Bedienzuschlag der Deutschen Bahn Die Abzocker ziehen zurück

Die Deutsche Bahn zieht ihre Pläne zum Bedienzuschlag zurück. Allein der Versuch kann als Frechheit bezeichnet werden. Kommentar von Roman Leuthner

Die Kundenproteste waren zu stark: Bahnchef Hartmut Mehdorn musste bei der Bedienpauschale den Rückzug antreten. Foto: ddp

Die Abzocker ziehen zurück

Nach einer beispiellosen Welle der Empörung verzichtet das Unternehmen zwar jetzt offensichtlich darauf – doch nach dem Motto "Schwamm drüber, war ja nur ein netter Versuch…" können wir keinesfalls zur Tagesordnung übergehen.

Für viele Pendler, die mit der Bahn täglich zu ihrem Arbeitsplatz und wieder nach Hause fahren müssen, hätte der Bedienzuschlag eine monatliche Erhöhung ihrer Fahrkosten von bis zu 100 Euro bedeuten können, weil bei vielen Fahrpreiskalkulationen in Verbindung mit einem Großkundenabo solche Tickets lediglich am Schalter erhältlich sind. Und das wissen die Preisstrategen der Bahn genau. Ebenso gut informiert sind sie darüber, dass Kunden, die über das Internet oder am Fahrkartenautomaten ihre Tickets beziehen, fast immer tiefer ins Portemonnaie greifen müssen, als am Schalter. Warum? Weil das Servicepersonal am Bahnschalter im Computernetz der Bahn in den überwiegenden Fällen nachweislich noch einen günstigeren Spartarif findet.

Wie sich der Bahnvorstand in diesen Tagen präsentiert, ist ungeheuerlich. Abzocker scheinen am Werk zu sein, die ihre Kunden größtmöglich schröpfen wollen und lediglich von breiter öffentlicher Empörung gestoppt werden konnten. Ein Rot-Signal bei vollem Tempo! Die Argumentation der Bahnlenker indes, die mit dem letzten Fahrplanwechsel die Tarife ohnehin um knapp vier Prozent erhöhen, ist bekannt: Die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens muss verbessert werden. Wie nennt man das? Ein "Killerargument", das Kritiker sofort zum Schweigen bringen soll. In Wirklichkeit geht es um die Attraktivitätssteigerung des Unternehmens für Anleger an der Börse. Das ist natürlich legitim und nicht nur wirtschaftlich vernünftig, sondern auch erforderlich. Aber nicht um jeden Preis! Denn hier kehrt sich wirtschaftliche Vernunft in dreiste Dummheit um, denn die Bahn bindet ihre Kunden nicht etwa, sondern stößt sie vor den Kopf.

À propos "Kundenbindung": Die Bahn sollte sich sehr viel intensiver um Pünktlichkeit und Service, als um Spekulationen an den Finanzmärkten kümmern. Denn das mit großer Vorliebe benützte Argument der Globalisierung und des damit zusammen hängenden ökonomischen Anpassungsdrucks zieht beim Beförderungsunternehmen Deutsche Bahn wohl kaum – oder will Mehdorn sein Streckennetz erweitern?

In Sachen Service wäre beispielsweise daran zu denken, das Zugbegleitungspersonal besser zu schulen. Auch wenn hier schon vieles besser und professioneller geworden ist – noch viel zu häufig passieren Dinge, die es nur im richtigen (Bahn-)Leben gibt. Nur ein Beispiel: Der Intercity steht im Tunnel, das Licht im Waggon verlöscht, zehn Minuten später (immerhin!) erfolgt eine schnarrende Durchsage, wonach der Triebwagen "ein Problem" habe und die Batterie "resettet" werden müsse; demzufolge verzögere sich die Ankunft um 30 bis 40 Minuten. Während dessen, um die Zeit zu überbrücken, beginnt die Zugbegleiterin gutgelaunt und mit fröhlicher Stimme mit der Kontrolle der Tickets und Bahncards: "Noch jemand zugestiegen?" Die Passagiere fingern im Dunkeln nach ihren Dokumenten und fluchen leise, ob dies nicht später möglich sei. Der Zugbegleiterin aber genügt der matte Widerschein einiger Laptop-Monitore. Na ja. Ein Image-Gau jagt den nächsten…