Trotz so vieler Beschäftigter wie nie, schwindet die Mittelschicht in Deutschland weiter. Immer weniger Haushalte der Unterschicht und der unteren Mittelschicht können von ihren Arbeitseinkünften leben. Experten befürchten Probleme für den Sozialstaat.

Seit Mitte der 1990er Jahre hat in Deutschland die Einkommensungleichheit stärker als in vielen anderen europäischen Ländern zugenommen. Dadurch schwindet die Mittelschicht. Laut einer Studie der Universität Duisburg-Essen ging der Anteil von Haushalten mit einem mittleren Einkommen zwischen 1993 und 2013 von 56 auf 48 Prozent zurück.
Sozialstaat fängt wachsende Ungleichheit nur teilweise auf
Als mittleres Einkommen definieren die Experten vom Institut Arbeit und Qualifikation von der Universität Duisburg-Essen für eine vierköpfige Familie 60 bis 200 Prozent des Medianeinkommens. Das entspricht in etwa 2.100 bis rund 6.800 Euro brutto im Monat.
Demnach stieg auch der Anteil der Geringverdiener. "Der Sozialstaat hat die wachsende Ungleichheit der Markteinkommen nur zum Teil auffangen können", sagen die beiden Forscher Gerhard Bosch und Thorsten Kalina.
Obere Einkommensklassen: Mehr Verdiener pro Haushalt
"Auch die Arbeitszeiten in Deutschland sind in den letzten Jahren zunehmend ungleich verteilt, außerdem expandieren der Niedriglohnsektor und prekäre Beschäftigungsformen", erklären die IAQ-Forscher den Rückgang der Mittelschicht. Zudem haben die oberen Einkommensklassen nicht nur mehr Verdienst, sondern auch mehr Verdiener und deutlich längere Arbeitszeiten. Das heißt: Je höher das Einkommen, desto mehr bezahlte Arbeitsstunden leisten alle Haushaltsmitglieder. "Die Arbeitszeit-Kluft zwischen den Schichten hat sich in den letzten 20 Jahren vergrößert und damit auch die Ungleichheit", so Kalina und Bosch.

Experten sehen Gefahr für den Sozialstaat
Obwohl sich die deutsche Wirtschaft im letzten Jahrzehnt stark entwickelt hat - die Zahl der Arbeitslosen wurde beinahe halbiert und 2015 ist ein neuer Rekord von fast 43 Millionen Beschäftigten in Sicht - können immer weniger Haushalte der Unterschicht und der unteren Mittelschicht von ihren Arbeitseinkünften leben.
Unter ihnen gibt es vermehrt Singles und oft nur geringe Erwerbstätigkeit. Dadurch sehen die Experten auch eine Gefahr für den Sozialstaat: "Wenn der Sozialstaat schon in guten Zeiten so stark beansprucht wird, besteht die Gefahr, dass er in Krisenzeiten überfordert ist."
Untere Einkommensschichten haben oft nur Zugang zu Minijobs
Deutsche aus unteren Einkommensschichten hätten in vielen Branchen meist nur noch Zugang zu Minijobs und kurzer Teilzeitarbeit. Hinzu kommt das deutlich höhere Niedriglohnrisiko: "Mittlerweile arbeiten fast zwei von drei Beschäftigten aus der Unterschicht im Niedriglohnsektor", so die Forscher. Ein Grund dafür sei unter anderem, dass das Bildungssystem zu viele Jugendliche ohne Berufsabschluss entlasse, die dann nur sporadisch oder in Teilzeit beschäftigt würden.
Minijobs schnellstmöglich beseitigen
Wichtigstes Ziel müsse es sein, die Ungleichheit bei den Markteinkommen zu verringern. "Der neue Mindestlohn muss durch eine Erhöhung der Tarifbindung ergänzt werden“, fordern Bosch und Kalina. Zudem müssten aber auch die Beschäftigungschancen der Haushaltsmitglieder aus den unteren Einkommensschichten verbessert und ihre Arbeitszeiten ausgeweitet werden. „Die Anreize für Beschäftigte, nur kurz zu arbeiten, und für Unternehmen, nur Minijobs anzubieten, müssen beseitigt werden.“
Dieses Problem schnellstmöglich zu beseitigen ist deshalb so wichtig, weil die Anreize für Unternehmen nach Einschätzung der Experten vor allem darin liegen, dass die gesetzlichen Mindeststandards bei geringfügigen Beschäftigungen nicht eingehalten werden müssen. Die meisten Minijobber erhalten keine bezahlten Urlaubs-, Feier- oder Krankheitstage, die normal angestellten Arbeitnehmern gesetzlich zustehen. end/pm