"Die Länder stoßen an ihre Grenzen"

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka Bank, im DHZ-Gespräch über die Schuldenkrisen in den USA und Europa.

Ulrich Kater ist Chef-Volkswirt bei der DekaBank in Frankfurt am Main.+#x21e5;Foto: DekaBank

"Die Länder stoßen an ihre Grenzen"

DHZ: Herr Kater, die unmittelbare US-Pleite konnte durch den Kompromiss abgewendet werden. Reicht das oder ist der Kollaps nur aufgeschoben?

Kater: Der Kompromiss reicht nicht aus. Deshalb muss es aber nicht zwangsläufig zum Kollaps kommen. Entscheidend sind weitere Sparanstrengungen. Das Land muss seine Verschuldung glaubwürdig in den Griff bekommen, es darf aber andererseits die Konjunktur durch die Sparmaßnahmen nicht abwürgen. Dies erfordert von den Politikern viel Geschick.

DHZ: Was bedeutet die Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch Standard & Poor’s?

Kater: Das war zu erwarten. Die Amerikaner haben mittlerweile so viele Schulden aufgehäuft, dass selbst mit einem weiteren Sparpaket in Höhe von 1,5 Billionen Dollar nicht einmal die Hälfte dessen eingespart wird, was für einen ausgeglichenen Haushalt notwendig wäre. Die Ratingagentur hat festgestellt, dass es nicht schnell genug geht. Eine Herabstufung von AAA auf AA+ ist aber nicht so dramatisch. Da der Dollar eine Reservewährung ist, werden die Zinsen ganz sicher nicht so stark steigen wie in Griechenland.

DHZ: Was bedeutet dies alles für die Weltwirtschaft?

Kater: Die reinen Zahlen sprechen dafür, dass die Auswirkungen des Haushaltskompromisses nicht so groß sein werden. Was Präsident Obama an Sparmaßnahmen angekündigt hat, wird vor allem 2013 und 2014 wirksam. Dennoch markiert der US-Schuldenstreit eine Zeitenwende. Hatten die Staaten nach der Finanzkrise bisher ihre Geld- und Finanzpolitik hochgefahren, um sich eine Erholung zu erkaufen, haben sie jetzt die Grenzen der Staatsverschuldung erreicht. Damit fällt diese Form der Unterstützung endgültig weg.

Das ist der eigentliche Schock. Deshalb haben auch die Aktienmärkte so stark reagiert. Jetzt wird sich zeigen, wie stark die Wirtschaft von sich aus wächst. Wir rechnen in den USA in den nächsten Jahren mit einem durchschnittlichen Wachstum von ein bis zwei Prozent und in Europa von rund zwei Prozent. Das ist keine Rezession.

DHZ: Auch in Europa verschärft sich die Schuldenkrise. Wie sehen Sie das?

Kater: Verwundbar sind alle Länder, deren Staatsschuld auf über 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gestiegen ist. Das gilt in Europa insbesondere für die Italiener, aber auch für Griechen, Iren und Portugiesen. Allerdings sind die Italiener nicht unter dem Rettungsschirm. Auch deshalb sind sie den jüngsten Attacken der Finanzmärkte ausgesetzt. Es sind insbesondere die Leerverkäufe der Hedgefonds, die die Zinsen so nach oben treiben. Italien hat früher aber sehr wohl bewiesen, dass es seine Staatsschulden abbauen kann.

Auf diesen Pfad muss es schnellstmöglich zurückfinden. Dies wird aber nur gelingen, wenn das Land von Zinssteigerungen abgeschirmt wird und die Märkte mit ihren eigenen Waffen geschlagen werden. Dazu muss der EFSF aktiv werden. Der Fonds hat die Kompetenz dazu bekommen. Das Problem ist nur, das die Politiker geglaubt haben, man könnte sich mit der Umsetzung Zeit lassen. Daher sieht sich die Europäische Zentralbank noch einmal gezwungen, zu intervenieren und italienische Anleihen zu kaufen. Als Übergangslösung ist das vertretbar. Die Gefahr ist nur, dass es nicht bei Übergängen bleibt.

DHZ: Viele fürchten wegen der Krisen mehr Inflation oder eine Währungsreform. Wie realistisch ist das?

Kater: Die Bürger merken, dass die Staaten bei der Staatsverschuldung an ihre Grenzen gestoßen sind. Natürlich können Industrieländer auch Pleite gehen. Ich hoffe nur, dass die Bürger auch die richtigen Konsequenzen ziehen und bei den nächsten Wahlen von den Parteien keine weiteren Wohltaten, sondern schmerzhafte Einschnitte verlangen.

Interview: Karin Birk