Obwohl die Europäische Zentralbank seit Jahren den Markt mit Geld überschwemmt, kommen europäische Unternehmen kaum einfacher an Kredite. Woran das liegt, erläutert Daniel Bendel vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln im Gespräch mit der Deutschen Handwerks Zeitung.
Mirabell Schmidt
DHZ: Herr Bendel, seit 2008 schwemmt die Europäische Zentralbank den Markt mit Geld. Dennoch ist hinsichtlich der Kreditvergabe nichts bei den Unternehmen angekommen...
Daniel Bendel: Nichts ist nicht richtig. Wir sehen momentan in der Eurozone ein zweigeteiltes Bild. In Deutschland scheint sich die Kreditvergabe wie auch die Kreditnachfrage wieder normalisiert zu haben. In den südlichen Ländern der Eurozone sind jedoch immer noch Störungen im Kreditgeschäft zu erkennen.
DHZ: Woran liegt das?
Bendel: Dafür sind zwei Dinge mitverantwortlich: Zum einem ist die Kreditvergabe in Südeuropa immer noch sehr restriktiv – da aufgrund der wirtschaftlichen Lage das Chance-Risiko Verhältnis aus Sicht der Bank als immer noch nicht attraktiv angesehen wird. Zugleich aber fragen die Unternehmen dort auch weniger Kredite nach, da sich Investitionen wegen des allgemeinen unsicheren wirtschaftlichen Umfelds zu riskant sind. Wenn zudem Banken schließlich sehen, dass sie ihr Geld woanders zu attraktiveren Konditionen anlegen können, wie zum Beispiel auf den internationalen Aktienmärkten, tun sie das. Dies verringert natürlich noch zusätzlich das Kreditangebot.
Kreditnachfrage ist gering
DHZ: Die Geldpolitik der EZB zeigt also für Unternehmen keine Wirkung?
Bendel: Keine Wirkung würde ich nicht sagen. Es ist momentan noch keine starke Wirkung auf das Unternehmenskreditvolumen in der Eurozone zusehen, besondere in den Krisenstaaten. In Griechenland sind beispielsweise die Kreditkosten 2015 immer noch hoch und liegen um 3,2 Prozentpunkte über denen in Deutschland.

DHZ: Anders sieht es bei Krediten an private Haushalte aus. Warum?
Bendel: Die meisten privaten Kredite sind Immobilienkredite. Hier hat die Geldpolitik der EZB positiv gewirkt, da die Zinsen für solche Kredite gesunken sind und Käufer die Immobilie eher als sogenannten sicheren Hafen ansehen, stieg auch die Kreditnachfrage an. Bei den Unternehmen werden Kredite aber aufgrund von Investitionsentscheidungen aufgenommen, welche stark von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage abhängen. Ist diese schlecht, leidet auch die Kreditnachfrage.
DHZ: Wie ist die Lage der Unternehmen in Deutschland?
Bendel: Man muss unterscheiden zwischen dem europäischen Kreditvolumen als Ganzes und dem in Deutschland. In den südlichen Ländern der Eurozone ist das Kreditvolumen trotz der Geldschwemme der Europäischen Zentralbank gesunken. In Deutschland ist die Kreditnachfrage der Mittelständler gestiegen und es ist auch jetzt eine allgemein gute Entwicklung im Kreditgeschäft zu erkennen.
Deutsche Unternehmen sollten jetzt umschulden
DHZ: Seit März kauft die EZB in großem Maßstab Staatsanleihen auf und schwemmt den Markt mit noch mehr Geld. Wird das in den südlichen Ländern etwas ausrichten können?
Bendel: Zwar zeigt das Programm für die Unternehmen derzeit nur eine geringe Wirkung, doch bei der Entwicklung des Kreditvolumens sind die Wachstumsraten gegenüber den Vorjahreswerten zuletzt wieder angestiegen, zum Beispiel in Spanien und auch in Griechenland. Den größten Effekt gibt es bislang am Interbankenmarkt. Mit gewisser Verzögerung wird die positive Lage auf dem Interbankenmarkt auch den Unternehmen zugutekommen, denn sinkt die Unsicherheit auf dem Interbankmarkt können sich Banken besser refinanzieren und somit auch wieder mehr Kredite vergeben. Einen Zeitrahmen kann man dabei allerdings nicht absehen.
DHZ: Sie sagen, die Vergabe von Unternehmenskrediten läuft hierzulande bereits gut. Werden die deutschen Unternehmen von der Liquiditätspolitik dennoch profitieren?
Bendel: Die deutschen Unternehmen sind besonders stark im Maschinen- und Anlagebau. Sobald die Unternehmen in den südlichen Ländern wieder investieren, werden das die exportierenden Betriebe in Deutschland spüren.
DHZ: Was raten Sie Unternehmen bis dahin?
Bendel: Das Beste, was sie bis dahin machen können, ist umzuschulden – also teure Kredite in günstige umwandeln. Das Risiko verbunden mit einer Neuverschuldung motiviert durch günstige Zinsen kann ich nicht beurteilen.
