Finanzierung: Gründungen und Nachfolge "Die Bürgschaft darf nicht den Preis rechtfertigen"

Guy Selbherr, Vorstandsvorsitzender des Verbandes Deutscher Bürgschaftsbanken, über den Trend, dass vermehrt Bürgschaften für Nachfolgefinanzierungen beantragt werden.

Frank Muck

Die Nachfolgefinanzierung und damit deren Unterstützung gewinnt laut KfW immer mehr an Bedeutung. - © Kaesler Media - stock.adobe.com

Fast 3.000 kleine und mittelständische Unternehmen haben die Bürgschaftsbanken im ersten Halbjahr 2017 unterstützt, indem sie Investitionen und Betriebsmittel abgesichert haben. Mehr als die Hälfte davon waren Gründungen. Dazu zählen auch die Übernahmen, deren Zahl mit 783 zum ersten Mal über der der neu gegründeten Betriebe lag (762). Nach Aussage des Verbandes Deutscher Bürgschaftsbanken ist das eine Trendwende.

"Wir stehen noch am Anfang dieser Entwicklung", sagt Guy Selbherr, Vorsitzender des Verbandes. Aufgrund des demografischen Wandels würden zukünftig noch mehr Nachfolger die Unterstützung der Bürgschaftsbanken brauchen. Denn immer mehr Unternehmen stünden zur Übernahme bereit. Laut KfW-Bankengruppe sucht bis Ende des kommenden Jahres fast jeder sechste Mittelständler einen Nachfolger.

Übernahme meist teurer als Neugründung

Es seien vor allem die Nachkriegsgenerationen, die ihren Betrieb in andere Hände legen möchten. Ein solcher Übergang sei weder emotional noch operativ einfach zu bewerkstelligen. Hinzu kommt die finanzielle Komponente, bei der die Bürgschaftsbanken eine wichtige Rolle spielen könnten. Denn meist sei eine Übernahme eines bestehenden Unternehmens teurer als eine Neugründung. Wenn es dann an Sicherheiten fehle, könnten Bürgschaftsbanken aushelfen. Das durchschnittliche Bürgschaftsvolumen für Übernahmen lag bei rund 194.000 Euro, für Neugründungen bei mehr als 112.000 Euro.

Insgesamt haben die Bürgschaftsbanken in den ersten Monaten dieses Jahres Bürgschaften und Garantien in Höhe von fast 555 Millionen Euro vergeben. Damit konnten die geförderten Betriebe 838 Millionen Euro an Krediten und Beteiligungen bei Banken und Sparkassen besichern. Das sind fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Die DHZ hat Guy Selbherr zur Bürgschaftsvergabe bei Nachfolgen befragt.

DHZ: Die Bürgschaft zur Finanzierung einer Nachfolge nimmt inzwischen einen großen Anteil ein. Wie kommt das?

Guy Selbherr. - © VDB

Selbherr: Das ist ein Trend, den wir seit Jahren beobachten. Gründungen sind demografiebedingt und aufgrund der guten Chancen in der Industrie rückläufig. Bei den Nachfolgen ist es umgekehrt. Die gründungsstarken Jahrgänge kommen in das Alter – ab 50 Jahren aufwärts –, in dem sie an die Nachfolge denken. Dazu kommt, dass die Unternehmen derzeit sehr erfolgreich sind. Das treibt die Kaufpreise nach oben. Dafür braucht es höhere Finanzierungen und einen höheren Absicherungsbedarf, sprich Bürgschaften.

DHZ: Der erhöhte Finanzbedarf im Vergleich zu Neugründungen ist also tatsächlich darauf zurückzuführen, dass die Betriebe erfolgreich und damit teuer sind?

Selbherr: Letztendlich zahle ich den vergangenen Ertrag. Als Investor vergleiche ich, welche Rendite ich habe, wenn ich mein Geld sicher bei der Bank anlege oder wenn ich in ein Unternehmen investiere. Weil ich ein entsprechend höheres Risiko trage, muss ich mehr Rendite erwarten können. Wenn der Cashflow auch in Zukunft stabil ist, kann ich daraus den Kaufpreis oder die Finanzierung tragen. Die Planung dafür ergibt sich aus einer mehrjährigen Rückschau und einer Prognose für die folgenden Jahre, was die jeweiligen Geschäftszahlen des Unternehmens betrifft. Die Beurteilung ist vielschichtig und auch sehr unternehmensspezifisch.

"Uns ist es recht, wenn ein Teil des Kaupreises vom künftigen Ertrag abhängig gemacht wird."


DHZ: Die Entscheidung für oder gegen eine Bürgschaft dürfte bei einer Übernahme jedoch leichter zu fällen sein.

Selbherr: Das ist tatsächlich so, weil man ja sieht, wie jemand gewirtschaftet hat. Aber es gibt auch andere Aspekte. In Baden-Württemberg begleiten wir pro Jahr rund 500 Nachfolgen. Dabei fällt auf, dass es für viele Unternehmen eben eine Zäsur ist. Das Management wird ausgetauscht. Es entsteht eine hohe Belastung, weil der Kaufpreis in der Regel aus dem Unternehmen selbst erwirtschaftet werden muss. Auf der anderen Seite wird das Beziehungsgeflecht des bisherigen Geschäftsführers gekappt. Es fällt auf, dass nur ein geringer Anteil der Unternehmen die Planwerte übertroffen hat. Der Großteil wirtschaftete so wie bisher oder musste einen deutlichen Rückgang im ersten Jahr hinnehmen. Uns ist es recht, wenn in den Vertrag eine so genannte Earn-out-Komponente eingebaut ist. Dadurch wird ein Teil des Kaufpreises vom künftigen Ertrag abhängig gemacht. Zum Beispiel sind dann 100.000 Euro optional zu bezahlen, wenn der Wert X beim Jahresergebnis oder beim Cashflow erreicht wird.

DHZ: Wie viele Anträge auf Bürgschaften müssen Sie ablehnen?

Selbherr: Die Ablehnungen sind im Handwerk mit unter zehn Prozent relativ gering. Ein Grund ist oft der zu hohe Verkaufspreis. Die Bürgschaft soll nicht Mittel zum Zweck sein, um den Preis nach oben zu treiben. Unter Umständen muss neu verhandelt werden. Die Hausbank des Betriebs sitzt dabei oft zwischen den Stühlen, weil sie natürlich auch dem Käufer gerecht werden muss. Wir als Bürgschaftsbank können jedoch eingreifen und nochmal eine Plausibilisierung des Preises einfordern.

DHZ: Wird der Preis nicht auch oft zu hoch angesetzt, weil die Verkäufer aus dem Unternehmen noch Kapital – eventuell für ihre Altersvorsorge – rausziehen wollen?

Selbherr: Genau das ist der Punkt. Viele haben ihre ganze Altersvorsorge in den Betrieb gesteckt. Einige profitieren zusätzlich von der Immobilienpreis-Entwicklung und dem günstigen Zinsumfeld, um höhere Kaufpreise durchzusetzen. Allerdings sollte der Kaufpreis innerhalb einer überschaubaren Zeit getilgt werden können, maximal nach 15 Jahren. Die Märkte sind inzwischen viel zu unbeständig, als dass man noch nach über zehn Jahren von Geschäften des Vorgängers profitieren könnte.

DHZ: Hat sich die Zusammensetzung der Übernehmer geändert?

Selbherr: Der Anteil der externen Übernehmer hat kontinuierlich zugenommen. Schon 2008 ging das IfM Bonn davon aus, dass pro Jahr in 71.000 Familienunternehmen eine Nachfolge ansteht und dass externe Nachfolgelösungen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Eine neuere Untersuchung für den Zeitraum 2014 bis 2018 bestätigt das: Mit 54 Prozent kommt nur noch gut die Hälfte der Nachfolger aus der Familie.

"Das Rating der Banken hat eine ungeregelte Nachfolge bestraft."

DHZ: Wie kommt das?

Selbherr: Das hat verschiedene Gründe. Einerseits sehen sich Kinder nicht mehr so in der Pflicht zur Nachfolge. Die Familien sind außerdem weniger kinderreich, so dass sich weniger Alternativen in der Familie auftun. Hinzu kommt, dass interne Nachfolgen nicht die günstigsten sind. Die Kinder tun sich beim Verhandeln schwer, weil sie natürlich das Lebenswerk ihrer Eltern achten wollen. Ein hoher Verkaufspreis belastet sie dann jedoch langfristig.

DHZ: Sind die Betriebe im Allgemeinen gut vorbereitet auf den schwierigen Wechselprozess?

Selbherr: Das hat sich verbessert und liegt auch am Rating der Banken, die eine ungeregelte Nachfolge bestrafen. Eine schlechte Vorbereitung erschwert außerdem neue Finanzierungen. Zur Unterstützung gibt es in der Handwerksorganisation vielfach Nachfolgemoderatoren und auch Bürgschaftsbanken unterstützen dies. Manche unterschätzen aber immer noch den Prozess, so dass oft genug die Übergabe fehlschlägt. Im Schnitt sollte man fünf Jahre veranschlagen. Dementsprechend früh muss man damit beginnen.

DHZ: Haben Sie abschließend drei knackige Tipps für übergabewillige Unternehmer?

Selbherr: Erstens: Man muss mit Enttäuschungen umgehen können. Deshalb sollte man nüchtern und offen an das Thema herangehen. Dementsprechend viel Zeit sollte sich auch der Übergeber lassen. Zweitens: Man sollte nicht nachlassen in seinen unternehmerischen Bemühungen, nur weil man weiß, dass die Übergabe ansteht. Jeder will doch ein florierendes Unternehmen weitergeben. Spart man etwa an Investitionen, schmälert das die Attraktivität des Unternehmens. Am Ende zahlt man den Preis dafür. Mein Rat: Verhalte dich immer so, als wenn du das Unternehmen weiterführst. Drittens: Bei aller langfristigen Planung des Übergangs sollte man die Übergabe nicht zu lange hinauszögern. Das dient auch der Klarheit darüber, wer welche Rolle im Unternehmen spielt, und erleichtert es dem Nachfolger, seinen Platz einzunehmen.

Bürgschaftsbanken

16 deutsche Bürgschaftsbanken unterstützen kleine und mittelständische Unternehmen mit Bürgschaften, wenn bei der Kreditvergabe die Sicherheiten nicht ausreichen. Traditionell werden am häufigsten Handwerker verbürgt. Immer stärker nachgefragt werden Bürgschaften bei der Finanzierung von Nachfolgen.
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