Die Handwerkskammer für Oberfranken hat mit Pilotprojekten zur Förderung des Handwerks in Thüringen und Sachsen unmittelbar nach dem Mauerfall Maßstäbe gesetzt. Von Aaron Buck
"Die spannendste Zeit meines Lebens"
Das Telefon klingelt. Horst Eggers hebt ab. "Schau mal raus", sagt die Stimme am anderen Ende, "es ist unglaublich". Auf dem Gelände vor der Handwerkskammer für Oberfranken sieht Eggers ein Meer von Trabis.
In den Wochen nach dem Mauerfall standen Hunderte von Handwerkern aus der DDR in und vor der Kammer in Bayreuth und baten um Rat und Hilfe. Die Ereignisse waren im von der A 9 Berlin-Nürnberg durchquerten Oberfranken besonders hautnah zu erleben. Die nordbayerische Region grenzt mit Thüringen und Sachsen an die bevölkerungsreichsten und wirtschaftsstärksten Gebiete der DDR. Noch 20 Jahre später spürt Eggers, heute HWK-Hauptgeschäftsführer, die Euphorie von damals.
Vom ersten Tag an gefordert
"An den nächstgelegenen Grenzübergängen wirkte die Öffnung, als ob man den Stöpsel aus einer Badewanne zieht", erinnert er sich an den "unglaublichen Ansturm" der DDR-Bürger. "Wir waren vom ersten Tag an in einer Weise gefordert, wie das heute kaum mehr vorstellbar ist", beschreibt der damalige Geschäftsführer die Situation in der HWK. Die Öffnung der Grenze sei Herausforderung, Verpflichtung und Chance zugleich gewesen. "Wir waren moralisch verpflichtet, dem DDR-Handwerk, das 40 Jahre Diktatur und Planwirtschaft überlebt hatte, zu neuem Glanz zu verhelfen", so Eggers – "eine Riesenherausforderung". Aber eben auch die Chance für oberfränkische Betriebe, nach der Überwindung des Eisernen Vorhangs normale Wirtschaftsbeziehungen nach allen Seiten aufzubauen.
Das Handwerk wurde in der DDR vom Staat bewusst dominiert. Die Kammern waren verlängerter SED-Arm, personell gesteuert und entsprechend unbeliebt bei den Handwerkern, die unter der Planwirtschaft stark zu leiden hatten. Dennoch gab es 1989 in der DDR 80.000 private Handwerker – und diese hatten ein immenses Informationsbedürfnis.
Das "Bayreuther Modell"
Als Soforthilfe entschloss man sich, Seminare anzubieten. Als bundesweites Pilotprojekt entstand das "Bayreuther Modell": Drei-Tages-Seminare für je 50 Handwerker, die von erfahrenen Betriebsberatern der Kammer unterrichtet wurden. Die Seminarunterlagen behandelten wesentliche Fragen der sozialen Marktwirtschaft. Im ersten Block ab Februar 1990 gelang es, 450 Handwerker durch die Kompaktkurse Betriebswirtschaft zu schleusen. Schon vorher hatten Veit Holzschuher, damals Hauptgeschäftsführer, und Eggers auf Großkundgebungen in Halle, Chemnitz und Gera über die Rolle Handwerks in der Bundesrepublik referiert. Dabei wollten sie den Menschen vor allem für ihre Zukunft in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt Mut machen. "So sehr das private Handwerk als Säule des Mittelstands in der DDR unterdrückt wurde", erläutert Eggers, "so groß beurteilten wir das Potenzial dieser Betriebe, in einem freiheitlich demokratischen System an vorderster Stelle am Aufbau der sozialen Marktwirtschaft mitzuwirken." Später lag der Fokus auf technischen und steuerrechtlichen Inhalten und bereits im März 1990 fanden die ersten betriebswirtschaftlichen Betriebsberatungen vor Ort statt. Alle Maßnahmen waren Teile eines Pakets, das die HWK für Oberfranken Mitte Dezember 1989 dem Bundeswirtschaftsministerium sowie dem bayerischen Wirtschaftsministerium vorgelegt hatte. „Wir konnten natürlich für die Förderung des DDR-Handwerks keine Gelder aus der Kammer aufwenden“, sagt Eggers. "Aber wir waren gerne bereit, diese Aufgabe des Staates als dessen verlängerter Arm wahrzunehmen."
Die Idee der Treuhandkammer
Die haushaltsrechtlichen Bedenken, Bundesmittel außerhalb des Staatsgebiets zu investieren, räumten die HWK-Verantwortlichen mit der Idee von der "Treuhandkammer" aus dem Weg. So erhielt die Kammer treuhänderisch die Finanzmittel für die Hilfsmaßnahmen. "Das war die spannendste Zeit meines Lebens", sagt Eggers. Im Februar 1990 wurden zunächst 100.000 D-Mark bewilligt – exakt die Kosten für den ersten Seminarblock inklusive Verpflegung und Übernachtung. Am 20. März 1990 folgte ein größeres Programm. Auf Basis von Vorschlägen der HWK wurden mit einem Budget von 90 Millionen D-Mark Hilfsprogramme für die beiden angrenzenden Regionen Ostthüringen und Sachsen entwickelt, insbesondere für Gera und Rudolstadt, die Partnerstadt von Bayreuth. Aus dem Bezirk der Kammer Chemnitz nahm man sich die Städte Plauen und Zwickau vor. Bis 1995 wurden über das Programm sechs Berater für Thüringen und Sachsen finanziert, vier Diplomkaufleute, ein Diplomingenieur und ein Jurist. Die erste Beratungsstelle entstand im März 1990 in Gera, im April folgte Rudolstadt.
In der Kammer wurde eine Kontaktvermittlungsstelle eingerichtet, an die sich Handwerker wenden konnten, die Geschäftsbeziehungen in den Westen suchten. Dort wurden auch Börsen für Gebrauchtmaschinen und Werkzeuge auf den Weg gebracht. 20 HWK-Mitarbeiter waren ausschließlich mit dem DDR-Handwerk beschäftigt.
Entscheidend für die Zukunft war die Qualifizierung des Nachwuchses. So war der wesentliche Teil des Finanzpakets dafür vorgesehen, überbetriebliche berufliche Bildungszentren einzurichten. Als "Treuhandkammer" übernahm die HWK für Oberfranken gegenüber dem Bund die Verantwortung für das Antragsverfahren, die Planung, die Bauleistung und die Abwicklung der Finanzierung bis hin zur schlüsselfertigen Übergabe der Berufsbildungs- und Technologiezentren in Gera, Chemnitz, Rudolstadt und Halle, wo bereits im August 1990 der erste Spatenstich gefeiert werden konnte. Insgesamt wurden laut Eggers rund 300 Millionen Euro bewilligt.
Unerschöpfliches Engagement
Beeindruckender als die blanken Zahlen sei für ihn das unerschöpfliche persönliche Engagement der Kammermitarbeiter, die weder auf Zeit noch Geld schauten, sowie ihrer Ehefrauen, die am Wochenende Besuchern aus der DDR Verpflegung und Unterbringung im HWK-Internat angeboten hatten.
"Gänsehaut bekomme ich noch heute", erzählt Eggers, "wenn ich an den 21. Juni 1990 denke". Auf einer Großkundgebung in Zwickau vollzog das Handwerk aus Ost und West noch vor der offiziellen Einheit Deutschlands seine Wiedervereinigung. "Wir hatten hundertfach den Text unserer Nationalhymne kopiert", so Eggers, "völlig unnötig: Alle kannten den Text. 5.000 Handwerker sangen – viele mit Tränen in den Augen." Auch unter dem Eindruck dieser machtvollen Demonstration übernahm die Regierung de Maizière noch vor dem 3. Oktober 1990 die deutsche Handwerksordnung; die DDR-Regelungen für das Handwerk wurden außer Kraft gesetzt. Bereits im Oktober 1990 war das Handwerk um 20 Prozent auf 100.000 Betriebe angewachsen.