Im Jubiläumsjahr "100 Jahre Audi" könnte wieder das passieren, was schon zum 100. Horch-Jubiläum 2004 geschah – Westsachsen wird vereinfacht als Wiege des sächsischen Automobilbaus gefeiert. Zu Unrecht, weiß der Kustos für Straßenverkehr im Verkehrsmuseum Dresden, Thomas Giesel.

Die ersten sächsischen Autos kamen aus Coswig
Der sächsische Automobilpionier hatte seine Fabrik in Coswig bei Dresden und hieß Emil Hermann Nacke (1843 – 1933). Schon 1900 und 1901 hatte der Maschinenbauer erste Personenwagen auf Bestellung an Industrielle und höhere Beamte ausgeliefert. "Das bestätigte sogar August Horch in seiner Biografie", sagt der Kustos für Straßenverkehr im Verkehrsmuseum Dresden, Thomas Giesel.
Zwar existiert das Fabrikgelände noch immer im Coswiger Stadtteil Kötitz, der Automobilbauer Nacke allerdings ist nur noch Fachleuten der Branche und Interessierten an Regionalgeschichte ein Begriff.
Spätestens mit Ende des Zweiten Weltkriegs verschwand die Firma Nacke nach Enteignung und Demontage durch die Rote Armee aus der öffentlichen Wahrnehmung. Der Niedergang habe allerdings bereits in den 1920er Jahren begonnen, hat Giesel recherchiert. Damals verpasste der bereits hochbetagte und kinderlose Firmenchef den Anschluss an den technischen Fortschritt. "Nacke wehrte sich gegen Kooperation mit anderen Fahrzeugherstellern", erklärt der Experte aus dem Verkehrsmuseum. Bis kurz vor seinem Tod 1933 im Alter von 90 Jahren soll Nacke noch die Geschicke seiner Firma geleitet haben, die er nur zögerlich an einen seiner Neffen übergab.
Als Ingenieur Nacke in den Automobilbau einstieg, war er bereits 57 Jahre alt. Vom Besuch der Pariser Automobil-Ausstellung 1900 brachte der bereits erfolgreiche Maschinenbauer einen Zweisitzer der Marke "Panhard & Lavassor" mit. Daraufhin gründete er in seiner Maschinenfabrik eine Abteilung Automobilbau und entwickelte seine eigenen Nobelwagen, die er "Coswigas" nannte. "Wir würden so etwas heute wahrscheinlich Industriespionage nennen", vermutet Giesel.
Niemals vom Band gelaufen
Das erste Auto aus Coswig war etwa 30 bis 35 Stundenkilometer schnell und hatte eine Leistung von acht bis zehn PS. Die Fahrzeuge liefen bei Nacke niemals vom Band: Alle Autos waren Einzelanfertigungen, die Käufer der noblen Karossen konnten ihre Wünsche einbringen. Sämtliche Einzelteile wurden in der eigenen Fabrik gefertigt. Der sächsische Hof orderte einen Jagdomnibus. Nacke war der Einstieg in den Nutzfahrzeugbau gelungen. Es entstanden Transporter, die der weltgewandte Geschäftsmann mit perfekten englischen und französischen Sprachkenntnissen auch ins Ausland exportierte. Aus Indien sind Einsätze Coswiger Lastwagen dokumentiert, sagt Giesel.
Aufsehen erregte Nacke, als Kaiser Menelik II. von Abessinien – heute Äthiopien – einen Personenwagen aus Coswig kaufte. Auch das Militär orderte Transporter in größerer Anzahl. Nacke soll Vorreiter bei der Ablösung des Kettenantriebs durch die Kardanwelle gewesen sein. Zwischenzeitlich betrieb der Fahrzeughersteller und Maschinenbauer sogar eine eigene Omnibus-Linie, mit der er die Stadt Meißen in Niederau an die Leipziger und in Weinböhla an die Berliner Eisenbahnlinie anschloss. Der Unternehmer galt als sozial, baute Firmenwohnungen mit kleinen Gärten, beschenkte die Kinder seiner Arbeiter und Angestellten zu Weihnachten und Ostern.
Historisches im Stadtmuseum Coswig
Das Verkehrsmuseum hat noch ein Originalfahrgestell aus Nacke-Produktion ausfindig machen und fürs Depot aufkaufen können. Der Nachbau eines Transporters sei damit mittelfristig durchaus realistisch, sagt Kustos Giesel.
Dem Stadtmuseum in Coswig gelang es mit Hilfe von Sponsoren unlängst, eine "Coswiga" im Maßstab 1:8,5 nachbauen zu lassen. Am ehemaligen Fabrikgelände wurde in diesem Jahr eine Gedenktafel für den sächsischen Autopionier angebracht, sagt Archivarin Petra Hamann. Sie macht sich seit Jahren für die Nacke-Tradition in Coswig stark.
Trotzdem gibt es bisher keine Straße, die nach dem Fabrikanten benannt ist. Nackes Villa steht auf Radebeuler Gebiet und wird zu Wohnungen umgestaltet. Nils-Eric Schumann/ddp