Kolumne Die Sympathiefalle: Schluss mit teuren Fehlbesetzungen

Extrovertiert, gleiches Hobby, freundliches Auftreten? Solche Faktoren führen oft zu falschen Personalentscheidungen. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erklärt in ihrer DHZ-Kolumne, wie Sie sicherstellen, dass Sie die fachlich besten Kandidaten einstellen.

Ein lockeres Gespräch oder eine sorgfältige Prüfung? Im Bewerbungsgespräch entscheidet oft der erste Eindruck – und genau da lauert die Gefahr für teure Fehlentscheidungen. - © motiur vector artist - stock.adobe.com

Ein lockerer Spruch, ein gemeinsames Hobby, ein kurzer Lacher und schon steht das Urteil fest: "Passt ins Team."  

Doch genau hier lauert die Gefahr für Fehlentscheidungen. Im Gegensatz zu großen Unternehmen gibt es keine Recruiting-Abteilung, die Gespräche vorbereitet. Fast immer sitzt die Chefin oder der Chef selbst am Tisch, oft schon beim ersten Kennenlernen – und nicht selten wird die Person sofort dem Team vorgestellt. Klingt nach Transparenz, birgt aber das Risiko: 

Wenn alle in die gleichen Bias-Fallen tappen, ist eine Fehlbesetzung programmiert. 

Bias-Fallen im Gespräch 

Bias bedeutet: Unsere Wahrnehmung ist verzerrt. Unbewusste Denkmuster erleichtern Entscheidungen, führen im Bewerbungsgespräch aber oft zu Fehleinschätzungen. Sympathie, Gemeinsamkeiten oder ein freundliches Lächeln wirken stärker als Fachkompetenz.  
 
Ich erinnere mich an ein Gespräch, in dem sich ein Bewerber vorstellte und gleich im ersten Satz sagte: "Ab jetzt mache ich die schwere Arbeit." In meinem Kopf dachte ich nur: Pass mal auf, ich bin Steinmetzmeisterin, ich weiß sehr genau, was schwere Arbeit ist. Dieses Beispiel zeigt, wie schnell Vorurteile entstehen und wie selbstverständlich manche noch immer Frauen im Handwerk unterschätzen. Ob ich ihn eingestellt habe? Nein. Seine Bemerkung allein zeigte eine Haltung, die nicht zu unserem Team gepasst hätte.

Genau darin zeigt sich ein weiteres Problem: Viele hegen immer noch tiefsitzende Vorurteile gegenüber Frauen im Handwerk. Sei es bei der Bewerbung um eine Ausbildungsstelle oder um eine Gesellenstelle. Oft wird unterschwellig davon ausgegangen, dass Frauen körperlich nicht mithalten können oder handwerklich weniger leisten. Solche Denkmuster sind längst überholt, wirken aber weiter und führen dazu, dass Talente vorschnell aussortiert oder unterschätzt werden. 

Kathrin Post-Isenberg
Die Steinmetzmeisterin und Bildhauerin Kathrin Post-Isenberg leitete früher einen eigenen Betrieb in Siegburg. Mit ihrer Praxiserfahrung berät sie heute Handwerksunternehmen dabei, sich erfolgreich als Arbeitgebermarke zu etablieren. Seit 2025 praktiziert sie darüber hinaus wieder ihr ursprüngliches Handwerk – diesmal im Nebenerwerb. - © Markus Zielke

Typische Beispiele dafür sind:

  • Extrovertierte wirken automatisch kompetenter. 
  • Gemeinsame Hobbys bringen Bonuspunkte. 
  • Sympathie überstrahlt schwächere fachliche Antworten. 

So ersetzt Sympathie die Kompetenz und die Fachfragen dienen nur noch zur Bestätigung des ersten Eindrucks. 

3 Tipps, wie Sie Smalltalk-Fallen umgehen 

  1. Bewusstsein schaffen 
    Fragen Sie sich: Habe ich auf Fachliches geachtet oder nur auf Sympathie? Machen Sie sich klar, dass Smalltalk verzerren kann und auch Geschlechtervorurteile eine Rolle spielen. 
  1. Zeitpunkt wählen 
    Zeigen Sie Bewerber nicht zu früh dem Team. Holen Sie das Team erst dann ins Boot, wenn Sie selbst ein klares Bild haben.
  2. Praxis vor Plauderei 
    Lassen Sie Bewerber von echten Aufgaben erzählen: Welche Arbeiten haben sie umgesetzt, wie sind sie mit Problemen umgegangen, was lief besonders gut? Das sagt mehr als jede Geschichte über Anreise oder Hobbys. 

Bias ist keine Einbahnstraße 

Auch Bewerber bringen Vorurteile mit. Vielleicht haben sie bestimmte Bilder vom Handwerk ("Hier zählt nur harte Arbeit, keine Entwicklungsmöglichkeiten"), von Frauen und Männern in Führungsrollen oder von der Außendarstellung eines Betriebs. Bereits ein unbedachtes Wort, ein kurzer Blick ins Büro oder die Atmosphäre beim Vorstellen des Teams kann für ein Urteil ausreichen. Manchmal springen genau deshalb gute Kandidaten ab.

Wie Sie eigene Biases erkennbar machen 

Betriebe können darauf achten, keine Steilvorlagen für Vorurteile zu liefern. Fragen Sie sich: 

  • Wirkt der erste Eindruck in der Werkstatt oder im Büro so, wie wir ihn uns wünschen? 
  • Senden wir unbewusste Signale ("Das ist nichts für Frauen", "Wir brauchen starke Typen")? 
  • Bekommen Bewerber Gelegenheit, Fragen zu stellen, die ein realistisches Bild vom Betrieb vermitteln?
  •  Gelegenheit, Fragen zu stellen, die ein realistisches Bild vom Betrieb zeigen? 

Wer hier bewusst hinschaut, erkennt schnell, wo voreilige Schlüsse entstehen könnten und kann gegensteuern. 

Fazit 

Smalltalk kann Türen öffnen, aber auch den Blick verstellen. Wer die Auswahl seiner Mitarbeiter zu sehr vom ersten Eindruck abhängig macht, riskiert Fehlbesetzungen. Bewusst geführte Gespräche sichern nicht nur Qualität, sondern auch die Glaubwürdigkeit von Chefin, Chef und Team und helfen, unbewusste Vorurteile Schritt für Schritt hinter sich zu lassen. 

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.