Die Karawane zieht weiter

Quergedacht

Die Karawane zieht weiter

Ein einziges Mal durften wir uns so fühlen wie heute. Das war anno 1989 und 1990: Da fiel der kommunistische Machtblock in sich zusammen, das vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan so bezeichnete „Reich des Bösen“ kapitulierte vor der Macht des Faktischen. Doktor Michail Gorbatschow, der mit den Medikamenten Glasnost und Perestroika in letzter Sekunde die Heilung des siechen Patienten versucht hatte, konnte vor der Geschichte nur noch den Totenschein ausstellen. Quasi über Nacht hatte der Kommunismus aufgehört zu existieren. So erschien es uns zumindest und wir mussten uns vom Nachbarn kneifen lassen, um sicherzugehen, dass all dies wirklich geschah.

Und heute? Auch heute sollten wir uns kneifen lassen. Dachten wir doch mit einiger Überheblichkeit, dass es der freie Markt allen gezeigt hätte: den Kommunisten und Sozialisten, den Regulierern und Bürokraten. Endlich wurde „der Staat“ in seine Grenzen gewiesen. Reich, so unsere Überzeugung, werden wir alle nur, wenn wir die Finanz- und Kapitalmärkte frei schalten und walten lassen. Segen der Globalisierung! „Der Markt“ wird immer ins Gleichgewicht kommen und selig wird uns nur der „American Way of Life“ machen. Tatsächlich? Jetzt werden „wir“ verstaatlicht, respektive unser Bankensystem. Aus und vorbei ist es mit der großen Freiheit, wo sich Fritz der Tellerwäscher nebenbei mal an der Börse zum Millionär hochzocken konnte. Systemwechsel, „Schwamm drüber“, ist angesagt. Und wie nach jeder Niederlage in der Weltgeschichte ist es verdächtig still um die Analytiker, die versuchen, den inneren Ursachen der Katastrophe auf die Spur zu kommen. Umso lauter aber tönen die Kameltreiber: „Sei’s drum, die Karawane zieht weiter…“ rom