Wirtschaftsforscher Deutschland kommt nur schwer aus der Krise

Das Frühjahrsgutachten zeigt die Folgen der US-Zölle. Zusätzlich belasten hausgemachte Probleme die Wirtschaft. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen in den kommenden zwei Jahren nur mit geringem Wachstum in Deutschland.

Container-Terminal in Hamburg: Die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump könnte die Wirtschaft hierzulande empfindlich treffen. - © M. Johannsen - stock.adobe.com

Die weltweiten Unsicherheiten erhöhen den Anpassungsdruck der deutschen Wirtschaft. "Die geopolitischen Spannungen und die protektionistische Handelspolitik der USA verschärfen die ohnehin angespannte wirtschaftliche Lage in Deutschland", sagte Thorsten Schmidt, Konjunkturchef des RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, bei der Vorstellung des Frühjahrsgutachtens der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute. Hinzu komme die wachsende Konkurrenz aus China auch auf Drittmärkten. Umso nötiger seien Strukturreformen, um Deutschland aus der Rezession zu führen.

Wirtschaftsforscher: Pläne für Strukturreformen reichen nicht

Inwiefern dies gelingen kann, hängt nach Einschätzung der Forscher maßgeblich vom Reformwillen der neuen Bundesregierung ab. Im Koalitionsvertrag gebe es dazu positive Ansätze: "Es gibt in der Tat Lichtblicke", sagte Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Dazu zählten etwa die angekündigten Superabschreibungen auf Investitionen für Unternehmen, der versprochene Bürokratieabbau oder mehr Digitalisierung sowie Investitionen in die Infrastruktur. Leider gebe es aber auch "entscheidende Leerstellen", betonte er etwa mit Blick auf die Reform der sozialen Sicherungssysteme.

Schwannecke: Neue Regierung muss sofort durchstarten

Für Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, ist die Botschaft klar: "Die künftige Regierung wird vom ersten Tag an durchstarten müssen. Die wirtschaftliche Lage gibt keine Schonfrist her." Deutschland kratze an der Schwelle zum dritten Rezessionsjahr in Folge. Schon in den ersten 100 Tagen gelte es Pflöcke einzuschlagen und den Koalitionsvertrag mit Leben zu erfüllen. "Vor allem beim Bürokratieabbau lassen sich schnell spürbare Impulse setzen", sagte er. "Zudem muss mit Hochdruck daran gearbeitet werden, dass Sondermittel für die Infrastruktur schnell fließen", fügte er hinzu. Das schaffe Planungssicherheit.

Zusätzliche Mittel für Infrastruktur wirken vor allem ab 2026

Nach Einschätzung der Institute werden im laufenden Jahr kaum zusätzliche Mittel für Verteidigung und Investitionen abgerufen werden. Für 2026 rechnen sie dagegen mit Mehrausgaben von rund 24 Milliarden Euro. Das könnte das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um rund 0,5 Prozentpunkte auf 1,3 Prozent im kommenden Jahr erhöhen, nachdem die Wirtschaft auch dieses Jahr eher schrumpft. Entscheidend ist nach den Worten Schmidts, dass die zusätzlichen Mittel für Infrastruktur mit Augenmaß eingesetzt werden und nicht wegen begrenzter Kapazitäten nur zu Preissteigerungen führen.

Handelskrieg erschwert Voraussagen

Ausschlaggebend für die weitere Entwicklung der deutschen Wirtschaft ist vor allem die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump. So prognostizieren die Wirtschaftsforscher für dieses Jahr zwar ein minimales Wachstum von 0,1 Prozent. Aber wegen der US-Zollpolitik müssten mindestens 0,1 Prozent abgezogen werden. Vorausgesetzt sind bei dieser Annahme Zölle auf Aluminium und Stahl sowie auf Autos in Höhe von 25 Prozent inklusive Gegenzölle der EU. Sollten die von Trump Anfang April genannten und jüngst wieder für 90 Tagen ausgesetzten Zölle und entsprechende Gegenzölle hinzukommen, könnte die Wirtschaft hierzulande doppelt so stark schrumpfen.

Arbeitslosenquote steigt auf 6,2 Prozent in diesem Jahr

Das alles hinterlässt zunehmend Spuren auf dem Arbeitsmarkt. Seit Mitte 2022 sei die Zahl der Arbeitslosen um 20 Prozent oder 400.000 gestiegen, sagte Schmidt. Die Arbeitslosenquote erhöhe sich damit von 5,3 auf 6,3 Prozent in diesem Jahr. Für 2026 rechnen die Forscher mit 6,2 Prozent.

Noch stabilisieren sich die Verbraucherpreise

Mit Blick auf die Preise erwarten die Forscher 2025 eine Inflationsrate von 2,2 Prozent und im kommenden Jahr von 2,1 Prozent. Für den Fall, dass auch die EU-Importzölle verhängt, könnte die Preissteigerung allerdings etwas höher ausfallen, gibt Schmidt zu bedenken. Die Phase der Leitzinssenkungen dürfte nach Einschätzung der Forscher demnächst zu Ende gehen. In den USA gefährden die höheren Zölle die Preisstabilität. Im Euroraum lasse eine expansivere Finanzpolitik die Kapitalmarktzinsen steigen.