DHZ-Gespräch: Alfred Szorg, Agentur für Arbeit Stuttgart, über die notwendige Geduld mit Bewerbern.
Frank Muck
"Die Betriebe müssen werben"
DHZ: Woran liegt es, dass Betriebe und Bewerber nicht zueinander finden?
Szorg: Das Problem kennen wir seit mehreren Jahren. Die Bewerber haben Berufsziele, die nicht identisch sind mit dem Angebot. Die Bereitschaft, jegliches Angebot anzunehmen, das zielführend für eine dauerhafte Beschäftigung wäre, ist noch nicht so ausgeprägt.
DHZ: Wie lässt sich diese Lücke schließen?
Szorg: Zum Teil wird an Imagekampagnen gearbeitet. Hier darf man nicht nachlassen. Außerdem haben wir als Agentur ein großes Spektrum an Angeboten. Die Betriebe sollten uns auf jeden Fall ihre Stellen melden, auch wenn sie das Gefühl haben, dass sie niemanden finden. Wir bieten den Bewerbern Alternativen zu ihren Wunschberufen an und bringen sie so zu Vorstellungsgesprächen. Nicht jede Fleischereifachverkäuferin wollte diesen Beruf ursprünglich nach ihrem Schulabschluss ergreifen. In der Regel kommen solche Ausbildungsverhältnisse zustande, weil die Berater in den Gesprächen entsprechende Alternativen aufzeigen. Werden diese Stellen nicht gemeldet, bleiben die Alternativangebote und damit eine Vermittlung zwischen Betrieb und Bewerber aus. Werden die Stellen jedoch gemeldet, können die Berufsberater diesen Bedarf abbilden.
DHZ: Was können Betriebe noch tun?
Szorg: Ich appelliere an die Kompromissbereitschaft der Betriebe, auf jeden Fall den Bewerbern eine Chance zu geben. Der Bewerber, der kommt, hat ja eine Grundmotivation, aber wenn er spürt, dass er nicht willkommen ist, stürzt diese Motivation zusammen. Die Betriebe sollten geduldig sein und sich die Bewerber anschauen. Mit der Einstiegsqualifizierung (EQ) besteht auch die Möglichkeit zu testen, ob Betrieb und Bewerber zusammenpassen. EQ ist ein Praktikum für Betriebe, die glauben, keinen geeigneten Bewerber zu finden. Über mindestens ein halbes Jahr wird ein Schulabgänger im Praktikum getestet. Eine Chance zum gegenseitigen Kennenlernen. Oftmals sieht der Betrieb, dass der vermeintlich schlechte Bewerber sich in einem halben Jahr entwickelt und bietet ihm dann doch die Ausbildung an. Etwa 60 Prozent der Jugendlichen, die eine EQ machen, haben hinterher einen Ausbildungsplatz. Zusätzlich bieten wir eine sozialpädagogische Begleitung für Lehrlinge mit zu großen Defiziten im Sozialverhalten. Wir haben außerdem intensive schulische Nachhilfe im Angebot, so dass die Absolventen die Prüfung packen können. Diese Hilfen werden von der Arbeitsagentur finanziert. Also, nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, sondern das Problem ansprechen.
DHZ: Sollten Betriebe sich verstärkt um Bewerber mit höheren Schulabschlüssen kümmern für Stellen, die normalerweise für Hauptschüler gedacht sind, oder sollten sie mehr auf die Einstiegsqualifizierung für vermeintlich schwache Schulabgänger setzen?
Szorg: Die Einstiegsqualifizierung ist nur die Notlösung. Das Werben um Leute mit höherwertigen Abschlüssen ist auf jeden Fall gut. Es ist eh fraglich, ob es zwingend ist, dass Abiturienten zum Studium gehen. Hier braucht es entsprechende Angebote. Allerdings können diese Schulabgänger schon jetzt und später noch stärker aus den Angeboten auswählen. Der Bedarf an Höherqualifizierten wird deutlich mehr wachsen als das Angebot an Fachkräften. Da müssen die Angebote schon sehr attraktiv sein, damit Abiturienten auf ein Studium verzichten. Entscheidend ist neben einer Imageverbesserung auch die Information über Karrieremöglichkeiten und die Chancen auf Fort- und Weiterbildung, die ein Beruf bietet. Damit müssen die Betriebe einfach mehr werben.