Bauhandwerk setzt auf Cloud und Apps Die ferngesteuerte Baustelle

Cloud, Software und Smartphone krempeln die Arbeitsprozesse im Bauhandwerk um. Im Ergebnis erhöhen digital aufgestellte Betrieb ihre Effizienz und reduzieren den Stress.

Michael Sudahl

Anweisung per Tablet: Arbeitsvorgänge und Standorte von Bohrmaschinen und Baggern lassen sich mit speziellen Apps kontrollieren und steuern. - © Syda Productions/Fotolia.com

Simon Haag kann abends entspannen. Der Bauunternehmer jagt die Arbeitspläne für seine Erdbaumaschinen in die virtuelle Wolke. Dann weiß er, dass die Planierraupenfahrer am nächsten Morgen zentimetergenau ihren Job erledigen.

Teilautomatisiert entspannt die Raupe ihren Fahrer, weil sie vom Firmensitz im württembergischen Neuler bei Ellwangen via GPS geortet und auf der Baustelle (fern-)gesteuert wird. Sind die Asphalt- oder Erdarbeiten erledigt, zückt der Kolonnenführer sein Handy und schießt ein paar Bilder. Der über das elektronische Bautagebuch dokumentierte Baufortschritt landet auf dem Betriebsserver.

Möglich macht das eine App. Übers Handy die Baustelle im Blick haben, das gefällt Haag. Sogar Arbeitszeiten und Standorte der 400 Bohrmaschinen und Bagger seines Betriebes tippen die 130 Mitarbeiter in ihre Smartphones. Diese werden damit zur mobilen Stechuhr oder Geräteliste.

Apps sind unumgänglich

Mobiles Internet, Software in der Cloud und Kollaboration, also virtuelle Zusammenschlüsse, sind die großen IT-Trends. Auch und gerade für Handwerker, wie Johannes Woithon feststellt. Der Chef von Softwareentwickler orgavision ist überzeugt, dass Betriebe gezwungen sind, auf Apps und Vernetzungen zu setzen. Als Grund nennt er die aktuell heranwachsende Generation, die in die Berufswelt strömt. "Wir haben es zum ersten Mal mit Leuten zu tun, die gegenüber ihren Eltern und Chefs einen Wissensvorsprung haben", verdeutlicht der 48-jährige Softwareberater, der selbst Unternehmer und Vater von drei Kindern ist. Auch Haag bestätigt, dass ältere Kollegen sich gerne Apps erklären lassen – und zwar von ihren Kindern oder gar Enkeln. Wer demnach Fachkräfte und Kunden in der Generation der unter 30-Jährigen sucht, sollte sich mit Apps & Co. beschäftigen.

Selbst die öffentliche Hand wird zunehmend IT-affiner. Das jüngste (Groß-)Projekt stammt aus Berlin. Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat Pläne zur neuen Simulationssoftware Building Information Modeling (BIM) vorgestellt. Sie soll bei großen Verkehrsprojekten unterstützen. Erst digital, dann real bauen, ist die Devise. Bis 2020 soll BIM für den Tiefbau Pflicht sein. Flughafen BER und Stuttgart 21 lassen grüßen.

Woithon sieht für Handwerker das größte Potenzial allerdings in der Modernisierung vorhandener IT-Strukturen. Beispiel Ablagesysteme. "In vielen Betrieben gibt der Explorer die Struktur vor, wie Kalkulationen, Rechnungen oder Preislisten abgelegt werden", erklärt er.

Doch dieses System gebe keine Garantie für Aktualität und Einzigartigkeit. Liegen verschiedene Angebote (final1.doc, final2.doc, final3.doc) auf dem Rechner, gehe womöglich eine alte und falsche Version an Kunden. Das muss nicht sein. Neue Überwachungsprozesse bewahren Handwerker automatisiert vor peinlichen und teuren Missgeschicken.

Spannend ist zudem Software, die Funktionalitäten aus sozialen Medien aufgreift. Mit eingebautem Messenger und Kommentarfunktionen. Wie bei WhatsApp und Facebook üblich. Damit und mit nachlesbaren Historien wie bei Wikipedia sind junge Kollegen und Kunden aufgewachsen. "Sie erwarten diese Werkzeuge in den Apps und Programmen, die sie im Betrieb oder im Kundengespräch vorfinden", lautet Woithons nüchterne Bilanz.

Büro in der Tasche

Auch Bianca Wege vom Softwarehersteller Cats aus Gladbach sieht in der engmaschigen Vernetzung von Baustelle und Betrieb die Zukunft: "Das Büro in der Hosentasche", nennt es die Marketingleiterin. Es sorgt dafür, dass Informationen zu Kunden, Angeboten und Terminen direkt auf dem Smartphone verfügbar sind. Das Clevere daran: Alles, was unterwegs eingetragen wird, gleicht sich automatisch mit dem Programm im Betrieb ab. Wer will, kann auch die Bürosoftware von unterwegs aus nutzen, um Angebote zu erstellen. Von 70 Prozent Zeitersparnis ist die Rede, weil Wege wegfallen und Automatismen besser greifen.

Was genau hinter BIM steckt lesen Sie unter www.dhz.net/bim .