmel.
Die Zeichen stehen auf Sturm
Wilhelmshaven (dapd). Auf dem Gelände des JadeWeserPorts in Wilhelmshaven sieht es aus wie in der Sahara. Die aufgespülten Sanddünen reichen bis zum Horizont. Eine steife Nordsee-Brise verteilt die trockenen Körner einem Wüstensturm gleich in alle Winde. Mitten aus diesem Szenario erhebt sich eine riesige weiße Zeltstadt mit zwei Pagoden-Dächern gen Himmel. Dort treffen sich am Freitag und Samstag 1.000 Spitzenvertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zur 7. Nationalen Maritimen Konferenz.
Vor dem Treffen am Standort des ersten deutschen Tiefwasserhafens stehen die Zeichen analog zur windigen Momentaufnahme auf Sturm. Zahlreiche Branchen der maritimen Wirtschaft haben bereits mächtig Sand aufgewirbelt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), den neuen Wirtschaftsminister und Vizekanzler Philipp Rösler (FDP), Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) erwartet eine Breitseite aus Forderungen, Protesten und Vorwürfen.
Die Reeder drohen mit einer neuen Ausflaggungswelle von Schiffen, wenn der Bund seine Beschlüsse tatsächlich umsetzt, die Finanzhilfen bei den Lohnnebenkosten zu kürzen. Die Werften fordern Bundesregierung und EU-Kommission auf, gegen staatliche Markteingriffe in Asien vorzugehen. Die maritime Wirtschaft im Nordwesten hat gleich ein Fünf-Punkte-Positionspapier aufgelegt, in dem unter anderem eine bessere Hinterlandanbindung der Nordsee-Häfen und ein beschleunigter Ausbau der Netze für den Offshore-Strom angemahnt sowie die geplante Reform zum Ausbau der Bundeswasserstraßen rein nach Tonnage kategorisch abgelehnt wird.
Zugleich haben zahlreiche politische Parteien, Gewerkschaften und Bürgerinitiativen Proteste angekündigt. Die Linke lädt zu einer "Parallelkonferenz im Sinne einer ökologisch-sozialen Nachhaltigkeit" ein, ver.di demonstriert für den Erhalt von Arbeitsplätzen in den Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen, und ein Aktionsbündnis macht mobil gegen Atomkraft und die unterirdische Speicherung von Kohlenstoffdioxid.
Von dem herannahenden politischen Sturm ist in der 28.000 Quadratmeter großen Zeltstadt am JadeWeserPort noch wenig zu spüren. Hier wird alles für eine wohlige Atmosphäre getan. Dafür soll unter anderem ein riesiger Lichtkranz mit maritimen Motiven und einem Durchmesser von 20 Metern sorgen, der die Gäste im Eingangsbereich empfängt. 40.000 Quadratmeter groß ist eine vorzeitig asphaltierte Fläche, auf der die Kongressteilnehmer ihre Autos parken können, damit sie nicht im Sand versinken.
Die Arbeiten zum Aufbau der Zeltstadt befinden sich auf der Zielgeraden. Innerhalb einer Woche standen die Gebäude, seit zwei Wochen wird im Inneren gewerkelt. "Alles ist im Zeitplan. Wir besprechen gerade schon den Zeitplan des Abbaus", sagt ein Arbeiter. Lediglich Teile des technisches Equipments, etwa die Kommunikationsanschlüsse für 150 akkreditierte Pressevertreter, fehlten noch. Stühle, Bühne und die Multimedialeinwand stehen schon.
Auch die aktuell etwa 300 mit dem Bau des JadeWeserPort beschäftigten Arbeiter lassen sich von dem anstehenden Einmarsch der Polit-Prominenz nicht beeindrucken. Es wird gerammt, geschweißt, betoniert und gebuddelt. 46 Millionen Kubikmeter Sand wurden in den vergangenen drei Jahren auf einer Fläche von 400 Fußballfeldern aufgespült. Das künstlich aufgeschichtete Areal soll im August 2012 als Deutschlands einziger tideunabhängiger Tiefwasserhafen in Betrieb genommen werden.
"Große Schiffe, schnelle Abfertigung, tiefes Wasser", wirbt Hans-Jürgen Fritsch vom Hafenbetreiber Eurogate für den eine Milliarde Euro teuren JadeWeserPort. Direkt an der 1.725 Meter langen Kaje, an der bald 400 Meter lange Schiffe mit einer Ladekapazität bis zu 16.000 Standardcontainer (TEU) anlegen sollen, fühlt sich der 68-Jährige wohl.
Richtig euphorisch wird Fritsch daher nicht, wenn er an die Nationale Maritime Konferenz denkt, sondern bei dem, was bald aus China anschwimmt: Acht gigantische Containerbrücken - je zwei Tonnen schwer und 130 Meter hoch, werden im Januar erwartet. 25 Containerlagen auf einmal sollen die Kräne greifen können. "Das sind die weltweit größten ihrer Art", schwärmt Fritsch.
Apropos China: Nach einer großen Werbetour des Hafenvermarktungsteams durch Asien und Amerika begutachteten Vertreter von zwei chinesischen Reedereien den JadeWeserPort. Auch sie standen im Sandgestöber. Ob das Wetter hier immer so sei, wurde Fritsch gefragt. Er verneinte, auch wenn die Zeichen aktuell wieder auf Sturm stehen - zumindest politisch.
dapd
