Das deutsche Handwerk steckt in der Krise fest. Das bestätigt eine aktuelle Analyse der Deutschen Handwerks Zeitung. Ein Blick in die Branchen.

Seit Anfang 2023 fehlt es der deutschen Wirtschaft an Schwung. Zuletzt hatten Ökonomen darauf gesetzt, dass der private Konsum mehr Dynamik in die Wachstumsentwicklung bringen würde – dank kräftig steigender Löhne sowie nachlassender Inflation.
Gleichwohl liegt die Anschaffungsneigung der Verbraucher nach wie vor auf einem extrem niedrigen Niveau. Offenbar bauen viele Menschen nach den Krisen der vergangenen Jahre erst einmal wieder finanzielle Puffer auf. Überdies dämpfen steigende Arbeitslosen- und Insolvenzzahlen die Kauflaune.
Der Export leidet unter hohen Steuern und Energiepreisen
Ein anderer bewährter Wachstumstreiber schwächelt ebenfalls: der Export. Insbesondere der Handel mit China leidet unter den Wettbewerbsnachteilen der deutschen Industrie. Verantwortlich dafür sind hohe Steuern und Energiepreise hierzulande. Kraftlos ist zudem die Investitionstätigkeit der verunsicherten deutschen Wirtschaft. Auch am Bau wird wenig investiert, wozu vor allem das gehobene Zinsniveau beiträgt. Angesichts des rasanten Strukturwandels gerät Deutschland in Verzug.
Wesentliche Belastungsfaktoren für die Handwerkskonjunktur haben also weiter Bestand. In den von der DHZ untersuchten Umfragen im September 2024 gaben dennoch nur 18 Prozent der Betriebe an, ihre aktuelle Lage sei schlecht. Je 41 Prozent beurteilten sie mit gut bzw. mit befriedigend. Aus diesen Angaben resultiert ein Indexwert von 124 Punkten, ein Punkt mehr als zu Beginn des Sommers.
Auftragsbestand für die Jahreszeit unterdurchschnittlich
Der genaue Blick auf die Konjunkturindikatoren verrät jedoch, dass die Auftragslage alles andere als rosig ist. Der Anteil der Betriebe, aus deren Sicht der Auftragsbestand für die Jahreszeit zu niedrig ist, liegt bei 28 Prozent. Seine Reichweite bewegte sich mit zwei, drei Monaten auf einem Vierjahrestief.
Der unzureichende Auftragszufluss wirkt sich negativ auf den Auslastungsgrad der Unternehmenskapazitäten aus. Dieser lag im Berichtszeitraum mit 80 Prozent nur um einen Punkt höher als im ersten Corona-Sommer.
Auch die Umsatzentwicklung weist die fehlende Dynamik nach. 29 von 100 Teilnehmern berichteten von schwindenden Einnahmen in den Sommermonaten. Das ist saisonuntypisch und eine vergleichsweise hohe Quote. Der langjährige Mittelwert für diesen Zeitraum liegt bei 20 Prozent. Im 1. Halbjahr 2024 waren die nominalen Umsätze im deutschen Handwerk um 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr geschrumpft.
Trotz wirtschaftlicher Flaute berichteten 45 Prozent der Teilnehmer von steigenden Einkaufspreisen. Damit verschärft sich der Kostendruck, den die deutlichen Lohnsteigerungen aufgebaut haben.
Branchentrends
Die Schlüsselbranche für die Handwerksentwicklung ist das Baugewerbe. Es steuert auf höchst unterschiedlichen Pfaden durch das Jahr 2024. Vor allem in den Ballungsräumen ist der Wohnungsneubau derzeit am Boden. Die Herstellung und Finanzierung sind vielen Bauwilligen zu teuer, außerdem fehlt es an Flächen. Dem steht ein Umsatzzuwachs im Tiefbau entgegen. Zugkraft entwickelt hierbei die Errichtung von Straßen, Bahnverkehrsstrecken und Leitungsnetzen.
In den Autohäusern stabilisieren die Werkstattgeschäfte den Umsatz. Dagegen sorgt man sich um den Absatz von elektrisch betriebenen Fahrzeugen. Dafür gibt es viele Ursachen. Im Grunde fehlt es an finanzieller Förderung, und die Akzeptanz der Technologie ist ausbaufähig. Letzteres hat mit den hohen Preisen, dem überschaubaren Angebot von Kleinwagen, den langen Ladezeiten, der lückenhaften Infrastruktur und der Reichweitenproblematik zu tun.
Zulieferer blicken wieder etwas zufriedener auf ihre Lage
Die Handwerke für gewerblichen Bedarf, zu denen Zulieferer der Industrie ebenso zählen wie Reinigungsfirmen, Informationstechniker oder Metallbauer, konnten zuletzt wieder zufriedener auf ihre Lage blicken. Gegenüber dem Vorjahr stagnierte zwar die Auslastung, gleichzeitig legten die Auftragsbestände aber zu. Der Trend überrascht ein wenig, denn die deutsche Industrie als wichtiger Auftraggeber gilt derzeit als Konjunkturbremse.

Die konjunkturellen Eckdaten der Bäcker, Metzger und Konditoren haben sich im Lauf des Sommers kaum verändert. 17 Prozent waren mit den laufenden Geschäften unzufrieden, 27 Prozent erlitten Umsatzeinbußen.
Viel Grund zum Optimismus haben auch die privaten Dienstleister nicht. Die erwartete Belebung der Konsumlaune ist bislang nicht eingetreten; die höheren Einkommen wandern zu einem überdurchschnittlichen Anteil in den Sparstrumpf.
Vorschau: Auf wackligen Beinen
Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland ist blutleer. Eine spürbare Erholung wird von den Ökonomen immer weiter in die Zukunft verschoben. Das bewährte Wachstumsmodell, das auf billiger Energie und Globalisierungsgewinnen beruhte, funktioniert nicht mehr. Das Handwerk muss davor keine Angst haben. Auf lange Sicht dürfte die Nachfrage nach Handwerksleistungen in einer alternden Gesellschaft mit einem hohen Bedarf an neuen Wohnungen und an der Umsetzung innovativer Technik kein Problem sein. Mittelfristig steckt das Handwerk aber gleichfalls in der Krise fest. Es fehlen Impulse, denn die Industrie investiert zögerlich. Zudem halten sich Bauwillige und Konsumenten zurück. Auch der Staat muss sparen.
Beim Blick auf die vor ihnen liegenden Monate bis zum Jahresende rechnet jeder vierte Handwerksunternehmer mit einer Verschlechterung der Lage. Der Erwartungs-Index bricht gegenüber dem Stand Ende Juni um neun auf 83 Punkte ein. 30 Prozent der befragten Handwerker befürchten ein Minus bei den Bestellungen. Und auch der Abwärtstrend bei der Beschäftigung hält an. Die restriktiven Pläne werden untermauert durch das rückläufige Stellenangebot bei den Arbeitsagenturen.
Alles in allem ist eine tiefgreifende Erholung der Handwerkskonjunktur nach wie vor außer Reichweite. Es gibt jedoch eine reelle Chance, dass die konjunkturelle Talfahrt 2025 zu Ende geht. Dazu braucht es vor allem eine Trendwende im Wohnungsbau. Ein paar Ampeln müssen auf diesem Weg aber noch auf Grün umspringen. Immerhin haben sich zuletzt die Preise für Immobilien stabilisiert, die Banken melden eine lebhaftere Kreditvergabe an Bauwillige. Zudem hat die EZB seit dem Sommer dreimal die Zinsen gesenkt und so die Finanzierungsbedingungen verbessert.
