Diakonie-Dorf Herzogsägmühle Reparaturen an der Psyche

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter psychischen Störungen. Der Alltag überfordert sie. In Oberbayern ist Herzogsägmühle als ganzer Ort darauf ausgerichtet, Betroffene schrittweise in den Arbeitsalltag zurückzuführen. Ein Besuch bei Marco in der dortigen Kfz-Werkstatt.

Mirabell Schmidt

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    © Foto: M.Schmidt
    Marco hat eine harte Zeit hinter sich, blickt aber zuversichtlich nach vorn.
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    © Foto: Herzogsägmühle
    Der Ort Herzogsägmühle.

Marco steht abseits in der großen Kfz-Werkstatt. Er arbeitet allein an einem hellblauen Fiat Panda, der über ihm auf der Hebebühne schwebt. Marco, 26, muss die Zylinderkopfdichtung austauschen, eine knifflige Angelegenheit für den Auszubildenden. Es ist ungewöhnlich ruhig in dieser Werkstatt. Aus dem Büro ruft Martin Schweiger, Marcos’ Ausbildungsanleiter: "Klappt’s, Marco?".

"Ja, geht schon", antwortet der leise, ohne aufzuschauen. Kurz hält er inne, spielt an einem seiner drei Lippen-Piercings herum, dann macht er sich wieder an die Arbeit. Tätowierungen an Brust und Armen blitzen unter seinem blauen Poloshirt hervor. "Semper fidelis" ("Ewige Treue") steht links auf der Innenseite seines Handgelenks, "C’est la vie" ("So ist das Leben") rechts.

Alkohol, Drogen, Schlägereien

Mit zwölf Jahren begann Marco sich zu ritzen. Auto-aggressives Verhalten nennen das Experten. Es folgten einige erfolglose Gespräche beim Psychologen. Als er eine Ausbildung zum Krankenpfleger anfing, geriet er auf die schiefe Bahn. Jeden Tag Alkohol und Marihuana. Auf Partys gingen er und seine Kumpels nur noch mit Schlagstöcken. Irgendwann, erzählt Marco, fragte ihn ein Freund, ob er eine Neun-Millimeter aus Polen möchte. Er lehnte ab. Sechs Monate später ging er auf den Rat einer Freundin wieder zum Psychologen. Die Diagnose: manisch depressive Episode, narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung, dahinter verbirgt sich ein übersteigert selbstbewusstes Auftreten nach außen, kombiniert mit großer Unsicherheit nach innen. Für andere können Betroffene nur wenig Geduld und Mitgefühl aufbringen.

Hier in der Werkstatt hat Marco die Ruhe, die er braucht. Auszubildende wie er oder sein Kollege Dominik könnten mit Zeitdruck auch nicht umgehen. Hier werden Termine nur tageweise ausgemacht, maximal zehn bis 15 Autos am Tag. Hier passt sich nicht der Lehrling dem Betrieb an, sondern der Betrieb dem Lehrling. Hier, das ist Herzogsägmühle, ein gewöhnlicher Ort, Teil der Marktgemeinde Peiting in Oberbayern. 900 Einwohner, Feuerwehr, Schreinerei, Supermarkt, Einfamilienhäuser, Kirche, Friedhof, ganz normal auf den ersten Blick.

Seite 2: Schwierige Beziehung zwischen Marco und Dominik

Heimat Herzogsägmühle

Doch Herzogsägmühle ist ein Zuhause für ungewöhnliche Menschen. Menschen, die in irgendeiner Form benachteiligt sind, durch körperliche oder seelische Erkrankungen. Manche sind alkoholsüchtig , andere haben familiäre Probleme. In der sozialen Einrichtung finden sie einen Lebensraum, in dem sie so selbstständig wie möglich und mit so viel Betreuung wie nötig in einer eben doch nicht so normalen Dorfgemeinschaft leben und arbeiten können.

Ursprünglich ein Zufluchtsort für Obdachlose des "Vereins für Arbeiterkolonien in Bayern", wird Herzogsägmühle seit 1946 von der Inneren Mission München getragen. Schrittweise wurden die Angebote für Betreuungsbedürftige ausgeweitet. Damit wuchs auch der Ort. Wer vorübergehend den Anforderungen des Arbeitsmarkts nicht gewachsen ist, hat heute die Möglichkeit, in mehr als 15 Handwerksbetrieben zu arbeiten oder, wie Marco, eine staatlich anerkannte Ausbildung zu machen. Die meisten Hilfeberechtigten können später in "normalen" Betrieben bestehen. 200 der 900 Einwohner sind Mitarbeiter samt Familien.

Die Kfz-Werkstatt, in der Marco und Dominik arbeiten, liegt mitten im Ort. Bruno Kraut, der Azubi-Betreuer der Werkstatt, ist heute auf einer Beerdigung. In die Stille hinein öffnet sich die Werkstatttür. Ein älteres Ehepaar kommt herein. Alle rufen den beiden "Hallo" zu. Alle außer Marco. Es sind die neuen Betreuer von Dominik. Morgen wird er zu ihnen ziehen. In der betreuten Wohngemeinschaft, in der er untergebracht war, gab es Probleme.

Für Marco ist Dominik ein rotes Tuch. Der nervte ihn einmal so sehr, dass er ihm ins Gesicht schlug. Das war im vergangenen Jahr. Warum er das getan hat, weiß er auch nicht. "Sie sind eine psychologische Großbaustelle", sagte der Psychologe vor fünf Jahren zu ihm. Fünf Monate verbrachte er daraufhin stationär in der Psychiatrie. Er hatte sich selbst eingewiesen. Seine Eltern musste er noch davon überzeugen, dass er Hilfe braucht. "Eine Krankheit, die man nicht sieht, ist auch nicht da", dachten die zu der Zeit. Schließlich kam er zur Langzeit-Reha nach Herzogsägmühle.

Seite 3: Wie Marco gelernt hat, mit seiner Krankheit umzugehen.>>>

Seit viereinhalb Jahren ist er nun hier, hat Kunst- und Gesprächstherapien mitgemacht. Er hat gelernt, mit seiner Krankheit umzugehen. In Situationen, in denen er früher schnell ausfallend wurde, kann er sich jetzt zurückhalten. Nur mit Dominik klappte das nicht.

"Andere Einrichtungen müssen die Hölle sein"

Ausbilder Schweiger schaut Marco über die Schulter. Der versucht gerade eine Mutter am Motorkopf zu lösen, die sich festgefressen hat. Wie aus dem Nichts beginnt Marco leise von seiner Ex-Freundin zu erzählen. Sie ist zwei Jahre jünger als er und schon verheiratet. Ein Kind hat sie auch. "Und ich bin immer noch in der Ausbildung." In Gedanken versunken lässt er die Hebebühne herunter. Schweiger kann dem Fiat gerade noch ausweichen, bevor er ihn am Kopf trifft. "Mei, pass doch auf", sagt er ruhig. Ein wütender Ausbruch wäre jetzt kontraproduktiv.

Meister und Gesellen in den Werkstätten in Herzogsägmühle haben meist eine sonder- oder heilpädagogische Zusatzqualifikation. Für jeden Hilfeberechtigten schaffen die Betreuer einen Arbeitsplatz, um die Menschen langsam wieder in feste Tagesabläufe hineinzuführen. Sie wohnen in betreuten WGs oder Appartements im Ort selbst und wenn es ihr Zustand zulässt in Peiting.

Auch Marco wohnt inzwischen in einer WG im Nachbarort. Er ist froh, dass er damals in Herzogsägmühle einen Platz gefunden hat. "Was man so von anderen Einrichtungen hört, muss das die Hölle sein", sagt er. Hier fühle er sich manchmal sogar überbetreut. Das Modell der Einrichtung findet er gut. Dass jemand erfährt, dass er hier eine Therapie gemacht hat, möchte Marco aber nicht. Freunde hat er hier keine.

"Der Herr Kraut kommt heute Nachmittag", sagt Dominik in die Runde, während er an einer Mercedes-A-Klasse tüftelt. "Das halte ich für ein Gerücht", erwidert Marco, der immer noch mit der Zylinderkopfdichtung des Fiats beschäftigt ist. Es ist das erste Mal an diesem Vormittag, dass Marco mit Dominik spricht. Dann macht er den Bunsenbrenner an, um die festgerostete Mutter zu lösen.