Die Opfer der Gier

Der Vertrauensverlust gegenüber den Finanzmärkten wiegt schwer

Von Roman Leuthner

Die Opfer der Gier

Die Politik in Berlin wiegelt ab. Natürlich gibt es Gründe dafür: Das deutsche Bankensystem ist stabiler und anders aufgestellt als die Banken in den USA. Die Werte sind sicherer. Zudem ist hierzulande das Anlageverhalten prinzipiell konservativer. Hochriskante Zockerei an den Börsen ist bei weitem nicht so verbreitet wie an der Wall Street. Die gelegentliche Spekulation mit Optionsscheinen erscheint dem durchschnittlichen deutschen Kapitalanleger häufig schon wie russisches Roulette.

Gleichwohl kennt niemand die Höhe der Beteiligungen deutscher Geldhäuser, zumal auch von Landesbanken, am Risiko der in Not geratenen US-Banken, Versicherungsgesellschaften und Fonds. Und keiner weiß, was auf Freddie Mac, Funnie Mae, Bear Stearns, Lehman Brothers, AIG, Meryll Lynch & Co. noch folgen wird. Abstriche an unseren Einlagen müssen aber auch wir hinnehmen, heute schon.

Wie stark die Konjunktur unter der Finanzkrise leiden wird und ob es vielleicht sogar zu einer weltweiten Rezession kommt – auch das wird sich zeigen. Die Welt kann mit einem kräftigen blauen Auge davonkommen und sich nach einer gigantischen Orgie der Geldverbrennung an den Wiederaufbau machen. Es kann aber auch sein, dass ein verheerender Dominoeffekt eintritt, der ein großes Institut nach dem anderen in den Strudel reißt. Dann können auch Regierungen und Notenbanken nicht mehr helfen. Spätestens dann ist der Crash total.

Am schwersten, neben der realen Vernichtung von Werten und Hoffnungen, wiegt der Vertrauensverlust, die ver-

brannte Erde, die diese Finanzkrise hinterlassen wird. Auf der Strecke bleiben nicht die Zocker an der Wall Street oder Finanzmagnaten mit Yachten an der Riviera, sondern Millionen amerikanischer Ex-Eigenheimbesitzer und Kleinkapitalanleger, die für ihre Altersvorsorge sparten und zahllose Anleger weltweit. Bang! Alles weg, vorbei und vergessen …

Wieder einmal, so der fatale, aber durchaus realistische Eindruck, hat sich bewiesen, dass Volkswirtschaften gefährdet sind, wenn Geld zum Selbstzweck wird. Finanzielle Werte müssen von einem wirklichen Gegenwert an Produkten und Dienstleistungen gedeckt sein, Geld muss Mittel zum Zweck sein, aber nie der Zweck selbst. Als Investition in neue Produktionsanlagen, in Dienstleistungen, Arbeitsprozesse und Produktivität, in die Qualität von Waren und in die Innovation durch Forschung und Entwicklung erwirtschaftet Geld Wachstum und erhöht die Wertschöpfung. Wenn sich volkswirtschaftliche Innovation wesentlich jedoch in der Erfindung möglichst undurchsichtiger und komplexer Finanzprodukte erschöpft, wird alles zum Schneeballsystem: Die ersten zehn profitieren, die letzten tausend beißen die Hunde.

Die Forderungen nach einer effektiveren Kontrolle der Weltfinanzmärkte sind logisch. Allein, ob sie praktikabel sind, wird sich zeigen. Denn das Kapital geht immer dahin, wo die Rendite am höchsten ist. Das wird sich auch mit dieser Finanzmarktkrise nicht ändern.