DHZ-Interview "Die Kreditvergabe wird teurer"

Sandra Schmidt, Finanzmarktexpertin beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim hält im DHZ-Interview die Folgen der Finanzkrise schwer abschätzbar. Interview: Karin Birk

Sandra Schmidt: Die Folgen der Krise sind schwer abschätzbar. Foto: ZEW

"Die Kreditvergabe wird teurer"

DHZ: Die Bundesregierung hat ein enormes Rettungspaket geschnürt. Haben wir die Finanzmarktkrise jetzt wieder unter Kontrolle?

Schmidt: Mit Sicherheit nicht vollständig. Dennoch ist das Rettungspaket ein Meilenstein, der eine gewisse Stabilität in die Finanzmärkte bringt. Dies hängt vor allem mit zwei Bestandteilen des Pakets zusammen, die die Kreditvergabe erleichtern sollen. So will der Staat durch direkte Beteiligungen an Banken deren Kapitalausstattung wieder verbessern. Außerdem gibt er Bürgschaften für die Vergabe von Krediten zwischen Banken. Dieser für die Bankenrefinanzierung so wichtige Interbankenmarkt war mangels Vertrauen völlig zum Erliegen gekommen.

DHZ: Hat die Ankündigung des Rettungspaketes schon zu einer Erholung geführt?

Schmidt: Es scheint auf jeden Fall in die richtige Richtung zu gehen. Die Risikoaufschläge bei den Zinsen am Interbankenmarkt sind zurückgegangen. Wenngleich der Rückgang auch nicht sehr ausgeprägt ist, kann dies als Vertrauenssignal gesehen werden.

DHZ: Müssen Unternehmen jetzt mit deutlich teureren Krediten rechnen?

Schmidt: Das Rettungspaket zielt ganz klar darauf hin, einer Kreditklemme entgegenzutreten. Gänzlich auffangen wird es sie wohl nicht können. Meiner Ansicht nach wird die Kreditvergabe für Unternehmer schwieriger und teurer werden. Die Zinssenkung der EZB dürfte die Kreditvergabe zwar erleichtern, allerdings sind die Risikoaufschläge sehr hoch. Dies zeigt sich auch auf dem Anleihenmarkt für Unternehmen ab. Hier hat sich der Risikoaufschlag für Unternehmen mit guter Bonität bereits deutlich erhöht, für Unternehmen mit schlechter Bonität sieht es noch schlimmer aus. Hier zeigen sich auch die schlechteren Geschäftserwartungen.

DHZ: Wie stark wird sich die Finanzmarktkrise auf die Realwirtschaft auswirken?

Schmidt: Wir hatten schon lange keine so schwere Finanzmarktkrise mehr. Die Folgen sind deshalb schwer abschätzbar. Ganz sicher wird sich die Konjunktur im Sog der Finanzmarktkrise verschlechtern. Dies geschieht über verschiedene Kanäle. Wenn Unternehmen schwerer und unter schlechteren Bedingungen an Kredite kommen, werden sie auch weniger investieren. Hinzu kommt, dass viele Exportmärkte Deutschlands wie etwa die USA, Großbritannien, Irland oder Spanien noch viel massiver durch die Immobilien- und Finanzmarktkrise betroffen sind und deshalb deutlich weniger deutsche Produkte nachfragen werden. Darüber hinaus werden die Konsumenten diesen Nachfragerückgang nicht ausgleichen. Ganz im Gegenteil. Zwar haben sich die Energiepreise – insbesondere das Öl – zuletzt wieder etwas moderater entwickelt, durch die jüngsten Schreckensmeldungen sind die Verbraucher aber eher verunsichert und konsumieren noch weniger.

DHZ: Was heißt das für den Arbeitsmarkt?

Schmidt: Schon jetzt bauen Unternehmen vereinzelt ihr Kontingent an Zeitarbeitern ab. Diese Tendenz dürfte sich weiter fortsetzen. Der Arbeitsmarkt ist ein nachlaufender Indikator, der meist erst nach rund sechs Monaten auf konjunkturelle Veränderungen reagiert.

DHZ: Welche Lehren sollte man für die Finanzmarktaufsicht ziehen?

Schmidt: Wir brauchen ganz sicher eine stärkere Transparenz bei den Finanzprodukten. Die Risiken müssen besser erfasst werden. Auch sollten Banken ihre Risiken nicht vollständig weiterverkaufen dürfen. Außerdem sollte die Entlohnung von Bankmanagern so angelegt sein, dass sie nicht nur kurzfristige Gewinne einstreichen, sondern auch längerfristige Risiken berücksichtigen. Und nicht zuletzt sollte die Finanzmarktaufsicht national und international verbessert werden.