Arbeitsmarktexperte Enzo Weber zu den Veränderungen des Arbeitsmarktes im Zuge einer zunehmenden Digitalisierung der Wirtschaft. Vor allem in der Schulbildung sieht er noch Handlungsbedarf.
Frank Muck
Wie verändert sich die Wirtschaft und mit ihr die Arbeitsplätze bei einer zunehmenden Digitalisierung? Mit dieser Frage hat sich das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) auseinandergesetzt. In einer Analyse kommt das IAB zu dem Schluss, dass es zu einer deutlichen Umschichtung von Arbeitsplätzen kommt. Wie diese Umschichtungen aussehen und welche Herausforderungen damit auf Arbeitgeber und das Bildungssystem zukommen, hat DHZ-Redakteur Frank Muck Professor Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs "Prognosen und Strukturanalysen" des IAB, gefragt.
DHZ: Eine Digitalisierung der Wirtschaft setzt hohe Investitionen voraus. Liegt Deutschland – Ihren Erkenntnissen nach – im Zeitplan?
Weber: Das muss man differenziert sehen. Beim Ausbau der öffentlichen Infrastruktur könnte man sich wünschen, dass es schneller geht. Das ist jedoch in anderen Ländern auch nicht immer besser. In manchen Bereichen ist Deutschland dagegen führend aufgestellt, etwa bei der Sensortechnik und beim Maschinenbau, der am Ende die Hardware zu produzieren hat. Da haben wir eine exzellente Position. Bei der Datensteuerung sind die USA deutlich vorne. Wir müssen auf jeden Fall wachsam sein, da es Entwicklungen gibt, die nicht zu unseren Stärken gehören, vor allem im Bereich Big Data.

DHZ: In Ihrem Szenario wird es auf dem Arbeitsmarkt 4.0 Arbeitsplatzverschiebungen geben. Wie müssen wir uns das vorstellen?
Weber: Das umfasst zum Beispiel die Verschiebung von traditionell maschinensteuernden Jobs hin zu IT-basierten Tätigkeiten. In niedrig qualifizierten Bereichen wird es Arbeitsplatzverluste geben, dafür aber in höher qualifizierten einen Zuwachs. Außerdem werden sich die Anforderungen innerhalb von Berufen ändern. Wir sehen zum Beispiel, dass lehrende Berufe deutlich profitieren werden aufgrund von Weiterbildungen und ähnlichem. Die Anforderungen werden steigen, was Inhalte und Vermittlungskonzepte angeht. Es wird auch weiterhin Menschen geben, die Maschinen steuern, nur die Art und Weise wird sich ändern.
"IT und Naturwissenschaften werden mehr Arbeitskräfte brauchen"
DHZ: Welche Professionen werden dann stärker nachgefragt sein?
Weber: Wir erwarten eine Verschiebung des Arbeitskräftebedarfs vom mittleren in den oberen bzw. akademischen Bereich in Richtung IT oder Naturwissenschaften.
DHZ: Heißt das, dass es in niedriger eingestuften Fachkräfteberufen zu Arbeitslosigkeit kommt?
Weber: Nein, wir haben ja bereits jetzt Engpässe bei den Fachkräften, die auch längere Zeit noch bestehen werden. Die Entwicklung kann eher ein bisschen zum Ausgleich dieser Engpässe beitragen. Denn die im akademischen Bereich stark steigende Zahl der Arbeitskräfte muss erst einmal aufgenommen werden.
DHZ: Sehen Sie dennoch Schwierigkeiten durch die Veränderung der Berufsbilder?
Weber: Bei der dualen Ausbildung muss man sich fragen, wie man diese in dem 4.0-Prozess weiterhin zur Geltung bringen kann. Zum Beispiel werden unterschiedliche Typen von Tätigkeiten in Produktion, Steuerung und Leitung, nicht mehr so einfach getrennt werden können. Die Technik trägt dazu bei, dass man flexibler und individueller arbeiten kann. Die Steuerung wird weniger hierarchisch, sondern flacher und interaktiver. Wenn man es schafft, die Stärken des Systems beizubehalten und die neuen Anforderungen aufzunehmen, kann das ein wesentlicher Hebel sein, um den Prozess zu gestalten. Im Bildungssystem kann man entsprechende Impulse setzen.
"Solange im niedrigqualifizierten Bereich zu viele Leute nachkommen, wird die Arbeitsmarktpolitik einen schweren Stand haben."
DHZ: Sehen Sie denn unser Bildungssystem darauf vorbereitet?
Weber: Die berufliche Ausbildung steht grundsätzlich gut da. Ihre Stärke kann aber auch eine Schwäche sein. In die Praxis betriebsspezifisch Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, ist einerseits positiv, aber wenn sich starke Veränderungen ergeben, ist die Spezialisierung auch etwas Gefährliches. Es kommt also darauf an, die Stärken zu erweitern. Man sollte in der berufsschulischen und betrieblichen Ausbildung noch offener und flexibler auf Fertigkeiten und Kompetenzen abzielen. Im allgemeinbildenden Schulsystem haben bildungsfernere Schichten immer noch Probleme, weil Aufstieg selten stattfindet und sich Bildungsferne vererbt. Die Arbeitslosenquote der Geringqualifizierten liegt bei 20 Prozent, die der Akademiker bei zwei Prozent. Damit ist alles gesagt. Solange im niedrigqualifizierten Bereich zu viele Leute nachkommen, wird die Arbeitsmarktpolitik einen schweren Stand haben.
DHZ: Heißt das, dass wir diese Menschen stärker aus- und nachbilden müssen?
Weber: Wir müssen dafür sorgen, dass die Bildungs- und sozial Schwachen in diesem Prozess mitkommen. Der wesentliche Hebel wird vor allem in der Erstausbildung liegen, dort, wo man dafür sorgt, dass möglichst wenig Jugendliche ohne Ausbildungsabschluss in den Arbeitsmarkt kommen. Beim Thema Digitalisierung nur auf Genies zu schielen, ist ein Fehler. Die können sich auch selber helfen.
"Das gesamte Schulsystem muss an diesen Kindern und Jugendlichen dranbleiben."
DHZ: Was ist mit den Flüchtlingen, die jetzt dazukommen?
Weber: Die Sprachförderung muss ganz früh einsetzen. Das gesamte Schulsystem über muss man an diesen Kindern und Jugendlichen dranbleiben. Es muss uns auch gelingen, non-formale Qualifikationen zu nutzen. Die wenigsten werden einen in Deutschland anerkannten Abschluss in der Tasche haben.
DHZ: Wie soll sich ein Handwerksbetrieb, sagen wir mal ein Schreiner, auf die Wirtschaft 4.0 einstellen?
Weber: Er sollte sich die Frage stellen, ob es Möglichkeiten für das eigene Geschäft gibt, von der Digitalisierung zu profitieren. Ich würde empfehlen, zu schauen, wie man dadurch noch stärker werden kann. Wo gibt es im Betrieb Möglichkeiten, Kunden noch bessere, individuellere Produkte anbieten zu können. Wenn man selber gestaltet und nicht nur hinterherrennt, ist man immer besser bedient.
DHZ: Wie können Betriebe ihre Mitarbeiter auf die Digitalisierung vorbereiten?
Weber: Weiterbildung wird noch wichtiger. Es muss aber auch nicht jeder ein Programmier-Freak werden, oft macht es auch die Mischung: Die Älteren wissen, wie das Geschäft läuft, was gebraucht wird. Die Jüngeren können neue Dinge umsetzen und vermitteln. Betriebe, die beides zusammenbringen, haben gute Voraussetzungen.