Nullzinspolitik In drei Jahren werden die Kredite knapp

Die Schwäche der Banken könnte bald zu Engpässen bei Darlehen führen. Handwerksbetriebe müssen sich vorbereiten, dass Sparkassen und Genossenschaftsbanken kürzer treten.

Steffen Range

Zinsen gibt es längst nicht mehr aufs Ersparte. Dafür drohen bei größeren Vermögen aber Strafzinsen. - © fotogestoeber/fotolia.com

Für Handwerksbetriebe wird es bald schwieriger, an günstige Darlehen zu kommen. Bankexperten warnen bereits vor einem Kreditengpass. "Die Finanzierung ist schwieriger geworden, trotz niedriger Zinsen", sagte Professor Bernd Nolte bei einem Informationsabend der Handwerkskammer Region Stuttgart. "Die Risikobereitschaft der Banker lässt nach", bestätigte Unternehmensberater Jürgen Herzig, der kleine Firmen bei Kreditverhandlungen berät. Die Fachleute waren sich einig: Strenge Auflagen für die Banken und niedrige Zinsen beeinträchtigen die Kreditvergabe. Nolte warnte: "Dieser Fluch wird jeden erreichen. In zwei, drei Jahren werden auch schicke Unternehmen Probleme bekommen."

Derzeit gelingt es den meisten Firmen noch mühelos, faire Bedingungen auszuhandeln. "Für Vorzeigebetriebe ist die Situation richtig gut", sagte Thomas Hoefling, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart. Vor allem Unternehmer, mit denen Banken gute Erfahrungen gemacht hätten, profitierten vom Konkurrenzkampf der Finanzinstitute. Komplizierter sei es für "kleine und junge Betriebe". Hoefling analysierte: "Das Geschäft mit kleinteiligen Krediten lohnt sich oft nicht wegen des hohen Verwaltungsaufwands." Vertreter des Handwerks befürchten, dass einige Geldhäuser lieber einen große Kredit an die Industrie vergeben als fünf kleine Darlehen an Handwerker.

Angewiesen auf Sparkassen und Volksbanken

Rund 80 Prozent der Handwerksbetriebe wickeln ihre Geldgeschäfte über Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken ab. Sie sind angewiesen auf regional verwurzelte Institute, die sich für das Geschäft mit Kleinunternehmen interessieren. Sowohl in den Städten als auch auf dem Land haben Betriebe in Deutschland in der Regeln keine Probleme, Bankkredite zu bekommen. Anders etwa als Kleinunternehmern in Frankreich, die sich Geld oft bei der Familie, Kollegen oder Lieferanten leihen müssen, wenn sie eine Maschine kaufen oder die Werkstatt erweitern wollen. Ein kleinteiliges Bankensystem mit Sparkassen oder Genossenschaftsbanken gibt es im Nachbarland nicht.

Früher lebten Volksbanken und Sparkassen gut davon, Ersparnisse der Kunden einzusammeln, um sie in Form von Krediten an die Unternehmen der Region herauszureichen. Doch mit dem Verleih von Geld lässt sich viel weniger verdienen, seitdem die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf Null gesetzt hat. "Es ist ein Novum in der Geschichte, dass der Kapitalist keine Früchte aus seinem Kapital bekommt", sagt Professor Nolte. Er prophezeit, die Phase niedriger Zinsen werde zwei Jahrzehnte dauern. "Das klassische Geschäftsmodell der Banken ist beendet."

Erste Banken nehmen Strafzinsen

Einige Banken haben schon damit begonnen, Privatleuten Strafzinsen aufzubürden, sofern diese größere Vermögen auf ihren Konten horten. Die Raiffeisenbank Gmünd am Tegernsee berechnet ein "Verwahrentgelt" von 0,4 Prozent für Einlagen von mehr als 100.000 Euro, auch die Sparkasse Allgäu will vom kommenden Jahr an 0,4 Prozent nehmen, allerdings erst ab 250.000 Euro. Die Volksbank-Raiffeisenbank Niederschlesien in Sachsen verlangt sogar eine Kontogebühr von mindestens fünf Euro pro Monat für das Tagesgeld-Konto, damit will sie Großanleger abschrecken. Die Institute sehen sich dazu gezwungen, weil sie ihrerseits Strafzinsen an die EZB zahlen müssen, wenn sie dort Geld parken. Die Zentralbank will erreichen, dass möglichst viel Kapital in Umlauf kommt, damit die Wirtschaft angekurbelt wird.

Die meisten Sparkassen und Banken scheuen noch vor Strafzinsen zurück. Dafür aber hat die Mehrzahl der Institute in den vergangenen Monaten die Kontoführung verteuert - oder erhebt zusätzliche Gebühren für bestimmte Dienstleistungen. Überweisungen auf Papier oder die Annahme von Bargeld werden also kostspieliger. Derartige Aufschläge sind allerdings nicht ohne Risiko. Eine Studie der Stuttgarter Unternehmensberatung MM1 zeigt, dass gerade junge Kunden der Sparkasse und Genossenschaftsbanken den Rücken kehren, sobald die Kontoführung etwas kostet. Junge Erwachsene gehen also genau dann zur Konkurrenz, wenn sie als Kunden interessant werden für Sparkassen und Genossenschaftsbanken - etwa weil sie sich Baufinanzierungen oder zusätzliche Versicherungen abschließen.

Teures Filialnetz

Andererseits unterhalten Sparkassen und Genossenschaftsbanken nach wie vor ein kostspieliges Netz an Geschäftsstellen. Das wird zwar nach und nach ausgedünnt, aber ist immer noch dichter als das Filialnetz der großen Finanzkonzerne, von Direktbanken ganz zu schweigen. Viele Banken konzentrieren ihre Geschäftskundenberatung inzwischen in den Kreisstädten und Metropolen - damit verlieren mache Handwerker ihre gewohnten Ansprechpartner. "Durch die Zentralisierung sind viele Banken weit weg von ihren Kunden", stellte Hauptgeschäftsführer Hoefling beim Informationsabend in Stuttgart fest.

Gleichzeitig müssen Geldhäuser immer mehr Personal abstellen, um die Vorgaben der Aufsichtsbehörden zu erfüllen. In einer Bank fällt heute viel mehr Bürokratie an als noch vor einem Jahrzehnt: Selbst einfache Baufinanzierungen füllen ganze Aktenordner, und Beratungsgespräche mit Anlegern werden detailliert protokolliert. Wenn Banken Kredite vergeben, müssen sie mehr Risikopuffer einplanen. Außerdem sehen sich die Geldhäuser dazu gezwungen, in neue Technik und ihre Abläufe zu modernisieren, um den aufstrebenden Konkurrenten im Internet, den so genannten Fintechs, Paroli zu bieten.

Langlaufende Kredite bevorzugt

Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind typisch deutsche Einrichtungen. Nur wenige andere Länder kennen ein vergleichbares Bankensystem. Daher tut sich Brüssel auch so schwer damit, zwischen kleinen Banken und Finanzkonzernen zu unterscheiden - alle müssen die gleichen Auflagen erfüllen. Vertreter der Sparkassen und Genossenschaftsbanken beklagen, dass es in Brüssel bislang an Verständnis für das deutsche Bankensystem fehle. Einige Bürokraten empfehlen, dass sich kleine Unternehmen - ähnlich wie in den USA - stärker am Kapitalmarkt finanzieren sollten. Sie sollen also Aktien oder Anleihen ausgeben, um sich Kapital zu beschaffen. Das kommt für Handwerker allerdings nicht infrage. Deutsche Mittelständler bevorzugen langlaufende Kredite. Nolte sagt: "Bankkredite sind die wichtigste externe Finanzierungsquelle."

Die Gewinne sinken, die Kosten steigen, die Auflagen werden strenger. Was bedeutet das nun für die Kredite? Professor Nolte rechnet damit, dass die Banken künftig weniger freigiebig Darlehen vergeben werden. Langfristige Finanzierungen seien mit mehr Risiko verbunden, würden daher demnächst seltener angeboten. Für Kredite müssen Banken immer mehr Rücklagen bilden, also Sicherheitspuffer aufbauen, um den möglichen Ausfall von Darlehen abzufedern. Daher werden die Institute genauer prüfen, wem sie überhaupt noch Kredit gewähren. Die Bearbeitung eines Darlehenswunsches macht überdies inzwischen so viel Mühe, dass Banken es sich zwei Mal überlegen, ob sie eine Anfrage mit geringer Kreditsumme überhaupt berücksichtigen, befürchten Bankexperten.

Strengere Kreditprüfung

Vor allem aber dürften sich viele Betriebe daran stören, dass die Banken immer neugieriger werden. Sie verlangen mehr Berichte, und Unterlagen für den Bankberater müssen besser vorbereitet sein als früher. Der Kredit per Handschlag gehört der Vergangenheit an, über die Kreditwürdigkeit befindet nicht der "gute Bekannte" in der Bank, sondern "Kollege Computer". "Die Anforderung an die Unterlagen und Dokumentation ist gestiegen", bestätigte Harald Kimmerle, Leiter Kredit bei der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg. Dem pflichtete Unternehmensberater Herzig bei: "Sorgen Sie dafür, dass die Aktenlage perfekt ist, sie wissen nicht, wer am Ende des Tages über ihren Kreditantrag entscheidet." Gerade ältere Unternehmer sträubten sich dagegen, ihre Geschäftszahlen zu offenbaren. Herzig rät Handwerkern dazu, möglichst offen mit ihren Bilanzen umzugehen. Inzwischen sei es normal, der Bank einmal pro Quartal Zahlen zu präsentieren. "Kredit ist keine Einbahnstraße, sondern auch eine Bringschuld", so Herzig. Kein Bankberater "reißt ihnen den Kopf ab, wenn sie die Planzahlen nicht erreichen". Ungeschickt sei es, Verfehlungen zu verschweigen.

Doch Banken sind nicht nur neugieriger geworden, sie sehen sich die Finanzierung des Unternehmens auch kritischer an, wenn es um Darlehen geht. Professor Nolte geht davon aus, dass Handwerksbetriebe dazu gedrängt werden, künftig mehr Eigenkapital vorzuhalten. "Das typische Familienunternehmen mit privat wohlhabenden Unternehmern aber schwachem Eigenkapital, das werden die Banker nicht mehr akzeptieren."

Einsehen in Brüssel

So beeinträchtigen Bürokratie und Regulierung, niedrige Zinsen und der digitale Wandel die Vergabe von Krediten. Viele Experten rechnen mit einem Bankensterben, andere erwarten zumindest eine Konzentration in der Bankenlandschaft. So geschah es in Japan: Dort gab es vor zwei Jahrzehnten noch rund 90 Genossenschaftsbanken, heute ist davon ein Zehntel übrig geblieben.

Zumindest in Brüssel allerdings scheint die Botschaft angekommen, dass ein kleinteiliges Bankensystem gut zur Wirtschaftsstruktur Deutschlands passt mit seinen vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen. Einige Aufseher versprachen zuletzt, kleine Sparkasse nicht genauso streng zu regulieren wie zum Beispiel die Deutsche Bank. Offenbar prüft die EU-Kommission gerade, kleinere Banken bei der Kreditvergabe von einigen Auflagen zu verschonen und Darlehen an den Mittelstand bevorzugt zu behandeln.

Tipps für die Kreditverhandlung

Kreditverhandlungen sind kein Glücksspiel. "Als Betrieb können Sie einiges tun, um ihre Verhandlungsposition zu stöärken", sagt Thomas Hoefling, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart.

  • Reden Sie häufig mit Ihrer Bank
  • Arbeiten Sie mir zwei Hausbanken zusammen
  • Lassen Sie sich Ihren Rating-Status detailliert erläutern
  • Holen Sie mehrere Angebote ein und vergleichen Sie die Ratingnoten der Banken
  • Setzen Sie Hinweise zur Verbesserung der Kreditwürdigkeit um
  • Schreiben Kredite so lange wie möglich fest
  • Führen Sie schon jetzt Gespräche über Kreditlinien für die Zukunft