Formentera, einst Hochburg der Blumenkinder, konnte seine Ursprünglichkeit bis heute bewahren. Das begeistert Gäste und inspiriert Künstler. Von Christine Heilmannseder
Die karibische Seite Spaniens
Vier Uhr nachmittags, die Sonne brennt und kein Wölkchen ist am blauen Himmel zu sehen. Es ist wohl einer der 300 Sonnentage, mit denen sich Formentera rühmt. Obwohl auf der kleinen Baleareninsel die Uhren anders ticken sollen als im restlichen Spanien, wird auch hier gerne Siesta, Mittagsruhe, gehalten. Die Straßen von San Ferran, einst die Wiege des Tourismus auf Formentera und Hochburg der Blumenkinder, sind wie leergefegt. Ein Hund läuft über den Kirchplatz, sucht wohl nach einem schattigen Plätzchen. Zwei schwarz gekleidete einheimische Frauen scheinen dieses schon vor dem Fonda Pepe gefunden zu haben. Die einstige "In"-Kneipe der Insel und beliebter Treffpunkt der Hippies, ist mittlerweile zu einem nicht minder gefragten Restaurant geworden.
Ein paar Meter weiter auf der Hauptstraße: Aus dem weißgetünchten Gebäude mit der quietschgrünen Eingangstür ertönt das Geräusch einer Schleifmaschine. An der Hausmauer prangt ein schlichtes Reklameschild "Formentera Guitars". Ein flüchtiger Blick ins Innere des Gebäudes erweckt den Eindruck, dass es sich hier wohl um eine Werkstatt handeln muss. Der scheint trügt nicht, doch es ist eine besondere Werkstatt, oder besser gesagt, eine der wenigen Gitarrenbauschulen Europas. Ekkehard Hoffmann ist Herr über die "Formentera Guitars“.
Der 58-jährige Deutsche kam vor 20 Jahren nach San Ferran, um sich auf der Insel sein eigenes Saiteninstrument anzufertigen. Er war von der kleinen Baleareninsel so begeistert und blieb. Aus dem ehemaligen "Lehrling" ist mittlerweile ein Lehrer geworden. Seine Schüler kommen aus ganz Europa, der Kurs dauert drei Wochen und kostet 1.950 Euro. "Unter den Kursteilnehmern sind auch solche, die schon in ihrer Jugend eine Gitarre selbst bauen wollten und sich jetzt diesen Traum endlich erfüllen", erklärt Hoffmann, der in seinem "ersten Leben" in Deutschland Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik war.
Quelle der Inspiration
"Umgesattelt" hat auch Niklaus Schmidt. Der 1942 in Duisburg geborene Deutsche war 30 Jahre alt, als er seinen sicheren Job als technisch-kaufmännischer Leiter an den Nagel hing und zum "Weltenbummler" wurde. Er reiste um den halben Globus, ging nach Indien, Afrika und Südamerika. Vor gut 30 Jahren wurde er dann auf Formentera sesshaft – mit allem, was dazugehört: Ein kleines Haus mit Garten, Hund, Auto und einen (neuen) Beruf: Der mittlerweile 68-jährige schreibt Reisebücher, Hörspiele und Kriminalromane.
Die Ursprünglichkeit Formenteras scheint für den Schriftsteller eine Quelle der Inspiration zu sein. Trotz der kristallklaren Karibikstrände zählt das kleine Baleareneiland, das nur per Fähre über Ibiza zu erreichen ist, zu den letzten kaum entdeckten Paradiesen Europas. Dass es so noch ist, verdankt die Insel der Tatsache, dass sie keinen eigenen Flughafen besitzt und nur über "Umwege" zu erreichen ist.
Ausrangierter Omnibus ist berühmteste Bar
Gut für die Touristen: Der Eintritt zu den, wenn auch eher wenigen Sehenswürdigkeiten der Insel ist nicht mit Schlange stehen verbunden. Und an den wunderschönen Stränden liegt man eh nicht Handtuch an Handtuch. Hoch frequentiert ist nur ein kleiner Strandabschnitt an der sechs Kilometer langen Playa Migjorn, und zwar der rund um den "Pirata-Bus". Die wohl berühmteste Beachbar der Insel gilt als Formenteras Antwort auf Sylts Sansibar. Die hölzerne Strandbude, einst ein ausrangierter Omnibus, der den Blumenkindern als Kneipe diente, zählt zu den originellsten Treffpunkten auf der Insel. Selbst der Strand mit seinen Dünen erinnert an die Nordseeinsel.
Ob Niklaus Schmid bei seinen Recherchen nach neuen Kriminalgeschichten hier mal auf ein Bier vorbeischaut, sei dahingestellt. Weit hat er es jedenfalls nicht. Seine kleine schneeweiße Finca liegt ein paar Gehminuten vom "Pirata-Bus" entfernt.
Information
- Badespaß: Die Strände Formenteras zählen zu den saubersten Europas. Die einen präsentieren sich als raue Dünenlandschaften wie auf Sylt, die anderen romantisch wie in der Karibik. Türkisblaues Wasser und weißen Sand haben alle. Zu den bekanntesten Stränden zählen die Playas Llevante, Pujols, Tramuntana und Migjorn.
- Sehenswürdigkeiten: Camí Romà: der alte Römerweg ist eine interessante Wanderroute für Geschichtsinteressierte. Er beginnt in Es Calo und führt bis zur Hochebene La Mola.
Salinen: Seit einem Vierteljahrhundert wird dort kein Salz mehr gewonnen. Das Gebiet ist vor allem bei Radlern und Wanderern beliebt.
- Leuchttürme: Romantisch sind die Sonnenuntergänge am Leuchtturm von Cap de Barbaria. Vom Leuchtturm von La Mola aus kann man bei idealen Sichtverhältnissen bis rüber nach Afrika schauen.
- Kunsthandwerkermarkt: Auf dem Hippie-Markt in El Pilar werden Gästen während der Sommermonate immer sonntags eine Mischung aus selbst gefertigtem Kunsthandwerk und Live-Musik geboten.
- Buchtipp: "Der etwas andere Formentera Reiseführer" von Niklaus Schmid − im Handel für 14,90 Euro.
- Unterkunft: Das komplett renovierte Vier-Sterne-Hotel RIU La Mola liegt direkt am Strand von Migjorn. Es bietet 324 modern eingerichtete Zimmer, ein Haupt- und ein Grillrestaurant, einen Süßwasserpool, eine Lounge-Bar, einen "Chill-Out"-Bereich sowie ein SPA-Center. Infos zum Hotel unter riu.com, buchbar bei TUI im Reisebüro.
- Flüge: Mit Air Berlin ab diversen deutschen Städten direkt nach Ibiza unter airberlin.com.
Preisbeispiel:
Riu La Mola****, Playa Mitjorn: Eine Woche im Vier-Sterne-Hotel Riu La Mola kostet mit Flug und Halbpension ab 555 Euro pro Person im Doppelzimmer. Im TUI Paket inklusive ist der Zug zum Flug 1. Klasse.