Die Engländer schmieden schon eifrig an ihrem Schlachtplan. Die Kriegsrhetorik ist vor dem Achtelfinale gegen Deutschland auf der Insel wieder "in". Doch eigentlich kaschieren die Inselkicker damit nur ihre Angst. WM-Kolumne von Stefan Galler
Die Angst der drei Löwen vor den Zweibeinern
Meisterbetrieb: Lohnendes Globalisierungskonzept
Für Paul Breitner war die Gruppe von Anfang an ein Freilos, deswegen ging er auch nach dem famosen ersten WM-Auftritt der deutschen Mannschaft gegen Australien auf alle Nöler los: "Wir hätten auch gegen die West-, Ost- und Süd-Mongolei gelost werden können und alle hätten gejammert: Was für eine Hammergruppe!" Nun muss man dem 74-er Weltmeister zu Gute halten, dass er in seiner Funktion als Ex-Guru natürlich gegen alles stänkert, bevorzugt gegen Schwarzmaler und Inkompetente.
Hier allerdings lag er dann doch ein bisschen falsch, schließlich hätten alle drei deutschen Vorrundengegner sämtliche Regionalauswahlen der Mongolei mit Sicherheit aus dem Stadion geballert und beinahe wäre das zumindest Serbien und Ghana auch mit der DFB-Elf gelungen.
Nun wollen wir nicht verhehlen, dass der Drahtseilakt ins Achtelfinale gewisse Gründe hatte: Gegen die Männer vom Balkan war der penible Referee schuld, gegen die Afrikaner lagen bei den jungen Deutschen streckenweise die Nerven blank. Doch dann machte sich das umfangreiche Globalisierungsprogramm des Deutschen Fußball-Bundes bezahlt: Ein junger Türke, in Gelsenkirchen geboren, mit der Schwester einer Pop-Sängerin aus Delmenhorst liiert und vielleicht deshalb der deutschen Sprache nur bedingt mächtig, machte die Tür in die K.O.-Runde mit seinem 20-Meter-Hammer auf.
Die Nachrichten vom zweiten Spiel zwischen Serbien und Australien wurden auch immer besser, so dass mancher schon vermutete, die Deutschen würden sich vielleicht ob des leichteren Weges in Richtung Finale noch ein Gegentor einschenken lassen, um die Gruppe auf Platz zwei zu beenden und fortan gegen fußballerische Kleinstaaten wie die USA und Uruguay spielen zu dürfen.
Aber nein, der Ehrgeiz war größer als die Vernunft, so dass es nun gegen England und – im Erfolgsfall – danach gegen Argentinien geht.
Nur gut, dass es sich bei Deutschen und Briten in etwa so verhält wie bei Menschen und Raubtieren: Im Zweifelsfall haben die drei Löwen mehr Angst vor Zweibeinern als umgekehrt. Und wenn Rooney, Lampard und Co. so weiterkicken wie in der Vorrunde, drängt sich sogar ein Vergleich mit der West-Mongolei auf.
Gesellenstück: Andere Länder, andere Unsitten
So eine Weltmeisterschaft ist – sonst wäre es ja eine Bezirksmeisterschaft – natürlich eine beispiellose Multikulti-Veranstaltung. Und deshalb kommen Menschen mit den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Ansichten zusammen, was wiederum dazu führt, dass man die ein oder andere Handlung auf den ersten Blick nicht begreift, unter Zuhilfenahme von gängigen Klischees aber dann doch einzuordnen weiß. Etwa die persönliche Kränkung des nordkoreanischen Fernsehreporters während des zumindest für den neutralen Beobachter lustigen Schlachtfestes gegen Portugal.
Nun ja, die Bürger des Schurkenstaates sind daran gewöhnt, dass sie anderen Nationen Probleme bereiten. Insofern war es etwas Neues für die Volksrepublikaner, als sie die Iberer mal derbe spüren ließen, dass außenpolitisches Geschick nicht die einzige Kunst ist, von der sie nichts verstehen. Und weil ein TV-Reporter in Nordkorea extrem linientreu sein muss, tat der Kommentator das aus seiner Sicht einzig Richtige: Vom 0:4 an schwieg er beharrlich. Vermutlich ist ihm einfach nicht eingefallen, wie er den unterdrückten Landsleuten erklären sollte, warum in Pjöngjang schon eine WM-Siegesfeier geprobt worden war.
Auch die Ohrfeige, die der algerische Nationalspieler Rafik Saifi einer Journalistin seines Heimatlandes nach dem Ausscheiden gegen die USA verpasst hat, ist aus Sicht des stolzen Nordafrikaners durchaus nachzuvollziehen. Gut möglich, dass er aus einer Familie kommt, wo die Frauen nicht mal den Fernseher einschalten dürfen – und jetzt will da eine was von ihm wissen, und das auch noch nach einer verheerenden Niederlage gegen die verhasste Supermacht.
Doch auch Saifi wird sich daran gewöhnen müssen, dass sich die Zeiten geändert haben: Sein Opfer hatte – für den konservativen Kicker vermutlich nicht vorherzusehen – lange Fingernägel und kratzte ihm als Retourkutsche böse die Lippe auf. So kann der Balltreter die Fahrt nach Südafrika zumindest als Bildungsreise verbuchen. Fazit: Die Emanzipation in Algerien ist auf dem Vormarsch.
Erstes Lehrjahr: In der Tradition von Aristoteles
Jetzt ist es also amtlich: Otto Rehhagel ist nicht mehr Nationaltrainer Griechenlands. Damit geht nicht nur auf dem Peloponnes eine Ära zu Ende: Schließlich galt Rehhagel als letzter Coach weltweit, der noch immer auf Libero und Manndeckung schwört. Diese Taktik hatte allerdings schon vor sechs Jahren nur deshalb zum EM-Titel geführt, weil keiner der modern auftretenden Gegner damit zurecht kam. Doch seither wirkte Rehhagels Mannschaft wie ein Relikt aus der Zeit von Platon und Aristoteles.
Bei der WM nun wurden den Hellenen von Südkorea eindrucksvoll die Grenzen aufgezeigt, gegen Nigeria kam man erst ins Spiel, als einem der Afrikaner die Leitung durchschmorte und er sich eine Tätlichkeit nebst Platzverweis leistete. Und gegen Argentinien war wieder einmal anschaulich zu sehen, warum es gut ist, wenn König Otto jetzt möglichst schnell abdankt und auch nirgends mehr ein Interregnum übernimmt: Statisch, langsam und nur auf das Zerstören aus – das macht keinem Zuschauer der Welt Spaß, außer vielleicht Rehhagels Intim-Freund Rolf Töpperwien.
Der verzichtete zwar anders als Diego Maradona, sich vom bald 72-jährigen mit Küsschen zu verabschieden, ließ sich aber im ZDF-Interview einmal mehr als Hofschranze vorführen. Aber auch in Töppis Fall ist die Erlösung nahe: Er geht noch in diesem Jahr vorzeitig in Rente.
Zwei linke Hände: Nicht mehr hungrig
Was werden die Franzosen erleichtert sein, dass sich die weltweite Häme nun nicht mehr nur auf sie konzentriert. Nach dem Vizeweltmeister von 2006 ist nämlich nun auch der Titelverteidiger ausgeschieden: Italien war schneller wieder weg als ein Pizza-Bringdienst – und hinterlässt jede Menge Ratlosigkeit. Selten hat man eine nominell starke Mannschaft hilf- und ideenloser agieren sehen als die Cannavaros, de Rossis, Gilardinos und Gattusos am Kap von Afrika.
Bei der Equipe Tricolore lag es zuvorderst am fehlenden Teamgeist und einem planlosen Trainer, die Italiener jedoch haben Weltmeistercoach Lippi und scheinen sich zudem untereinander ganz gut zu verstehen. Und so haben sie vermutlich einhellig beschlossen, bei dieser WM den anderen das Feld und den Pott zu überlassen und sich lieber an den heimischen Stiefel zurückzuziehen.
Oder stattdessen irgendwo hin in den Urlaub zu verduften, schließlich droht an den Flughäfen von Mailand bis Neapel die alte Tradition: Tifosi mit faulen Tomaten warten schon auf die erfolglosen Balltreter. Das marode Gemüse könnte man ohnehin nicht mehr essen, aber das ist in diesem Fall ganz egal, so satt wie sich die Squadra in Südafrika präsentiert hat.